Pfarrerinnen: in der Gegenwart zu vergewissern

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Die katholische Theologin Elisabeth Schüssler-Fiorenza hat mit Bezug auf die Wendung aus Markus 14,9 ihr Hauptwerk mit dem Titel «Zu ihrem Gedächtnis» 1983 veröffentlicht. Sie entriss damit die zahlreichen Frauen, die die Kirche in ihren Anfängen geprägt haben, dem Vergessen. Eine Generation später bleibt es absolut unumgänglich, sich der Gegenwart der Frauen sowohl in der nahen als auch in der weit zurückliegenden Vergangenheit des Christentums und der westlichen Gesellschaft zu vergewissern und dies neu zu formulieren, um unsere gemeinsame Geschichte frisch zu beleuchten.
Claire Clivaz
Der Schweizer Kontext für eine solche Vergewisserung ist speziell. Dazu eine persönliche Erinnerung: Als ich 2001 mein Konsekrationsexamen im Château Saint-Maire in Lausanne ablegte, erhielt ich zum Schluss von der Kommission einen Blumenstrauss und einen Knäuel Wolle mit Stricknadeln, begleitet vom Kommentar, man sei sich einig: ich solle besser das Evangelium verkünden als stricken! Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Schweiz in Sachen Geschlechterbeziehung einen Sonderfall darstellt; über die Gleichstellung von Mann und Frau wurde erst 1981 abgestimmt und gerade mal 1992 akzeptierte der letzte Halbkanton das Stimm- und Wahlrecht für beide Geschlechter. Unsere gemeinsame Erinnerung braucht also noch einen langen Klärungsprozess; Pfarrerin in der Schweiz zu sein, heisst, sich in diesem gesellschaftlich-geschichtlichen Umfeld zu bewegen.

Es sind erst zehn Jahre her, dass Marie Dentières Name in aller Stille ins Genfer Reformationsdenkmal gemeisselt wurde – nur dank der Protektion von Marguerite de Navarre konnte die Reformatorin ihre Stimme erheben. Auch der Erinnerung an die ersten Pfarrerinnen der Moderne, die zunächst in Kirchen ohne enge Anlehnung an den Staat amteten, haben wir in unserem gemeinsamen Gedächtnis noch nicht gebührend Platz geschaffen. Dazu gehören Marcelle Bard, eingesetzt 1929 in Genf, oder Madeleine Blocher-Saillens, die im selben Jahr in der Baptistenkirche in Frankreich Pfarrerin wurde, also zwanzig Jahre bevor die Eglise réformée de France ihre erste Pfarrerin erhielt. Im Waadtland stieg 1935 Lydia von Auw als erste Frau auf die Kanzel, und zwar in der vom Staat unabhängigen Eglise libre, was die Waadtländer Landeskirche dazu bewog, sich der Frage anzunehmen, als die beiden Kirchen 1966 fusionierten.

«Zu ihrem Gedächtnis» ist an die verschiedenen Momente zu erinnern, als Frauen in der protestantischen Welt ins Pfarramt gelangten, wobei die einzelnen Erinnerungsfäden noch weit vor die moderne Zeit zurückweisen: Was für ein Geschenk, dass Labor et Fides Eldon Epps Buch über Junia, die erste zum Apostel berufene Frau aus Römer 16,7, unlängst ins Französische übersetzt hat (1) ! Bis ins 19. Jahrhundert wäre es niemandem in den Sinn gekommen zu bezweifeln, dass es sich bei ihr um eine Frau handelte. Aber ausgerechnet in dem Moment, als die ersten Pfarrerinnen auftauchten, begannen ab 1830 die englischen Übersetzungen ihrem Namen die männliche Form «Junias» zu geben, gefolgt von der Nestle-Aland-Ausgabe des griechischen Neuen Testaments ab 1927. Eldon Epp zeigt auf, dass sich hier ein Wiedergabeeffekt über einige Jahrzehnte und bis Mitte der 1990er Jahre auf die Exegese ausgewirkt hat. Das «Gedächtnis an sie» zurückzuerobern, an diese Frauen in der Geschichte und an diese Pfarrerinnen, erweist sich als umso nötiger, als die Pille für den Mann inzwischen in der klinischen Phase getestet wird und also in greifbare Nähe gerückt ist: Die Gender-Beziehungen zwischen Wagemut und Selbstverständlichkeit neu zu definieren, ist eine der grossen Herausforderungen unseres Jahrzehnts.

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(1) Eldon Epp, Junia. Une femme apôtre ressuscitée par l’exégèse (Le Monde de la Bible), trad. Gabrielle Rivier, Genève: Labor et fides, 2014; part. p. 105. - auf Englisch: Junia: The First Woman Apostle, Fortress Press, 2005.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 29.11.2014    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch