Publiziert von: Christoph Knoch
Bereitgestellt: 26.06.2026
Eine Buchvorstellung
«Kirche gemeinsam sein» in Bern, PfAd, «Eglise multitudiniste» im Kanton Waadt: die Reformierten, die Anfang der 60er Jahre noch die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung waren, bilden heute nur noch ein Viertel davon. Können wir als Minderheitskirche noch Volkskirche sein, und in welchem Sinn? Das kleine Buch «Volkskirche und Kirchenvolk, ein Zwischenhalt» trägt mit Humor einiges zu dieser Diskussion bei.
Ihr habt «Volk» gesagt?
Am überraschendsten an diesem Buch ist der Beitrag von Martin Rose (damals Alttestamentler in Neuenburg), der, durch all die Jahrhunderte, ein Wechselspiel zwischen xenophober Ethnie (nach dem Exil) und xenophiler Diaspora (in Alexandria) schildert. Er beschreibt eine Evolution vom «Volk» (mit Jakob/Israel als Vater im Norden… oder Abraham im südlichen Judas) bis zur Versammlung (qahal, ekklesia), eine Evolution vom jus soli (die Landverheissung) zu jus sanguinis (die Abstammung von den Vätern) bis zu «Adam ist unser Vater, Eva unsere Mutter», womit alles das, «was auch ein Volk ausmachen kann, kategorisch in das Menschheitliche und Universale eingebunden» wird (S. 31-42).
Matthias Krieg erzählt vom «Entdecken» des Volkes bei Herder, Goethe und den Romantikern bis Schleiermacher (Volk, was ist das? S. 11-23)
Ulrich Luz erwähnt die grosse Vielfalt der Kirchenvorstellungen im Neuen Testament. Anders als Calvin wissen wir heute um die Vielfalt des NT, und das verbietet uns, eine einzige, dogmatische Definition davon zu geben, was Kirche ist, oder Kirche sein soll. Die biblischen Geschichten bewegen, motivieren, inspirieren. Wenn man eine Geschichte in einer «Lehre» zusammenfasst, zerstört man ihre Kraft (S.50).
Der Bezug auf Christus und die Gemeinschaft sind doch die entscheidenden Merkmale der Kirche. Vom Sakrament spricht Luz nicht, «weil im Herrenmahl nichts anderes geschieht, als dass der erhöhte Christus in einer Erfahrung der Gemeinschaft gegenwärtig wird». Auch von den Amtsträgern habe Luz in diesem Artikel nicht geschrieben. «Aus der Perspektive des Neuen Testaments gehören sie nicht zu dem, was eine Kirche zur Kirche macht.» Auf der anderen Seite fällt auf, dass auch in späteren Schriften des Neuen Testaments manchmal geradezu irritierend von Amtsträgern, vor allem Bischöfen, nicht die Rede ist… (S.53).
Christiane Tietz (S. 57-67) vertritt die Volkskirche als «Kirche für das Volk», «Kirche durch das Volk» und «Kirche für die Gesellschaft» , mitsamt einem notwendig prophetisch-politischen Aspekt im Sinne von Karl Barth. Darauf kommt Andreas Zeller in einer beeindruckenden Zusammenfassung des Buches (S. 121-124) zurück. Und Urs Meier (S. 127-131) betont die religiöse Nüchternheit und Innerlichkeit der Reformierten, ihre individuelle Verantwortung vor Gott, die auch die Bejahung von Staat und Solidarprinzip einschliesst, und die im Feuer des liberalen 19. Jh. entstanden ist.
Eine bescheidene Kirche wünscht sich Christoph Morgenthaler, bescheiden und frech, eine Kirche, die zuhört im Dienst einer vielfältigen Seelsorge (S. 69-75). Eine solche Kirche hat Zukunft, «sie bleibt sozial und theologisch kreativ, wo sie nicht immer dieselben, sondern auch neue Fehler macht, Praxisformen riskiert (… und) Fehler kultiviert, damit aus ihnen Neues wachsen kann», eine Kirche, die stolpernd geht und fallend aufsteht.
Eine schöne Sammlung von 20 Zwischenrufen, u.a. von Corine Mauch (ehemalige Zürcher Stadtpräsidentin), einem Komponisten, einer Sozialarbeiterin, einer Anwältin, eines Journalisten, einer Sportlehrerin, des Leiters der Zürcher Untersuchungsgefängnisse, dazu auch von Franz Hohler… und Christoph Blocher bringt Farben in dieses Buch bei der Frage «Was fehlte, wenn die Volkskirche fehlt?»
Dazu kommen noch Gedanken von Alfred Aeppli (Gesunde Gemeinden sind zukunftsfähig), Benedikt Schubert (Fresh Expression of Church), Sabrina Müller (Mixed economy of Church – das Parochiale kann nicht die einzige Erscheinung von Kirche sein) und «Kirche als Option» (Claudia Kohli Reichenbach).
Wiederum eine bunte Palette an Kirchenimpulsen, die durchaus diskussionswürdig sind.
Mehr: Claudia Kohli Reichenbach, Matthias Krieg (Hg. Volkskirche und Kirchenvolk, ein Zwischenhalt, TV 2015)
Ihr habt «Volk» gesagt?
Am überraschendsten an diesem Buch ist der Beitrag von Martin Rose (damals Alttestamentler in Neuenburg), der, durch all die Jahrhunderte, ein Wechselspiel zwischen xenophober Ethnie (nach dem Exil) und xenophiler Diaspora (in Alexandria) schildert. Er beschreibt eine Evolution vom «Volk» (mit Jakob/Israel als Vater im Norden… oder Abraham im südlichen Judas) bis zur Versammlung (qahal, ekklesia), eine Evolution vom jus soli (die Landverheissung) zu jus sanguinis (die Abstammung von den Vätern) bis zu «Adam ist unser Vater, Eva unsere Mutter», womit alles das, «was auch ein Volk ausmachen kann, kategorisch in das Menschheitliche und Universale eingebunden» wird (S. 31-42).
Matthias Krieg erzählt vom «Entdecken» des Volkes bei Herder, Goethe und den Romantikern bis Schleiermacher (Volk, was ist das? S. 11-23)
Ulrich Luz erwähnt die grosse Vielfalt der Kirchenvorstellungen im Neuen Testament. Anders als Calvin wissen wir heute um die Vielfalt des NT, und das verbietet uns, eine einzige, dogmatische Definition davon zu geben, was Kirche ist, oder Kirche sein soll. Die biblischen Geschichten bewegen, motivieren, inspirieren. Wenn man eine Geschichte in einer «Lehre» zusammenfasst, zerstört man ihre Kraft (S.50).
Der Bezug auf Christus und die Gemeinschaft sind doch die entscheidenden Merkmale der Kirche. Vom Sakrament spricht Luz nicht, «weil im Herrenmahl nichts anderes geschieht, als dass der erhöhte Christus in einer Erfahrung der Gemeinschaft gegenwärtig wird». Auch von den Amtsträgern habe Luz in diesem Artikel nicht geschrieben. «Aus der Perspektive des Neuen Testaments gehören sie nicht zu dem, was eine Kirche zur Kirche macht.» Auf der anderen Seite fällt auf, dass auch in späteren Schriften des Neuen Testaments manchmal geradezu irritierend von Amtsträgern, vor allem Bischöfen, nicht die Rede ist… (S.53).
Christiane Tietz (S. 57-67) vertritt die Volkskirche als «Kirche für das Volk», «Kirche durch das Volk» und «Kirche für die Gesellschaft» , mitsamt einem notwendig prophetisch-politischen Aspekt im Sinne von Karl Barth. Darauf kommt Andreas Zeller in einer beeindruckenden Zusammenfassung des Buches (S. 121-124) zurück. Und Urs Meier (S. 127-131) betont die religiöse Nüchternheit und Innerlichkeit der Reformierten, ihre individuelle Verantwortung vor Gott, die auch die Bejahung von Staat und Solidarprinzip einschliesst, und die im Feuer des liberalen 19. Jh. entstanden ist.
Eine bescheidene Kirche wünscht sich Christoph Morgenthaler, bescheiden und frech, eine Kirche, die zuhört im Dienst einer vielfältigen Seelsorge (S. 69-75). Eine solche Kirche hat Zukunft, «sie bleibt sozial und theologisch kreativ, wo sie nicht immer dieselben, sondern auch neue Fehler macht, Praxisformen riskiert (… und) Fehler kultiviert, damit aus ihnen Neues wachsen kann», eine Kirche, die stolpernd geht und fallend aufsteht.
Eine schöne Sammlung von 20 Zwischenrufen, u.a. von Corine Mauch (ehemalige Zürcher Stadtpräsidentin), einem Komponisten, einer Sozialarbeiterin, einer Anwältin, eines Journalisten, einer Sportlehrerin, des Leiters der Zürcher Untersuchungsgefängnisse, dazu auch von Franz Hohler… und Christoph Blocher bringt Farben in dieses Buch bei der Frage «Was fehlte, wenn die Volkskirche fehlt?»
Dazu kommen noch Gedanken von Alfred Aeppli (Gesunde Gemeinden sind zukunftsfähig), Benedikt Schubert (Fresh Expression of Church), Sabrina Müller (Mixed economy of Church – das Parochiale kann nicht die einzige Erscheinung von Kirche sein) und «Kirche als Option» (Claudia Kohli Reichenbach).
Wiederum eine bunte Palette an Kirchenimpulsen, die durchaus diskussionswürdig sind.
Mehr: Claudia Kohli Reichenbach, Matthias Krieg (Hg. Volkskirche und Kirchenvolk, ein Zwischenhalt, TV 2015)
