Welche Volkskirche wollen wir?

Kirche, das sind wir (Foto: Christoph Knoch)
Links und rechts machen wir uns Gedanken zur Kirche der Zukunft, ihren Strukturen, ihren Ämtern. Wer wird mit wem, wie zusammenwirken, zusammenarbeiten?

Jean-Eric Bertholet,
Zwei nicht mehr ganz neue Bücher, vor ca. 10 Jahren bei TVZ erschienen, enthalten interessante, vielfältige Perspektiven zur Gestalt und Geschichte der Volkskirche.

Hier einige Impulse in einem kleinen Überblick.
Zwischen Säkularisierung und Individualisierung (Stefan Huber, S. 17-28) wird die Volkskirche in der deutschen Schweiz geschildert (Christina aus der Au, erfrischend S. 29-38) und in Deutschland (Uta Pohl Patalong, S. 50-59).
Katharina Heyden analysiert die Lage der Kirche in der Antike vor und nach der konstantinischen Wende (S. 71-84), in der grossen Spannung zwischen Pluralität und Öffentlichkeit/Offenheit, Fragen, die sich mehr oder weniger auch heute stellen und die nach einem «Gravitationszentrum» rufen, nach einer Art eschatologischem Vorbehalt, der der Integration dient und diesen «corpus permixtum» ordnet oder relativiert, zwischen Staat und Öffentlichkeit.

Ihre Geschichte
Martin Sallmann (S. 85-96) analysiert die Rolle des Staates und der weltlichen Obrigkeiten im 16. Jh., das Erscheinen des Pietismus und der Aufklärung bis zur Zäsur der französischen Revolution und ihren Folgen im 19. Jh., Ancien Régime, Symbiose zwischen Kirche und weltlicher Obrigkeit…
Da erscheint im 19. Jh. der Begriff der «Volkskirche» als Absetzung von der Staatskirche (Schleiermacher). Was wird aus der Volkskirche, wenn sie das Monopol der religiösen Deutung der Wirklichkeit verliert (Thomas Schlag, S. 106)?

Neuere Geschichte
Volkstümlich bis völkisch sagt Ralph Kunz (S.107), der über den Kirchenkampf in Deutschland und Emil Brunner (S.116-118) zu den ungelösten Aufgaben der Volkskirche kommt. Und Marco Hofheinz segelt «zwischen Volk und Bekenntnis», Karl Barth, Barmen und Wolfgang Huber, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD und einem der jetzigen Präsidenten des ÖRK (S.131-140).
Die Postmoderne kommt vor (Albrecht Grötzinger, S.141-149), und das Kirchenrecht (Christian Tappenbeck, S. 153-159).

Modelle und Programme
Ernst Lange, Michael Herbst, Manfred Josuttis werden u.a. bei den praktisch-theologischen Modellen angesprochen (S. 173-213), bevor Gemeindeaufbau (S.217ff), Generationenkirche (S.255ff), «Kirche, nahe bei Gott – nahe bei den Menschen» (St. Gallen, Dölf Weder, S.264-272) heutige Programme und Praxisformen schildern, neben Seelsorge, Spiritualität, Kulturkirche und Fresh Expression (S.217-301).

Zur Theologie der Volkskirche
Moisés Mayordomo vertritt das Neue Testament (S.293-301), Peter Opitz Grundentscheidungen reformatorischer Ekklesiologie (S.302-311) und Pierre Bühler geht auf Søren Kierkegaard zurück (S.323ff). Offenheit und Grenzen (Frank Mathwig (S.348ff), das Verhältnis zu Staat, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft (Thomas Schlag S.363ff), Einsichten der Befreiungstheologie (Rudolf von Sinner, S.372ff) und Volkskirche im multireligiösen Kontext (Reinhold Bernhardt S.384ff) runden diesen bunten und anregenden Tour d’Horizon ab.
Hier habe ich viele Impulse gefunden, die es – vielleicht aktueller noch als vor 10 Jahren – wert wären, in die aktuellen Diskussionen einzufliessen.
Vielleicht auch der Vorschlag einer gemeinsamen Lektüre in einem spannenden Kreis von KollegInnen??

Volkskirche, ihre Gegenwart
Mehr: David Plüss, Matthias D. Wüthrich, Matthias Zeindler (Hg.) Ekklesiologie der Volkskirche, theologische Zugänge in reformierter Perspektive, TVZ 2016
Claudia Kohli Reichenbach, Matthias Krieg (Hg. Volkskirche und Kirchenvolk, ein Zwischenhalt, TV 2015)