Die Auferstehung in der Trauerfeier

IP-1-2019-Christoph-Stebler<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>3486</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Ich möchte mit einem Zeitungsartikel beginnen, der im vergangenen Frühling, kurz vor Ostern, in diversen Schweizer Zeitungen erschienen ist. Es handelt sich um ein Interview mit dem renommierten emeritierten Professor Othmar Keel, der kurz zuvor seinen 80. Geburtstag feiern konnte.
Christoph Stebler
Das Interview trug den etwas reisserischen Titel „Nein, ich glaube nicht an ein Jenseits“.[1] Im Text selbst ist die Aussage leicht abgeschwächt. Der Journalist Michael Meier fragt: «Sie glauben nicht an ein Jenseits?» «Nein, eigentlich nicht», ist Othmar Keels Antwort, die dann auch von ihm ausgeführt wird: «Ich denke, ich werde im Tod in die Natur zurückkehren, wie bei Jesus Sirach, als absterbendes Blatt vom Baum fallen, von dem ich ein Teil bin.» Er fährt fort: «Das ist ja heute ein weitverbreiteter Gedanke, wenn man seine Asche unter einem Baum verstreut haben will.»
Auch weitere Aussagen im Interview lassen keinen Zweifel daran, dass der Bibelprofessor persönlich nicht viel mit der Auferstehung anfangen kann. Damit verbindet sich bei ihm auch ein bestimmtes Gottesbild: „Ich halte das für eine Anmassung, wenn man meint, man müsse ewig leben. Das ist, wie wenn man meint, Gott kümmere sich um einen. Wenn man das Universum in seiner unermesslichen Grösse sieht – wie soll sich da Gott um den Einzelnen kümmern? Das scheint mir eine eitle Haltung zu sein: Man nimmt sich zu wichtig.“
Ich stimme Keel insofern zu, dass ich mich wohl selbst tatsächlich für zu wichtig nehme. Allerdings befürchte ich auch, dass Keel Gott zu wenig wichtig nimmt. Etwas später im Text identifiziert er den Gott, zu dem er immer noch gewohnheitsmässig betet, als „das Schicksal oder die Natur“.
In seinem Gottesbild scheint es keinen Platz zu haben für den lebendigen Gott, der seine Menschenkinder nach dem Bilde Gottes geschaffen hat und ihnen begegnet, wenn auch – das gebe ich gerne zu – vieles rätselhaft bleibt und mein Erkennen jetzt nur Stückwerk ist – um mit Paulus zu sprechen (1. Kor. 13,12).
Ganz ohne Reaktion ist Othmar Keels Artikel nicht geblieben. Matthias Zeindler, Titularprofessor für Dogmatik an der Universität Bern, hat in einem Blog-Beitrag[2] das Interview mit Keel kommentiert und erfreulicherweise auch hinterfragt.
Für mich erstaunlich war allerdings die Aussage des Dogmatikers, dass die „Skepsis einem persönlichen Auferstehungsglauben gegenüber“ „gut biblisch“ sei. Für das Alte Testament isoliert gesehen kann ich diese Skepsis nachvollziehen. Auf dem Hintergrund des Neuen Testaments sieht es aber schon etwas anders aus. Sobald man die Auferstehung Jesu als „Pilotprojekt“ für die allgemeine eschatologische Auferstehung sieht, wie dies schon Paulus tut, kann die personale Dimension nicht mehr einfach ausgeschlossen werden. Paulus bezeichnet im 1. Kor. 15,20 Christus als „Erstling“. Weitere Auferstandene werden ihm also folgen.
Die Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngerinnen und mit seinen Jüngern hat eine zentrale personale Dimension. Maria Magdalena am Grab als erste, die Emmaus-Jünger, der zweifelnde und glaubende Thomas, Petrus – sie alle erleben gemäss den Berichten im Evangelium eine personale Begegnung – vom Auferstandenen zu ihrer eigenen Person, die zugleich zutiefst persönlich ist und ihr Inneres berührt.
Diese Begegnung hat zunächst einmal eine lebensverändernde Kraft im Diesseits.
In den Evangelien und in der Apostelgeschichte wird deutlich, dass einerseits die Begegnung mit dem Auferstandenen, andererseits die Ermächtigung durch den pfingstlichen Heiligen Geist, die verzagte Jüngerschar umfassend verändert hat.
Aus der verängstigten Jüngerschaft – gefangen im Trauma der Hinrichtung ihres Anführers – wurde eine mutig auftretende Bewegung, die es offenbar geschafft hat, nachhaltig Spuren zu hinterlassen. Wo immer sich Menschen an den Worten und Taten von Jesus selbst orientiert haben, da haben sie unbestreitbar Gutes bewirkt und tun dies bis heute.
Von diesem Glauben muss auch Kurt Marti erfüllt gewesen sein, als er sein berühmtes Gedicht über die Auferstehung schrieb, das ich hiermit ganz zitiere:
ihr fragt
wie ist
die auferstehung der toten?
ich weiss es nicht

ihr fragt
wann ist
die auferstehung der toten?
ich weiss es nicht

ihr fragt
gibt’s
eine auferstehung der toten?
ich weiss es nicht

ihr fragt
gibt’s
keine auferstehung der toten?
ich weiss es nicht

ich weiss
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben

ich weiss
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt [3]

Ich habe vorhin gesagt, dass Kurt Marti von diesem Glauben erfüllt gewesen sein muss.
Von Glauben ist in seinem Gedicht allerdings nicht die Rede, nur von Wissen und Nicht-Wissen. Das Nicht-Wissen können wir alle nachvollziehen. Wer von uns kann schon „wissen“, wie und wann die Auferstehung der Toten sein wird.
Den Abschluss aber bilden zwei Aussagen, die Kurt Marti zwar als „wissen“ bezeichnet, die aber streng genommen Glaubensaussagen sind:

ich weiss / nur / wonach ihr nicht fragt: / die auferstehung derer die leben

ich weiss / nur / wozu Er uns ruft: / zur auferstehung heute und jetzt

Diesen Glauben an die Auferstehung derer, die leben, an den Ruf zur Auferstehung heute und jetzt, diesen Glauben bekennt Kurt Marti, auch wenn er ihn in dichterischer Freiheit und um der schönen Stilfigur willen als sein Wissen bezeichnet.
Hier finden wir also die Rede von der Auferstehung zur Gestaltung des Diesseits, zur Gestaltung dieses Lebens, oder eben „zur Auferstehung heute und jetzt“.
Zwei Fragen aber müssen noch geklärt werden: Erstens: Hat diese Auferstehung einen persönlichen Charakter? Zweitens: Hat diese Auferstehung einen Platz am Grab und in der Bestattungspredigt? Ich beantworte beide Fragen mit Ja.
Kurt Marti spricht davon, dass „Er uns ruft“. Da ist also einer, der Menschen „zur Auferstehung heute und jetzt ruft“. Und wir als Menschen, individuell und gemeinsam, geben darauf Antwort – eine persönliche Auferstehung in dieser Welt und in diesem Leben.
Hat die Rede von dieser Auferstehung einen Platz am Grab und in der Bestattungspredigt?
Auf jeden Fall! Gerade in der Situation der Orientierungslosigkeit, des Abschieds von einem geliebten Menschen, in der Situation von Verlust und Trauer, gilt es, auf das Wesentliche zu schauen. Was macht uns zu wahren Menschen? Ist es nicht die Gemeinschaft, die Liebe, die Nächstenliebe, das Füreinander-da-Sein? Aus all dem kann die Kraft wachsen zur Auferstehung heute und jetzt für viele weitere Menschen auf dieser Welt, die in Not sind.
Diese Auferstehungsbotschaft ist immer aktuell, und noch viel mehr: Sie ist lebens-not-wendig. Wir brauchen diese Botschaft für unser Leben und diese gelebte Botschaft gibt der Kirche ihre Daseinsberechtigung.
So weit so gut. Doch stellt sich dann die Frage:
Muss diese Rede von der Auferstehung – wie im Gedicht – beschränkt werden auf das Diesseits?
Gibt es nicht mehr zu sagen, weil wir nicht mehr wissen, zumindest was unsere menschliche Vernunft betrifft?
Was machen wir nun mit der Trauerfamilie, die ich kürzlich selbst erlebt habe: Sie wünschten sich das Lied des populären Schlagersängers Andreas Gabalier, der im österreichischen Dialekt singt: „Amoi seg ma uns wieder“. Einmal sehen wir uns wieder. Und er fährt fort „Wie dein Herz aufhört zu schlagen und du hinauf zu den Engeln fliegst“.
Man muss Gabalier zugestehen, dass er aus Betroffenheit singt: Offenbar hat er seinen Vater durch Suizid verloren als er, der Sohn, erst 22-jährig war. Zwei Jahre später ist seine jüngere Schwester gestorben.
Und die Trauerfamilie, die seinen Song ab CD gewünscht hat für den Trauergottesdienst, sie haben zum Teil unter Tränen zum Schlager mitgesungen.
Wenn wir das so nicht sagen können am Grab, gibt es dann doch Worte der Auferstehung, die über das hinausgehen, was wir wissen können – und das wir dennoch in theologischer Verantwortung den uns anvertrauten Menschen mitgeben können?
Ist denn die Bibel tatsächlich so schweigsam, wo es um das Leben nach dem Tode geht?
Wie kann eine authentische und glaubwürdige Rede von der Auferstehung am Grab aussehen?
Die Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern werden zur Grundlage dessen, wie auch der Apostel Paulus über die kommende Auferstehung spricht im 1. Kor. 15. Er denkt an ein kommendes Ereignis, das aber so anders ist als unsere Vorstellungen, dass er ständig auf metaphorische Sprache zurückgreift.
Er vergleicht unseren sterblichen Leib darin mit einem sterblichen Samenkorn.
Dem irdischen natürlichen (psychischen) Leib stellt er einen geistlichen (pneumatischen) Leib gegenüber. Die beiden sind so verschieden, wie ein kleines Samenkorn sich von einem ausgewachsenen Baum unterscheidet. Paulus macht deshalb klar, dass dieser Auferstehungsleib eine ganz andere Qualität haben wird:
So verhält es sich auch mit der Auferstehung der Toten:
Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt wird in Unvergänglichkeit.
Gesät wird in Niedrigkeit, auferweckt wird in Herrlichkeit.
Gesät wird in Schwachheit, auferweckt wird in Kraft.
Gesät wird ein natürlicher Leib, auferweckt wird ein geistlicher Leib.
(1. Kor. 15,42-44)

In der Exegese wurde gerade in neuerer Zeit immer wieder hervorgehoben, dass dieser Auferweckungsleib sowohl in Kontinuität als auch in Diskontinuität zum irdischen Leib steht. Auch das gleicht dem Auferstehungsleib Christi, wie er in den Evangelien beschrieben wird.
Die personale Dimension der Auferstehung wird bei Paulus somit keineswegs ausgeschlossen.
Interessant ist dann aber auch wieder, wie Paulus spricht, wenn er von seinem eigenen möglichen Tod spricht. Die Formulierung in Philipper 1 überzeugt mich persönlich sehr durch ihre Schlichtheit und Einfachheit, jenseits aller Spekulationen. Da ist nur noch eine Beziehung, die ihn trägt und an die er sich hält: Nach zwei Seiten werde ich gezogen: Eigentlich hätte ich Lust, aufzubrechen und bei Christus zu sein (Philipper 1,23a).
Aufbrechen und bei Christus sein. In dieser Schlichtheit sieht Paulus sein eigenes Sterben.
Derselbe Christus also, der ihn gerufen hat, selbst als er ihm und seinen Anhängern feindlich gesinnt war. Derselbe Christus, der ihm – mit den Worten Kurt Martis ausgedrückt – seine eigene „Auferstehung heute und jetzt“ geschenkt hat, derselbe Christus wird bereit sein, so dass Paulus bei ihm sein kann.
Gibt es noch mehr, was wir in Sachen Auferstehung am Grab verkündigen sollen? Vielleicht.
Aber es wird immer wieder auf dieses Grundlegende zurückgehen. Dass wir unser Leben „heute und jetzt“, aber auch in alle Ewigkeit, diesem Christus anvertrauen, in Gottes Hand legen.
Wo die Wissenschaftler mit Wittgenstein schweigen müssen, da haben Dichterinnen und Dichter und – so meine ich – Pfarrerinnen und Pfarrer noch viel zu sagen. Im Reich des Glaubens und des Vertrauens gibt es noch viel zu hoffen, zu lieben, und schöpferisch zu erschaffen.
Wir müssen nicht etwas für wahr halten, was der Vernunft widerspricht. Aber wir dürfen uns tastend einlassen auf eine Realität, die alle unsere menschlichen Erfahrungen übersteigt, ja übersteigen muss. Sie muss auch unsere Vernunft übersteigen. Da ist noch mehr als das, was wir mit unseren Augen sehen. Da ist noch mehr als die kalte Realität des Todes, der in unsere Welt hereinbricht und uns alle erreicht.
Ich meine, dass davon etwas spürbar werden sollte in unseren Reden am Grab und in der Bestattungspredigt. Als Pfarrpersonen ist es uns aufgetragen, an diesem öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Es gibt noch mehr als die materialistische Sicht auf die Welt.
Dennoch auch ein Wort der Vorsicht. Ich spreche nun wieder ganz als Praktischer Theologe:
Lasst uns die uns anvertrauten Menschen am Grab, trauernde Angehörige, ernst nehmen in ihren Vorstellungen und ihnen nicht die Bibel um die Ohren schlagen.
Bei der Arbeit in Fachcoachings, die ich geleitet habe mit Pfarrpersonen in den ersten Amtsjahren, da ist mir bisweilen der Eindruck entstanden, die Predigten würden sich zu sehr in der Sphäre des Sterbens und des Todes bewegen. Der Eindruck kann entstehen, dass der christliche Glaube nur noch an den Grenzen dieses Lebens von Bedeutung wäre. Diese Vorstellung wird noch verstärkt dadurch, dass ja viele kirchenferne Gemeindemitglieder den Kontakt mit der Kirche erst dann wieder suchen, wenn sie von dieser Sphäre des Sterbens und des Todes betroffen sind.
Gott aber – wie Jesus es so treffend gesagt hat – ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten.
Dass wir aufzeigen, wo Gott uns in diesem Leben begegnet, scheint mir deshalb noch wichtiger zu sein für die Rede am Grab und in der Bestattungspredigt als alle eschatologischen Überlegungen. Die Auferstehung heute und jetzt. Daran erinnern uns die Worte von Kurt Marti immer wieder.
Im Ernstnehmen von Lebensgeschichten und verschlungenen Lebenswegen – genauso wie das die Bibel tut – dienen wir den Angehörigen von Verstorbenen und spüren Gottes Spuren im Leben dieser Menschen auf.
Zusätzlich hält uns die Bibel einen reichen Schatz an Metaphern bereit, um das Unaussprechliche zu beschreiben.
„Bei Christus sein“, sagt Paulus, „von Angesicht zu Angesicht sehen“ (1. Kor. 13,12).
Jesus spricht von den „Wohnungen im Hause seines Vaters“ (Joh. 14,2).
„Ein neuer Himmel und eine neue Erde“ (Off. 21,1) ist uns verheissen, wo „Gott abwischen wird jede Träne von ihren Augen“ (Off. 21,4) und kein Leid mehr wird sein.
Daran glaube ich, und das motiviert mich von der Auferstehung zu sprechen, die „heute und jetzt“ schon geschieht – und uns auch über die Grenze des Todes hinaus geschenkt wird.
Ich schliesse mit einem Zitat eines Nichttheologen, eines überzeugten Weltveränderers und Weltverbesserers der politischen Linken in der Schweiz, Jean Ziegler. Ziegler war Bundesparlamentarier in der Schweiz, seine Bücher werden im globalen Süden wohl mehr gelesen als bei uns. Es darf sicher gesagt werden, dass Jean Ziegler etwas von der „Auferstehung heute und jetzt“ verstanden hat.
Jean Ziegler antwortet auf die Frage „Sind Sie gläubig“ mit folgenden Sätzen:
„Ich glaube an die Vorsehung, weil ich sie in meinem Leben ganz konkret erfahren habe. Ich glaube an die Auferstehung. Und ich glaube, dass der Tod nicht der letzte Moment ist, sondern der erste einer neuen, ganz anderen Existenz.“[4]

-------

[1] » www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Nein-ich-glaube-nicht-an-ein-Jenseits/story/28565425, Abruf am 15.9.2018

[2]»  www.diesseits.ch/ich-glaube-nicht-an-ein-jenseits/, Abruf am 15.9.2018

[3] Marti, Kurt. Leichenreden. Dt. Taschenbuch, München (Erstausgabe 1969) 2004, 25

[4]»  www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Jeden-Tag-wird-Jesus-gekreuzigt/story/23871422, abgerufen am 30.10.2018
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 08.03.2019     Besuche: 12 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch