Publiziert von: Mark Haltmeier
Bereitgestellt: 07.01.2026
Trauerarbeit statt Aktivismus, ein Impuls aus der Tagung der europäischen Pfarrvereine in Michelsberg (Rumänien) im Juni dieses Jahres. Verena Salvisberg, Regionalpfarrerin in Bern und Vorstandsmitglied berichtet.
Verena Salvisberg
Untergangsstimmung
Keine Panik auf der Titanic. Im Vorbereitungsteam nicht unumstritten schaffte es der etwas saloppe Titel auf die Einladung zur Konferenz der Europäischen Pfarrvereine in Siebenbürgen. Mit «Titanic» ist die Assoziation zur Untergangsstimmung, die zur Zeit in kirchlichen Zusammenhängen viel Raum einnimmt, sofort geweckt. Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt… und untergeht. Personalmangel, Entkirchlichung, Sparübungen, Desinteresse, Relevanzverlust sind nur einige Stichworte, die das Reden über Kirche und Pfarramt prägen. Angesichts dieser Drohkulisse nicht in Panik zu verfallen ist wohl leichter gesagt als getan. Pfarrer/Pfarrerin sein in sich verändernden kirchlichen und gesellschaftlichen Realitäten. Darüber wurde an der Konferenz nachgedacht. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus vielen europäischen Ländern.
Auf dem sinkenden Schiff?
In meiner Arbeit als Regionalpfarrerin der Berner Kirche, aber auch im Rahmen des Pfarrvereins und nicht zuletzt im Kontakt mit den Freundinnen und Freunden in Europa habe ich täglich zu tun mit Pfarrerinnen und Pfarrern. Pfarrer:innen sind deprimiert, enttäuscht, erschöpft, frustriert und wütend, aber auch motiviert und enthusiastisch, treu und ausdauernd. Wenn es Probleme gibt oder Konflikte in einer Kirchgemeinde, dann höre ich ab und zu den Ausdruck «der ist halt so» oder «sie sind halt ein besonderes Völklein».
Dabei wird zu wenig ernst genommen, wie frustrierend und kränkend die fast alltägliche Erfahrung ist, dass das, wofür Pfarrer:innen brennen, sonst (fast) niemanden mehr interessiert. Selbst die Kolleg:innen schenken dieser Erfahrung zu wenig Aufmerksamkeit. So finden sie sich unweigerlich in einem Hamsterrad wieder, das angetrieben wird von vielen Seiten: von der eigenen Überzeugung, von der geforderten Dienstleistungsarbeit, von der Notwendigkeit, besser und innovativer zu werden und somit näher bei den Menschen zu sein, und von ihrem Anspruch, ihren Lohn wert zu sein.
Keine Zeit zum Trauern
Pfarrer:innen sind nicht deprimiert, enttäuscht, erschöpft, frustriert und wütend, weil sie besonders wehleidig oder empfindlich sind. Es steckt etwas dahinter. Trauer ist das, sagt Aarnoud van der Deijl, der Kollege aus den Niederlanden, der an der Konferenz eines der Hauptreferate hielt. Trauer über den Traditionsabbruch, über den Verlust der Kirche, in der die Pfarrer:innen einst ordiniert worden sind. Wenn man etwas verliert, ist Trauer eine ganz normale Reaktion. In der Frustration, der Erschöpfung und der Wut erkennt der Referent Ausdrucksformen der Trauer. Für diese Gefühle gibt es aber meist keinen Raum, denn es gilt, die Kirche und den Beruf zu retten. Ausgerechnet Pfarrer:innen, Expert:innen für die Begleitung von Menschen, die einen Verlust erlitten haben, können oder wollen sich nicht die Zeit nehmen, sich der eigenen Trauer zu widmen. Sehr inspirierend war deshalb an der Konferenz auch der eine Nachmittag, an dem genau dafür Zeit vorgesehen war, in verschiedenen Workshops konnte den Verlust- und Trauergefühlen nachgegangen werden: in einem Motivationsworkshop, einer Trauergesprächsgruppe und einem Bibliodrama zur geistigen Beseelung jenseits allen Tuns (Num 11, 26-29).
Expert:innen für Verlustarbeit
Auch Kirchenleitungen stehen meiner Meinung nach in der Pflicht. Viele Programme und Strategien, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen, setzen Pfarrer:innen zusätzlich unter Druck, zumal diese vielleicht insgeheim die Vergeblichkeit vieler dieser Massnahmen erkannt haben.
Umgang mit Verlust und Trauer wäre eine Kernkompetenz des Pfarramts und der Kirche.
Inspiriert von dieser Auszeit mit Kolleg:innen aus allen Ecken von Europa wünschte ich mir solches auch in der Schweiz.
Keine Panik auf der Titanic. Im Vorbereitungsteam nicht unumstritten schaffte es der etwas saloppe Titel auf die Einladung zur Konferenz der Europäischen Pfarrvereine in Siebenbürgen. Mit «Titanic» ist die Assoziation zur Untergangsstimmung, die zur Zeit in kirchlichen Zusammenhängen viel Raum einnimmt, sofort geweckt. Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt… und untergeht. Personalmangel, Entkirchlichung, Sparübungen, Desinteresse, Relevanzverlust sind nur einige Stichworte, die das Reden über Kirche und Pfarramt prägen. Angesichts dieser Drohkulisse nicht in Panik zu verfallen ist wohl leichter gesagt als getan. Pfarrer/Pfarrerin sein in sich verändernden kirchlichen und gesellschaftlichen Realitäten. Darüber wurde an der Konferenz nachgedacht. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus vielen europäischen Ländern.
Auf dem sinkenden Schiff?
In meiner Arbeit als Regionalpfarrerin der Berner Kirche, aber auch im Rahmen des Pfarrvereins und nicht zuletzt im Kontakt mit den Freundinnen und Freunden in Europa habe ich täglich zu tun mit Pfarrerinnen und Pfarrern. Pfarrer:innen sind deprimiert, enttäuscht, erschöpft, frustriert und wütend, aber auch motiviert und enthusiastisch, treu und ausdauernd. Wenn es Probleme gibt oder Konflikte in einer Kirchgemeinde, dann höre ich ab und zu den Ausdruck «der ist halt so» oder «sie sind halt ein besonderes Völklein».
Dabei wird zu wenig ernst genommen, wie frustrierend und kränkend die fast alltägliche Erfahrung ist, dass das, wofür Pfarrer:innen brennen, sonst (fast) niemanden mehr interessiert. Selbst die Kolleg:innen schenken dieser Erfahrung zu wenig Aufmerksamkeit. So finden sie sich unweigerlich in einem Hamsterrad wieder, das angetrieben wird von vielen Seiten: von der eigenen Überzeugung, von der geforderten Dienstleistungsarbeit, von der Notwendigkeit, besser und innovativer zu werden und somit näher bei den Menschen zu sein, und von ihrem Anspruch, ihren Lohn wert zu sein.
Keine Zeit zum Trauern
Pfarrer:innen sind nicht deprimiert, enttäuscht, erschöpft, frustriert und wütend, weil sie besonders wehleidig oder empfindlich sind. Es steckt etwas dahinter. Trauer ist das, sagt Aarnoud van der Deijl, der Kollege aus den Niederlanden, der an der Konferenz eines der Hauptreferate hielt. Trauer über den Traditionsabbruch, über den Verlust der Kirche, in der die Pfarrer:innen einst ordiniert worden sind. Wenn man etwas verliert, ist Trauer eine ganz normale Reaktion. In der Frustration, der Erschöpfung und der Wut erkennt der Referent Ausdrucksformen der Trauer. Für diese Gefühle gibt es aber meist keinen Raum, denn es gilt, die Kirche und den Beruf zu retten. Ausgerechnet Pfarrer:innen, Expert:innen für die Begleitung von Menschen, die einen Verlust erlitten haben, können oder wollen sich nicht die Zeit nehmen, sich der eigenen Trauer zu widmen. Sehr inspirierend war deshalb an der Konferenz auch der eine Nachmittag, an dem genau dafür Zeit vorgesehen war, in verschiedenen Workshops konnte den Verlust- und Trauergefühlen nachgegangen werden: in einem Motivationsworkshop, einer Trauergesprächsgruppe und einem Bibliodrama zur geistigen Beseelung jenseits allen Tuns (Num 11, 26-29).
Expert:innen für Verlustarbeit
Auch Kirchenleitungen stehen meiner Meinung nach in der Pflicht. Viele Programme und Strategien, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen, setzen Pfarrer:innen zusätzlich unter Druck, zumal diese vielleicht insgeheim die Vergeblichkeit vieler dieser Massnahmen erkannt haben.
Umgang mit Verlust und Trauer wäre eine Kernkompetenz des Pfarramts und der Kirche.
Inspiriert von dieser Auszeit mit Kolleg:innen aus allen Ecken von Europa wünschte ich mir solches auch in der Schweiz.
