Pfarramt: Zukunft einer Illusion

IP-2025-Blaise-Menu (Foto: Mark Haltmeier)
Was soll aus dem Pfarramt in Zeiten rückläufiger Berufungen werden? Wird es nicht heute schon zu einer heiligen Kuh, während jene, die es noch auf sich nehmen, den quälenden Eindruck nicht loswerden, bereitwillig die Rolle von Milchkühen einzunehmen, nur um die Vorstellungen der Institutionen und die Erwartungen der Gutgläubigen zu stillen? Ist denn das Kirchenamt um jeden Preis mit der seit der Reformation zentralen Figur des Pastors, des Pfarrers, in Einklang zu bringen – oder eine Auffächerung der Ämter anzustreben, um der Breite der Berufungen entgegenzukommen und die aktuellen Bedürfnisse der Gemeinschaft und der Gesellschaft besser zu befriedigen?
Blaise Menu
In der Schweiz bleibt die Pfarrerfigur unabhängig von ihrem Geschlecht für die meisten Leute der geschichtlich verankerte Bezugspunkt, ob der Sonntagsgottesdienst für sie eine Rolle spielt oder nicht. Ablesen lässt sich dies an den Reaktionen der Kirchgemeinden bei einer Neubesetzung, an der verbliebenen Nachfrage nach Tauf- oder Trauergottesdiensten im säkularisierten Umfeld oder an all den (nicht uninteressanten) Vorschlägen aus akademischen oder kirchlichen Kreisen – von «Quest» über «Plan P» bis hin zu einfallsreichen Passerellen – zur Abfederung des Pfarrermangels über den Abbau von Ausbildungshürden für sogenannt Spätberufene.

Pastorale Monokultur?
Eine Konstante dabei: die Pfarrerfigur überschattet alles und hat manchmal gar das Monopol, wenn nicht in der Realität, dann in den Vorstellungen. Zusammen mit Kirchgängern und kaum Beteiligten scheinen die Institutionen so sehr auf dieses Berufsbild fixiert zu bleiben, dass sie ihm alle möglichen Verrenkungen und Varianten aufdrücken und auch noch ehrenhafte Gründe anführen, etwa berufliche Diversifizierung und Pfarrermangel. 500 Jahre zwischen Hingabe und Trübsal reichen zum Verinnerlichen der alles überragenden Notwendigkeit eben dieses Berufsbilds aus, dass damit das Evangelium richtig verkündigt und die Sakramente passend gespendet werden. Bis zum heutigen Tag bleibt das Pfarramt offensichtlich der Polarstern im Himmel der Ämter, um den sich die Kirchenkonstellationen drehen, so synodal sie auch daherkommen. Wehe, der SRPV-Ko-Präsident stellte dies in Frage, man vergäbe es ihm nicht auch noch (dass er Genfer ist, mag gerade noch angehen).
Und wenn sich dieser leuchtende Stern, dem man die Schlüsselrolle unserer Ekklesiologien verleiht (ohne es sich wirklich einzugestehen, weil es einem ja dann doch allzu katholisch vorkäme), mit der Rolle des Abendsterns begnügte? Eine nette und dem Berufsbild nicht abträgliche Vorstellung. Das Pfarramt verlöre zwar seinen herausragenden (und zugleich ambivalenten) Status, könnte aber etwas von seinem Sympathiebonus bewahren. Nicht bloss würde dabei klar, dass es mehr von Venus als vom Mars kommt, es gäbe auch den Anspruch auf, just als Sprachrohr von Gottes Wort zu strahlen… Guter Wille allein schafft schliesslich keine Leuchten.

Pfarrermangel, wie bitte?
Ich bin mir nicht sicher, ob der aktuelle Mangel tatsächlich einer ist oder bloss als solcher empfunden wird, wo er in den vom Staat unterstützten Kirchen, die noch über die Mittel für einen grosszügigen Personalstab verfügen und nicht zu massiven und schmerzhaften Veränderungen gezwungen sind, doch dem statistisch abgebildeten Schrumpfen der reformierten Konfession entspricht. Mit anderen Worten: Ist die Rede vom Mangel nicht ein Problem der Reichen und gut Versorgten? Ich stelle mir diese Frage, weil in Genf mit seinem für Schweizer Verhältnisse seltenen Status der Schwund der Mittel und also der Pfarrstellen letztlich dem Rückgang der aktiven Kirchenmitglieder folgt. Es ist ja nicht so, dass wir viel mehr Leute einstellen könnten, als jene, die ihre theologische oder sozialdiakonische Ausbildung und ihre Praktika abgeschlossen haben. Wenn Mangel herrscht, dann eher an Gläubigen und an Mitteln. Lassen wir das und anerkennen wir einfach, dass die glorreichen Zeiten des Überflusses vorbei sind und dass kirchliche Ämter im Zug der Säkularisierung an Attraktivität verloren haben. «Weniger» lässt sich hier schlicht nicht zu «mehr» umdeuten.
Dass tatsächlich Vorschläge für innovative Zugänge zum Seelsorgeberuf oder zur Art seiner Ausübung bestehen – über das platte Ansinnen hinaus, sich im Pfarrertitel sonnen zu wollen –, zeigt doch, dass die Attraktivität nicht ganz verloren gegangen ist. Ja, Pfarrerin oder Pfarrer sein will man auch heute noch, und zwar nicht aus Verzweiflung, sondern aus Interesse am Beruf. Eine gute Nachricht! Soll mir keine(r) kommen und mir unterstellen, ich gebe mich mit wenig zufrieden.
Im Hinblick auf das Pfarramt und auf die Bemühungen, den Mangel zu verkraften, gilt es trotz allem zu anerkennen, dass die Wirklichkeit zu den jahrhundertealten Gewohnheiten und den daraus abgeleiteten Regelwerken passen muss. Dass die Ausübung des Pfarramts immer an eine universitäre Ausbildung geknüpft war, kommt nicht von ungefähr. Bei aller kritischen Distanz habe ich mich klar zu diesem Gebot bekannt, das auch bei mir das Fundament zur Berufsausübung gelegt hat (vgl. «Saving Private Ryan »). Wenn jedoch die Realität, die man fortführen will, der kirchlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr entspricht, dann ist von Illusion zu reden. Soll das Pfarramt also bloss diese Illusion weiter bedienen?

Pfarramt um jeden Preis?
Gut ausgebildete Pfarrerinnen und Pfarrer wird es immer geben. Auch im Hinblick auf die Grundlagen kritischer Unabhängigkeit, die es ermöglichen, den Texten auf den Grund zu gehen – ich spreche hier selbstverständlich die alten Sprachen an, die Generationen von Gymnasiasten ins Schwitzen brachten. Allerdings gibt es letztlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder nivelliert man das Profil nach unten in der Annahme, der Pfarrertitel sei an sich attraktiv, auch wenn dessen Profil verschwimmt. Oder aber man hält am Titel und den vorausgesetzten Kompetenzen fest, verwässert das Profil also nicht, öffnet aber die Ausübung des Amts wohlüberlegt für innovative Kräfte, wie sie die Auffächerung der Bedürfnisse erfordert. Zweifellos wird man dazu wagen müssen, sich von den Calvin so wichtigen Empfehlungen des Epheserbriefs (4,11–12) zu lösen, ohne sich mit Titeln zu begnügen, die aus konfessionsgeschichtlichen Gründen schlecht zum Protestantismus reformierter Prägung passen. Wagen wir also Ämter, ohne ständig das Pfarramt vor Augen zu haben.

Mono- oder Permakultur?
Die Zukunft des Amts hat viele Gestalten: verkündende, begleitende, leitende, beratende, lehrende und dazu noch all jene, die das Verkündigungsamt nötig macht, das allen Getauften verliehen ist. Ansätze dazu bestehen, die Erfahrungen unterscheiden sich je nach Sprachregion, manch ein tastender Versuch ist mutig, andere sind befremdlich, und gleiche Wörter entsprechen nicht zwingend gleichen Gepflogenheiten (siehe etwa beim Diakonieamt). All das ist uns bewusst. Dringend ist allerdings, den Wert einer breiten Palette wünschenswerter Ämter in Abhängigkeit von den Berufungen und den von der Kirche benötigten Kompetenzen anzuerkennen, um zu vermeiden, dass die Relevanz des Evangeliums unter der Sonne der Postmoderne verglüht. Wäre es in Anbetracht der tiefen Besorgnis und des drohenden Verkrampfungsrisikos nicht angebracht, von der Quasimonokultur des Pfarramts auf eine Permakultur der Ämter umzusteigen, in der eine verantwortungsvolle Zusammenarbeit unter Berufenen für unterschiedliche und anerkannte Aufgaben entstehen kann?
Der SRPV-Vorstand ist sich bewusst, dass diese Diversität in das Verständnis der Pfarr- und anderen Ämter zu integrieren ist, und zwar jetzt. Das Pfarramt ist weder das Summum des pastoralen Wirkens unserer Kirchen noch füllt es dieses Wirken erschöpfend aus. Bleibt zu hoffen, dass die (legitime) Frage der Konsekration mögliche Problemlösungen nicht zusätzlich erschwert. Aber das ist eine andere Debatte, die in einem anderem Beitrag zu beleuchten wäre.

Dokumente