Die neue Taschenausgabe der Deutschschweizer Liturgie

images interpares (Foto: Mark Haltmeier)
images interpares (Foto: Mark Haltmeier)
Ein Arzt hat einen Notfallkoffer bei sich, damit er sofort helfen kann, wenn er an einen akuten Krankheitsfall oder an einen Unfall gerät. Pfarrerinnen und Pfarrer geraten zwar selten unverhofft an einen Gottesdienst, und doch ist es manchmal hilfreich, das Wichtigste auf kleinem Raum konzentriert zu finden, ohne lange an verschiedenen Orten suchen zu müssen. Und obschon das Vorlesen von Texten in der Seelsorge nicht immer erste Wahl ist, kann auch hier ein gedruckter Begleiter hilfreich sein.
Andreas Marti
Die Konzentration aufs Wesentliche lässt allerdings die Frage aufkommen, was denn für den reformierten Gottesdienst dieses Wesentliche ist, und damit bekommt die Taschenausgabe gewollt oder ungewollt eine normierende oder doch zumindest eine orientierende Funktion. Aus diesem Grund hat die Deutschschweizerische Liturgiekommission zunächst auch gezögert, die vergriffene Taschenausgabe von 1986 durch ein neues Büchlein zu ersetzen. Erst der ausdrückliche Auftrag der Kantonalkirchen – im Wissen um diese Problematik – hat die Kommissionsarbeit möglich gemacht.
Nun lassen sich aber das Wesen und das besondere Profil des reformierten Gottesdienstes kaum an bestimmten liturgischen Texten festmachen. Entscheidend ist, wie er jeweils zustande kommt, nach welchen Grundsätzen gearbeitet wird und auf welche Weise er gefeiert wird. Darum enthält die Ausgabe auch Überlegungen und Hinweise zur Gestaltung der unterschiedlichen Liturgien – Predigtgottesdienst, Taufe, Abendmahl, Konfirmation, Trauung und Bestattung – und ihrer einzelnen Elemente. Dieser liturgiedidaktische Zug war teilweise heftiger Kritik ausgesetzt, da von einigen Seiten eine ausgesprochen praktische Ausgabe gewünscht und eine Theorielastigkeit befürchtet wurde. So hat man sich bei diesen Sekundärtexten (mit Ausnahme der von der Liturgiekommission bisher noch nie näher behandelten Trauung) auf ein notwendiges Minimum beschränkt. Ganz auf die Praxis zielt der kleine fremdsprachige Teil: liturgische Basistexte in Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Rätoromanisch.
Ebenso unvermeidlich wie die genannte didaktische Komponente ist es, dass die meisten der in diesen Liturgien enthaltenen Texte exemplarisch zu verstehen sind: als Orientierungsmarken und als Anregung für eigenes Formulieren oder für die Suche nach Alternativtexten. Solche enthält die Ausgabe selber auch schon, entweder direkt in den Liturgiemodellen oder dann in der im zweiten Teil des Büchleins enthaltenen Sammlung von Texten für Gottesdienst und Seelsorge – biblische Texte, Liedstrophen und neuere literarische Texte.
Die Taschenausgabe muss also die Balance halten zwischen einem erkennbaren, identitätsbildenden Profil und der liturgischen Gestaltungsfreiheit. Eine weitere Balance ist die zwischen Traditionsbezug und Zeitgenossenschaft. Hier hilft der kürzlich von der deutschen Liturgischen Konferenz propagierte Begriff des «traditionskontinuierlichen Gottesdienstes» weiter: erkennbares Anknüpfen an eingespielten Strukturen, am Sprachschatz von Liturgie und Kirchenlied und – für uns Reformierte zentral – an der biblischen Überlieferung in großer Breite und Vielgestaltigkeit. Dabei braucht es aber das Bemühen um eine gegenwärtige Sprache, klar und schnörkellos, auch poetisch-bildhaft andeutend, nicht belastet durch die Schwerfälligkeit überkommener Formelhaftigkeit. Ob das alles gelungen ist, wird sich im Gebrauch der Ausgabe zu weisen haben.

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