Pfarrverein des Kantons Zürich

Porträt über Marie-Ursula Kind erschienen im Tages-Anzeiger

2026 Maria-Ursula Kind (Foto: Denise Muchenberger)
Predigen statt anklagen: vom Internationalen Strafgerichtshof in die Kirche

Marie-Ursula Kind hat als Anwältin am Internationalen Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen.
Dann hat sie sich der Theologie zugewandt.

Das Interview führte Denise Muchenberger und erschien in der Beilage "Bildung" im Tages-Anzeiger im Februar 2026.
Wenn man mit Anfang fünfzig noch einmal zur Mutter zieht, mit 500 Franken pro Monat auskommt, sich einschränkt, wo es nur geht, dann muss die innere Stimme deutlich zu einem gesprochen haben. Und genauso war es bei Marie-Ursula Kind. Die Anwältin hat nach einer eindrücklichen Karriere, unter anderem am Internationalen Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag noch einmal einen neuen Weg eingeschlagen und sich für ein Quereinsteiger-Studium der Theologie entschieden. Heute ist sie sechzig und Pfarrerin der reformierten Kirche in St. Moritz.

Aber alles der Reihe nach. Aufgewachsen ist Marie-Ursula Kind in Zürich Balgrist, in einem gläubigen Elternhaus. Der Grossvater war Pfarrer, lebte Nächstenliebe und den Glauben an Jesus Christus auch im Familienalltag vor. Früh hatte sich auch Marie-Ursula Kind zur Theologie hingezogen gefühlt, doch als es nach Abschluss des Gymnasiums darum ging, ein Studienfach zu wählen, fühlte sie sich nicht bereit für die Theologie. «Mein Vater ist früh verstorben. Ich hatte deshalb viele Fragen, die mich umtrieben. Wie sollte ich da vor eine Kirchgemeinde stehen und aus tiefer Überzeugung das Wort von Jesus Christus predigen? Ich war zu wenig gefestigt, mir fehlte der Zugang zu meinem Innern.» Ausserdem schien ihr das Feld der Theologie zu weit, zu offen, es liess zu viel Raum für Interpretationen. Also entschied sie sich für das Jura-Studium. «Das schien mir pragmatischer. Da könnte ich mit Gesetzestexten arbeiten, die vorgeben, was richtig und falsch ist. Ausserdem war mein Vater Jurist», erklärt Kind. Während des Studiums blieben ihr die Vorlesungen ihres Professors für Völkerrecht besonders in Erinnerung. Nach Absolvierung des Masters in Cambridge und des Anwaltspatents in Zürich, konnte sie bei eben diesem Professor, Daniel Thürer, als Assistentin anfangen.

Kriegsverbrecher anklagen
Während dreier Jahre arbeitete sie an der Universität Zürich und beschäftigte sich mit den Grundprinzipien des friedlichen Zusammenlebens von Völkern, bis sie eine Arbeitskollegin darauf hinwies, dass man in Den Haag am Internationalen Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien ein Praktikum absolvieren könne. Die beiden Freundinnen bewarben sich und wurden genommen; Marie-Ursula Kind bei der Anklagebehörde, ihre Kollegin bei der Gerichtskammer. Nach Ablauf der sechs Monate bekam Kind ein Stellenangebot, um den Fall, an dem sie arbeitete, abschliessen zu können: einen bosnisch-kroatischen Lokalpolitiker und einen Militärkommandanten zur Rechenschaft zu ziehen. «Die Arbeit war nicht einfach. Wir sichteten Dokumente, führten Zeugenbefragungen durch, suchten nach stichfesten Beweisen, um das Gericht zu überzeugen. Doch am Ende fehlten entscheidende Puzzleteile, um die Beschuldigten als Strippenzieher zu identifizieren», sagt Kind. Dann aber wendete sich das Blatt. Und Kind merkte, was es bedeutet, wenn das Leben eine unerwartete, positive Wendung nimmt. Der damalige kroatische Präsident verstarb, die neue Regierung öffnete alle Archive, so dass die Anklagebehörde Zugang zu entscheidenden Dokumenten bekam. Auch ein wichtiger Kronzeuge war bereit, eine Aussage zu machen. Die Angeklagten wurden in erster und auch in zweiter Instanz für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihre Kriegsverbrechen verurteilt. Ein grosser Erfolg für Kind und ihr Team, die mehrere Jahre an dem Fall gearbeitet hatten. Doch es gab auch Niederlagen. «Einmal wurde ein entscheidendes Beweisdokument vom Gericht nicht berücksichtigt und der Beschuldigte freigesprochen. Es war sehr schwer für mich, dieses Urteil zu akzeptieren.»

Singen im Kirchenchor
In Den Haag fühlte sich Marie-Ursula Kind nicht nur beruflich, sondern auch privat zuhause. Sie hatte sich dem evangelischen Kirchenchor angeschlossen und so Zugang zu den Einheimischen gefunden. Gerne wäre sie in Den Haag geblieben, doch nach zehn Jahren wurde ihre Stelle am Internationalen Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien gestrichen. Sie zog weiter, arbeitete unter anderem in Genf, in Sarajevo und im Kosovo als Strafrechts- und Friedensexpertin, konnte aber aufgrund der politischen Verhältnisse vor Ort kaum etwas bewirken. «Das waren enorm frustrierende Erfahrungen», sagt sie, die gerne das Leben vor Ort für die Menschen gerechter, sicherer, stabiler gemacht hätte. Im Laufe der Zeit merkte sie, wie sehr es ihr zusetzte, nichts verändern zu können. So kam in ihr verstärkt der Wunsch auf, noch einmal eine andere Richtung einzuschlagen, etwas Neues zu wagen, abseits von politischen Systemen. Durch eine Freundin erfuhr sie vom Theologie-Studium für Quereinsteigerinnen, dass in Vollzeit drei Jahre dauern würde. Sie durchlief das Aufnahmeverfahren, musste noch ein Jahr überbrücken und konnte im Herbst 2018 als Studentin an die Universität Zürich zurückkehren. Damit verbunden waren viele Entbehrungen. «Ich zog wieder bei meiner Mutter ein. Mein gesamtes Erspartes steckte ich in das Studium, aber es war finanziell eng. So war ich auch auf ein Darlehen aus der Familie angewiesen.» Mit 56 machte sie das Vikariat, bevor sie ordiniert wurde und in der Gemeinde Illnau-Effretikon erstmals eine Teilzeitstelle als stellvertretende Pfarrerin annahm.

Glaube, Glamour und Jet-Set
Dann wechselte sie nach Walenstadt, wo sie auf eine lebendige, interessierte und engagierte Kirchgemeinde traf. «Die Arbeit bereitete mir viel Freude, aber ich hatte Sehnsucht nach einem Ort in den Bergen.» Ein Kollege, mit dem sie das Vikariat absolviert hatte, wies sie auf die Stellenanzeige in St. Moritz hin. «Ich konnte mir sofort vorstellen, ins Engadin zu ziehen. Also bewarb ich mich.» Seit April 2024 ist sie nun Pfarrerin der reformierten Kirche von St. Moritz, kümmert sich um Seniorenarbeit und Seelsorge, um den Konfirmandenunterricht, schreibt und hält Predigten, gestaltet Gottesdienste für Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen. Ein breites Spektrum, das Leben in all seinen Facetten, Freude und Trauer, Hoffnung und Bangen – dazu eine Prise Internationalität, Glamour und Jet-Set. Denn in der Hochsaison beanspruchen auch Gäste und Zweitheimische aus aller Welt die seelsorgerischen Dienste von Kind. «Am Ende sind alle vereint in ihrem Schmerz, in ihren Unsicherheiten, in ihren Fragen nach dem Sinn des Lebens, egal wie viel Geld auf dem Bankkonto liegt.» Für sie gehe es in ihrer Arbeit darum, offen zu sein, zuzuhören, nicht zu werten, sondern eine Hilfestellung zu geben, beispielsweise mit einem Bibelvers. «Es ist gut, dass die biblischen Texte, anders als Gesetzestexte, Raum für Interpretation lassen. Das schafft Raum für Diskussionen.»

Denise Muchenberger

Das Porträt im PDF-Format: Interview Marie-Ursula Kind