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Gerhard Blocher

*29.01.1934  †28.12.2016

Einsatzorte

1959 - 1967: Schönengrund, AR
1967 - 1977: Flawil, SG
1977 - 1999: Hallau, SH
Bild Gerhard Blocher

nachruf

Gerhard Blocher, der Pfarrer, ist am 28. Dezember 2016 in seinem 83. Lebensjahr verstorben. Zum 80. Geburtstag gratulierte Georg Stamm ihm im Namen seiner Kollegen der evangelisch- reformierten Kirche des Kantons Schaffhausen und ergänzte: den Kollegen, mit denen er ebenso gerne wie ungern streitet. Und er hört sofort seinen Widerspruch: Wozu gratulieren? 80 ist biblisches Mass und Grenze. Basta. Ja, wenn ihr es im Wortsinn meint. Im Gratulieren streckt gratia, die Gnade. Wenn die freundliche Zuwendung Gottes gefeiert wird, lasse ich es mir gefallen. Das ist ja mein Auftrag, diese lautstark zu verkünden. Der akribisch-genaue Bibelliebhaber nimmt das Wort beim Wort. Im 90. Psalm, da die achtzig Jahren als Grenze vorkommen („wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre“) ist nicht vom Feiern die Rede, sondern von Mühe und Arbeit. Die kennt er. Und trotzdem feiern er und die Seinen kräftig. Er hat dazu seine Freunde ins Schloss Laufen aufgeboten. Wo des Rheinfalls Rauschen in seinen Ohren und in seinem Herzen zu Musik wird. Hier hat sein Leben begonnen. Hier im Pfarrhaus ist er mit seinen zehn Geschwistern unter der prägenden Obhut von Mutter und Vater aufgewachsen. Er hat im Kirchenboten seiner Mutter in dankbarer Erinnerung öffentlich eingeräumt, dass sie es mit dem Vater nicht immer leicht gehabt habe. Aber dieser Vater ist zu einem Fixpunkt seines Lebens geworden, der in allen dialektischen Widersprüchen des Lebens bis heute Kompass ist. Das zeigte sich weichenstellend bei der Berufsentscheidung. Als der Mittelschüler Gerhard seinem Vater eröffnete, er wolle Griechisch lernen, weil er Pfarrer werden wolle, putzte der ihn kurz und klar ab: Pfarrer werden wollen, das geht nicht. Entweder du musst es, oder du lässt es bleiben. Ende des Gesprächs. Gerhard musste. Das Schlüsselwort heisst Auftrag. Damit war die Berufsvariante Musik in die Liebhaberei verschoben, der er zusammen mit seinem musiktheoretischen Lehrer Peter Leu bis ins Alter auf der Orgelbank des Münsters frönte.
Auffallend in der Rede- und Denkweise Gerhard Blochers ist seine Vorliebe für alles Militärische. Dem Neuen Testament ist diese Bilderwelt nicht fremd, aber sie wird weniger dominant entfaltet. Ihn fasziniert die Klarheit des Auftrages, welche die militärische Sprache der Dialektik des Lebens entgegensetzt. Er bewundert die Kraft, die sich auf die Erfüllung des Auftrages konzentriert. Wo und wann wird er rabiat? Wenn er entdeckt, dass von der grossen Guten Kunde, die sein Leben prägt, kleinbürgerliche Derivate, Moral genannt, abgeleitet werden und darob die Quelle, der Ursprung, das Evangelium vergessen geht. Er kann unerbittlich kritisieren. Darum kann ich nicht behaupten, er hätte es den Kolleginnen und Kollegen, insbesondere den Predigern, die sich in die Höhle des Löwen, nach Hallau, gewagt haben, leicht gemacht. Und den Kirchenräten auch nicht. Aber ich höre ihn sagen: „Es ist nicht mein Auftrag gewesen, es meinen Kollegen leicht zu machen“. Er kann sich ebenso rabiat wie liebevoll schwierigen Zeitgenossen annehmen und ihnen Lebensfreude vermitteln. Wie aber formuliert es selber den Auftrag, den er zu erfüllen hat? Er braucht dazu ein Manöverbild und er zitiert einen Choral. Seine Appenzeller versinken im WK im Manöverdreck, übernächtigt und übermüdet. Da verkündet aus der Deckung des Komandoraumes lautstark, unüberhörbar eine Stimme: „Übung abgebrochen!“ Die mühsame Verschiebung zur Demobilmachung steht zwar bevor, aber das grosse Aufatmen der Soldaten verändert Verbissenheit in Leben. Im Choral heisst das so: „All Fehd hat nun ein Ende“ Das ist Glaube, der zu verkünden ist.
Das tat Gerhard Blocher, frei von Amtespflichten als Pfarrer und Gemeindepräsident, intensiver als je, indem er für seine Erika sorgte bis zu ihrem Tod, wie sie 54 Jahre für ihn gesorgt hat. Indem er seine Zeit Zeitgenossen schenkte, die Ermutigung brauchten. Auftrag nicht erfüllt, sondern neu gestellt. An der achtzigjährigen Grenze des Lebens.