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Willy Bachmann

*20.12.1922  †28.07.2012

Einsatzorte
1951 - 1967: in Kamerun (Basler Mission)
1968 – 1989: Bürglen TG
Ruhestand in S. Abbondio-Calgiano TI


Zum Abschied von alt Pfarrer Willy Bachmann, Bürglen

Am 28. Juli 2012 ist in seiner Tessiner Ruhestandsheimat San Abbondio der ehemalige Bürgler Pfarrer Willy Bachmann in seinen 90. Lebensjahr gestorben. Als Arbeitersohn war ihm die Solidarität mit den Schwächsten und Ärmsten dieser Welt immer ein Herzensanliegen.

Willy Bachmann war in Winterthur-Töss aufgewachsen. Sein Vater arbeitete als Schleifer bei der Firma Rieter. Willy Bachmanns Kindheit war geprägt von der politischen Auseinandersetzung mit der Schweizer Frontenbewegung, die offene Sympathien für die Nationalsozialisten in Deutschland bekundete. Bachmanns Vater machte als überzeugter «Sozialist» keinen Hehl aus seiner Ablehnung des nationalsozialistischen Gedankenguts. In der Erinnerungsserie, die die Reformierten Medien 2010 zu den Kindheitserinnerungen von Pfarrerinnen und Pfarrern an das Aufkommen des nationalsozialistischen Gedankenguts in den dreissiger Jahren herausgegeben haben, erinnert sich Willy Bachmann, dass sein Vater dabei gewesen sei, wenn die «Fröntler nach ihrer Versammlung im Hirschen von den Sozis abgefangen und verprügelt» worden seien.
In seinen Erinnerungen an die Kriegszeit von 1939 bis 1945 erwähnt Willy Bachmann das Missionshaus in Basel, an dem junge Männer aus verschiedenen Berufen auf dem zweiten Bildungsweg Theologie studieren konnten. Der damalige Hausvater Epting war Deutscher. Sein Sohn wurde zur Wehrmacht einberufen und ist nie mehr «heimgekommen».

16 Jahre in der Mission in Kamerun
Sein Lernvikariat absolvierte Willy Bachmann im zürcherischen Oberrieden. Nach seiner Ordination zum Pfarrer am 8. Oktober 1950 bereitete er sich für seinen Einsatz für die Basler Mission in Kamerun vor. 16 Jahre verbrachte Willy Bachmann darauf mit seiner Frau Edith und mit den Kindern in Kamerun: Zunächst von 1951 bis 1958 als Distriktspfarrer in Britisch-Kamerun und anschliessend von 1958 bis 1967 als Landespräses der Basler Mission. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz liess er sich 1968 zum Pfarrer in die Kirchgemeinde Bürglen wählen, wo er über seine Pensionierung hinaus bis 1989 als Pfarrer wirkte. Zusammen mit seiner Frau Edith setzte sich Pfarrer Willy Bachmann dafür ein, dass die Kirche sich für die Entwicklung des afrikanischen Kontinents und seiner Menschen engagierte. Mission und Entwicklungszusammenarbeit wurden zu einem festen Bestandteil der Aktivitäten in der Kirchgemeinde Bürglen.

Tessin wurde zur zweiten Heimat
Seinen Ruhestand verbrachte Pfarrer Willy Bachmann zusammen mit seiner Frau Edith im Tessin im wildromantischen San Abbondio in der Höhe über dem Lago Maggiore. Seiner Frau Edith bot sich die Gelegenheit, als Mitglied der Synode der Evangelischen Tessiner Kirche Verantwortung zu übernehmen. Das Tessin und die Tessiner Kirche sind zur zweiten Heimat des ehemaligen Bürgler Pfarrerehepaars Willy und Edith Bachmann-Stricker geworden. In der evangelischen Kirche von San Nazzaro haben auch Freundinnen und Freunde aus der Bürgler Zeit am 6. August 2012 von Pfarrer Willy Bachmann Abschied genommen.

Ernst Ritzi, Aktuar des Evangelischen Kirchenrates des Kantons Thurgau


Zeitzeugnisse
in der Serie der Reformierten Medien im Jahr 2010 zu den Kindheitserinnerungen von Pfarrerinnen und Pfarrern an das Aufkommen des nationalsozialistischen Gedankenguts in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts

«Vor dem Hirschen in Winterthur-Töss hat Vater die Fröntler verprügelt»

Erinnerungen von Pfarrer Willy Bachmann an die 30er-Jahre und an die Zeit des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz (aufgezeichnet von seiner Frau Edith Bachmann-Stricker)

Der Duce hatte einen schlechten Ruf in Töss
Pausenplatz der Primarschule Töss, circa 1934: Ein grösserer Schüler kratzt mit dem Fuss ein Hakenkreuz in den Kies. Er verkündet den Umstehenden: «Das wird unsere Zukunft sein.» Er findet keine Zustimmung im Kreis. «Das ist gewiss nicht unsere Zukunft», sagen sie und laufen unberührt weg.
Im Arbeiterquartier Winterthur-Töss war die Stimmung selbstverständlich anti-Nazi. Die Sozialdemokratische Partei war stark verwurzelt in der Arbeiterschaft. Mein Vater, Schleifer bei «Rieters», wie man damals sagte, war engagierter Sozialist. Er war dabei, wenn die Fröntler nach ihrer Versammlung im «Hirschen» draussen von den Sozis abgefangen und verprügelt wurden.
Die beiden Pfarrer in Töss waren ebenfalls eindeutig antinazistisch. Pfarrer Tobler, volksnah und Mitglied der SP, hat öfters zu politischen Fragen Stellung bezogen. Pfarrer Bruppacher, ein sehr ernsthafter, aber zurückhaltender Theologe, äusserte sich dazu weniger, aber es war trotzdem klar, wo er stand.
Einen besonders schlechten Ruf in Töss hatte Mussolini. Die Kioskfrau Marie Joppi erzählte jedem, der es wissen wollte, dass der Duce ihr immer noch 20 Franken schulde. Als er vor einigen Jahren als Maurer im Tal auf dem Bau gearbeitet habe, habe er seine Zigaretten und anderes bei ihr immer auf Pump geholt.
Velotour nach Singen circa 1937: Mit einem Schulkollegen machte ich eine Velotour nach Singen. Bei seinen Verwandten wurden wir bewirtet und mit Nazipropaganda eingedeckt. Als wir zur Rückfahrt, starteten, traten diese ans Fenster, rissen die Arme hoch und schrieen «Heil Hitler!». Wir bestiegen unsere Fahrräder, rissen ebenfalls die Arme hoch und riefen «Pfui Hitler!». Dann traten wir in die Pedalen und machten uns so schnell wie möglich aus dem Staub.

Missionshaus Basel: Hausvater Epting wollte den Führer am Radio hören
Im Missionsseminar konnten junge Männer aus verschiedenen Berufen auf dem zweiten Bildungsweg Theologie studieren. Gleichzeitig bereiteten sie sich auf den Missionsdienst vor. Die Basler Mission hatte sich bereits von ihrem deutschen Zweig getrennt und stand ganz unter schweizerischer Leitung. Präsident war damals der Ökumeniker Alfons Köchlin. Unter den Studierenden – «Brüder» wurden wir genannt, nicht mehr «Zöglinge» wie in der vorköchlinschen Aera – waren nach 1942 nur noch wenige Ausländer. Hausvater Epting aber war Deutscher. Öfters, wenn er mit uns Brüdern zusammen war, wurde er plötzlich ganz aufgeregt, entschuldigte sich: «Ich muss gehen, der Führer spricht» und ging in seine Wohnung, um das Radio anzudrehen. Damals wurde sein Sohn von der Wehrmacht einberufen. Er ist nie mehr heimgekommen.
Auch einige theologische Lehrer waren Deutsche. Der Liederdichter Friedrich Liebendörfer zum Beispiel. Er war wohl kein Nazianhänger, trotzdem wurde er, als wir wegen Fliegeralarm im Luftschutzkeller waren und er jammerte («Jetzt bombardieren sie mein liebes Vaterland»), von Fräulein Müller, der gestrengen Hausmutter, harsch angefahren: «Wer hät agfange?»


«Ja, wir haben es gewusst»

Erinnerungen der Pfarrfrau Edith Bachmann-Stricker (verfasst von Edith Bachmann)

Unsere Familie wohnte in Oberschan, einem kleinen Dorf am Berghang einige Kilometer rheinaufwärts von der Stelle, wo jüdische Flüchtlinge vom Voralbergischen her in die Schweiz zu gelangen versuchten. Jahre später hat man diese Zeit am Fall Grüninger aufgearbeitet. Die harte Haltung der Schweizer Behörden machte viele betroffen. Andere fanden eine Entschuldigung: Man habe ja nicht gewusst, was mit den Juden in Deutschland geschehe. Da muss ich dazu einfach sagen: Ich habe es gewusst!
Wir waren in der zweiten Klasse. Unser Lehrer, nicht mehr der Jüngste, war hilfsdienstpflichtig. Bei der grossen Mobilmachung musste auch er einrücken. Während manchen Wochen fiel die Schule aus. Zeitweise hatten wir einen jungen, strammen Vertreter, den wir nicht so mochten. Einmal kam unser richtiger Lehrer während seines Urlaubs zu uns in die Schule. Ich sehe ihn noch, wie er da vorne steht in seiner zerknitterten HD-Uniform und uns berichtet, was er im Wachtdienst am Rhein gehört hat. Wie erstarrt sitzen wir in unseren Bänken, während er schreckliche Dinge erzählt von den Konzentrationslagern und von Kommandoleuten, die Lampenschirme aus den Häuten der Juden machen lassen. Ja, wir haben es gewusst, verstanden haben wir es nicht. Auch später nicht, weil man solch grauenhafte Dinge nicht verstehen kann.

Das zertrümmerte Radio
Ein anderes Ereignis, das ich damals überhaupt nicht und später aber dann doch verstanden habe: Wir besassen ein Radio, eines der wenigen im Dorf, und das war ein Heiligtum. Man durfte es kaum berühren. Wenn der Mann, der irgendwo im Kasten drin war, sprach, wurden alle Erwachsenen ernst und die Kinder mussten still sein. Einmal kam der Vater vom Festungsdienst heim in den Urlaub und erzählte, er und die andern Soldaten hätten miteinander dem Mann im Radio zugehört, und auf einmal seien alle ganz wütend geworden und hätten mit den Fäusten auf den Apparat eingehämmert. Ich verstand die Welt nicht mehr. Dass man so etwas darf! Viel später habe ich begriffen, dass es Bundesrat Pilet-Golaz war, der die Soldaten mit seiner berühmt-berüchtigten Rede so erzürnt hatte. Und ich habe verstanden, dass es Dinge gibt, die einem noch heiliger sein können als ein Radioapparat und das, was der Mann da drin spricht.

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