nekrologe.ch

Josua Fridolin Boesch

*15.11.1922  †10.07.2012

Einsatzorte

1951 - 1954: Rothrist, AG
1954 - 1957: Mathon, GR
1957 - 1967: Stallikon, ZH
1967 - 1971: Schaffhausen-Buchthalen, SH
1971 - 1979: Affoltern am Albis, ZH
Bild Josua Fridolin Boesch

Sowohl als Theologe, Seelsorger, innovativer Gemeindepfarrer wie auch als Metall-Ikonenkünstler, Poet, Bibelübersetzer, Mystiker ist Josua Boesch weit über die Kreise seiner Wirkungsorte hinaus bekannt geworden und hat ein reiches künstlerisches Werk hinterlassen, das aus dem Evangelium, der Stille, der Meditation, dem Gebet genährt worden war.
Josua Boesch entstammte einem alten Toggenburger Geschlecht. Er wurde am 15. November 1922 in Niederweningen (ZH) geboren und wuchs mit zwei Schwestern und einem Bruder auf. Nach der obligatorischen Schulzeit bis zur mittleren Reife besuchte er die Kunstgewerbeschule in Zürich und machte eine Ausbildung zum Gold-und Silberschmied. Während seiner Lehrzeit träumt er nachts davon, edles und unedles Metall miteinander zu verschmelzen – Gold und Silber mit Kupfer und Messing. Sein Lehrmeister untersagte es ihm: So etwas ist nicht erlaubt, das gehört sich nicht! Nur kurz arbeitete Josua Boesch nach Beendigung der Lehre in seinem Beruf als Gold-und Silberschmied. Er erlangte noch die Maturität und studierte Theologie in Zürich, Basel und an der theologischen Hochschule Bethel bei Bielefeld. 1951 wurde er in Zürich zum reformierten Pfarrer ordiniert und heiratete im selben Jahr die Bündnerin Ann Patzen. Die erstgeborene Tochter Regula starb 1952 schon nach drei Tagen. 1953 kam Verena Elisabeth zur Welt und 1955 Josua Martin.
Von 1951 bis 1954 wirkte er als Pfarrer in der aargauischen Kirchgemeinde Rothrist, dann drei Jahre in Mathon bei Zillis GR und 1957 bis 1967 in Stallikon ZH. Im Jahre 1967 berief ihn die zahlenmässig wachsende Kirchgemeinde Schaffhausen-Buchthalen auf ihre zweite Pfarrstelle. Schon da war ihm der Gebrauch der Mundart auch im Gottesdienst ein segensreiches Mittel, das Evangelium und die Sakramente den Menschen ganz nahe zu bringen. Seine Mundart-Abendmahlsliturgie haben einzelne Schaffhauser Kollegen noch während vieler Jahre dankbar benutzt. Er liebte die Sprache als Werkzeug des Ausdrucks, aber genau so bedeutsam waren für ihn das Schweigen und die Stille. „Wir können in unseren Gottesdiensten nicht mehr auf Stille und Meditation verzichten. Darin finden wir die nötige Distanz zu Menschen und Dingen wieder. Wir brauchen wieder Orte, wo wir der Informations-und Konsumflut die Stirne bieten können. Taize geht diesen Weg schon lange,“ schrieb er im Tagebuch am 20. März 1969.
Im Jahre 1971 wechselte er von Buchthalen nach Affoltern am Albis ZH, wo er bis 1979 im Dienst stand.
Im Laufe seiner Jahre als Pfarrer fingen seine Hände an zu „weinen“, wie Josua Boesch es ausdrückte. Er wollte wieder handwerklich schaffen. Der Gold-und Silberschmied und der Pfarrer wollten zusammenkommen, wollten eins werden! In Affoltern a. A. arbeitete er in seinen letzten zwei Amtsjahren halbzeitlich im Pfarramt und halbzeitlich als Künstler, in seinem Schopf neben dem Pfarrhaus. Er verwirklichte sich dabei seinen Jugendtraum: In bisher ungewohnter Weise verband er unedles und edles Metall: Messing Kupfer, Silber und Gold. Es entstanden Kunstwerke, „Ikonen“, nicht gemalte Ikonen wie sie die Ostkirche kennt, sondern Ikonen aus Metall. Ihre Farben und Nuancen entstanden spontan im Feuer. Kupfer, Messing, Silber und Gold verwandelten sich im Feuer in einem Löt- und Schmelzprozess zu einer überraschenden Einheit. Das Feuer, Symbol der verwandelnden Kraft der Liebe Gottes, war der eigentliche Künstler. Seinen eigenen Anteil daran sah Josua Boesch darin, in liebevoller Achtsamkeit den Arbeitsgang zu begleiten, indem er unedle Metalle behandelte, „ als wären sie Gold“. Er ging mit seinen Ikonen durchs Feuer. Es war für ihn selbst ein Läuterungs-und Reinigungsweg, wenn er seine Ikonen dem Feuer übergab.
In den siebziger Jahren unternahm Josua Boesch mehrmals Reisen nach Italien – teilweise auch mit seinen Konfirmanden – und lernte dort das benediktinische Eremitenkloster von Camaldoli im toskanischen Apennin kennen und lieben. Seine Sehnsucht nach seiner wahren Berufung trieb ihn in ein intensives äusseres und inneres Suchen. Dabei waren es lange und schmerzvolle Prozesse, die er durchlebte, bis die Entscheidung reif war, seine Zelte in der Schweiz abzubrechen und nach Italien zu ziehen. 1979 war es soweit und er brach auf in den toskanischen Apennin nach Camaldoli, wo ein neues Leben begann, in der Gemeinschaft der Brüder des Eremitenklosters. “Mein eremitisches Leben wird nicht Rückzug in die Wüste sein, sondern Eroberung des verheissenen Landes. Wie bei Josua,“ schrieb er in seinem Tagebuch „Morgendämmerung“ – wenige Wochen nach seiner Scheidung 1975.
Josua Boesch fühlte sich von den Brüdern in Camaldoli willkommen. Er konnte in seiner Cella seine Werkstatt einrichten, die zugleich auch Kapelle für ihn war. Am 8. April 1979 schreibt er in sein Tagebuch:“Meine Cella ist wie eine Urhütte. Welch ein Unterschied zu einem Zürcher Pfarrhaus! Endlich habe ich meine eigenen Proportionen wieder gefunden.“
Bereits nach wenigen Wochen baten ihn die Brüder eine Predigt zu halten, obwohl er die italienische Sprache noch nicht wirklich beherrschte! Er wagte es und erfuhr so, dass er auch mit wenig Worten das Wesentliche erfassen und weiter zu geben vermochte.
Für Josua Boesch war es aber immer klar, dass er ganz bewusst ein Zeichen der Ökumene leben und nicht zum Katholizismus konvertieren wollte. Ein besonderes Ereignis war für ihn und die Brüder von Camaldoli das erste reformierte Abendmahl im Eremo am 22. Januar 1980, während der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Er hatte die Liturgie von Taizé ins Italienische übersetzt. Er schrieb im Tagebuch: “Es war unbeschreiblich bewegend, diese Stunde mit den Brüdern zu feiern. Meine kleine leere Schale war überfliessend voll von SEINER Herrlichkeit. Wir alle waren für einen Augenblick SEIN Leib. Unverfügbar wie ER.“
Dann musste er jedoch miterleben, wie in Camaldoli in den achtziger und neunziger Jahren die ökumenischen Zeichen aus Rom immer frostiger wurden. Es war für ihn unglaublich schmerzvoll, vom Tisch der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, “als würde ich entzwei gebrochen.“ Er entschied sich für ein eucharistisches Fasten, nicht als Trotzreaktion, sondern als Zeichen seines Schmerzes über die Zerrissenheit der Christenheit. Um die Brüder in Camaldoli nicht zu gefährden, beschloss er nach sechs Jahren im Eremitenkloster, dieses zu verlassen. Nur wenige Kilometer entfernt, unten im Tal, in Farneto di Soci, fand er in einem ehemaligen Bauernhof des Klosters seine neue Bleibe, das Casa Bocci. Den ehemaligen Schweinestall baute er zu seiner „Cella“(Klause) um. Jetzt befand sich alles unter einem Dach: Wohnung, Werkstatt, Kapelle. In ihr habe er endlich seine eigenen Proportionen gefunden – so erzählte er; die Masse der Cella seien jetzt für ihn passend, einfach stimmig.
Josua Boesch lebte und arbeitete im „Casa Bocci“ beinahe 14 Jahre. In dieser Zeit entstanden die meisten seiner Metallikonen. Sie schmückten und belebten seine Cella. Vor seiner Ikone mit dem Lebensbaum (Stein vom Bodensee mit Ahornblatt) brannte immer ein Öllämpchen. Zu seinem Wechsel vom Eremo hinunter ins Tal nach Farneta di Soci schrieb er am 1. Juni 1985:“Jetzt habe ich das Bild für meine sechsjährige Präsenz in Cameldoli gefunden: die Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Im siebten Jahr ist der ,Sommervogel‘ ausgeschlüpft. Wie sollte ich Camaldoli nicht dankbar sein für die Möglichkeit meiner Verpuppung! Aber nun wird es Zeit zum Fliegen.“
Ende 1997 musste Josua Boesch aus gesundheitlichen Gründen nach Zürich zurückkehren. Es war ein weiterer Schritt schon oft durchlebten Loslassens, um geläutert, verwandelt und befreit, sich wieder Neuem zuzuwenden. In über 20 Jahren waren unter seinen Händen und dem Feuer als Verwandlungskünstler Metall-Ikonen „geboren“ worden. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz begann er „Textikonen“ zu erspüren und sie poetisch verdichtet weiterzugeben. „Jetzt bruch ich nu no en Chribbel“. Das Besondere der „Textikonen“ war, dass er bewusst in seiner Mundart schrieb, um zu zeigen, dass die Zürcher Mundart „mehr, als nur eine Halskrankheit“ sei und dass sie sogar einen melodischen, zärtlichen Klang bekommen kann. Wie schon die Psalmen und das Johannesevangelium, schrieb er auch die poetischen Büchlein „Nootvorrat“, „Underwägs“ und „Aabig-glüe“ in Zürcher Mundart.
Nach seiner Rückkehr aus Italien lebte Josua Boesch ein paar Jahre in Zürich-Fluntern, dann wechselte er 2003 nochmals seinen Wohnsitz und zog in eine Alterswohnung in Zollikerberg, wo zur selben Zeit auch eine seiner Schwestern wohnte. 2007, nach einer grösseren Operation und danach teilweise pflegebedürftig, fand er ein neues Zuhause im Pflegeheim Rehalp, wo er sich in guten Händen wusste und sich sehr wohl fühlte. Fünf geschenkte Jahre folgten. Sie waren nicht immer einfach für ihn, aber dennoch „voller Perlen“. Am 10. Juli 2012 verstarb er in seinem 90.Lebensjahr und durfte in eine der definitiven „Cellae“ einziehen, von denen Jesus Christus sagt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ (Joh. 14,29).

Verena Frei-Boesch, Schneisingen AG