Was lohnt sich im Pfarramt? Die Priorität der Berufung im Beruf

IP-3-2021-Ralf-Kunz (Foto: Mark Haltmeier)

Was lohnt sich im Pfarramt?
Lohnt es sich, Konfirmanden zu erziehen und ihnen in anstrengenden Nachtübungen den Konsum geistlicher Getränke zu verbieten? Lohnt es sich, Sterbenden beizustehen, aber keine Zeit für die Lebenden zu haben? Lohnt es sich, Sonntag für Sonntag einer kleinen Schar das Evangelium zu predigen? Lohnt es sich, der Trauerfamilie, die keinen blassen Schimmer vom Ritus hat, ein Kirchenlied aufzuschwatzen, um es dann allein zu singen? Lohnt es sich, dem ignoranten Kirchenvorstand die Stirn zu bieten?
Ralf Kunz
Ich könnte noch lange so weiterfahren und würde dort landen, wo die Berufszweifler und Nörgler landen, nämlich bei der Frage: Lohnt es sich denn überhaupt? Die Frage soll provozieren. Sie provoziert hoffentlich zum Widerspruch. Natürlich lohnt sich der Einsatz! Und nun würden Geschichten folgen, die wir uns erzählen, Storys von Erlebnissen, die uns begeistert und Begegnungen, die uns berührt haben, von Anlässen, die gelungen sind. Vielleicht würde dann die eine oder der andere auch ein wenig angeben, wie gut sie oder er es gemacht hat. Ist das erlaubt? Hört sich das nicht zu sehr nach Eigenlob an?

Gegenfrage
Wenn wir uns nach dem Nutzen und dem Gewinn der pastoralen Arbeit fragen, kommen wir nicht umhin, Wertungen vorzunehmen. Nicht alles gefällt mir und nicht alles liegt mir, aber das, was mir gefällt, gibt mir Kraft und motiviert mich. Natürlich muss man die Gegenfrage stellen. Wäre es nicht christlicher, sich ohne Rücksicht auf Verluste aufzuopfern? Sich mit Haut und Haar dem Dienst zu verpflichten? Sein Kreuz auf sich zu nehmen, am Amt nicht zu verzagen und ohne zu klagen, seine Steine aufs Baugerüst zu tragen? Man fände in der älteren Pastoraltheologie Belege für dieses Berufsethos. Zugegeben: Nach dem Nutzen zu fragen, kann in die Irre leiten, den Erfolg als Kriterium zu nennen, kann verführen und nur immer den inneren Wohlfühl-Puls zu fühlen, den Beruf in einen Widerspruch mit der Berufung bringen.

Pro vocatio
Die Frage, was sich im Pfarramt lohnt, provoziert im eigentlichen Sinn der Pro-Vocatio. Sie ruft die vocatio interna aus der Reserve. Und es ist gut, sich von Zeit zu Zeit mit der eigenen Berufung zu befassen. Es gehört in gewisser Weise zum Kerngeschäft des Pfarrberufs. Entscheidend ist, wie wir es tun. Meine Provokationen sollten dazu dienen, mögliche Sackgassen zu erkennen. Weder die frustrierte Selbstkritik noch das forcierte Selbstlob und erst recht nicht ein kreuzes-theologisches aufgeladenes Ideal der Selbstaufopferung sind hilfreiche Ansätze. Man wird dem komplexen Ineinander von Berufung und Beruf auf diesen drei Fährten nicht gerecht. Theologisch ist es zwar unbestritten, dass in der Berufung ein Überschuss gegenüber dem Beruflichen gesehen werden muss. Der Ruf hat Priorität, erfordert unsere Hingabe, aber ist keine Anleitung zur Selbstausbeutung! Und umgekehrt lässt sich der Beruf, der sich auf den Ruf beruft, nicht auf eine Liste von Kompetenzen reduzieren, denen man möglichst vollständig entsprechen muss, um erfolgreich zu sein.

Warum sind wir gerne im Pfarramt?
Die „Lohnfrage“ ist eine Einladung, den Zusammenhang von Berufung und Beruf zu erforschen. Es geht um den Zusammenhang zwischen dem Was und Warum pastoralen Handelns. Das leitet schnurstracks zur Qualifizierung, zum Wie im Sinne der Motivation und Qualifikation. Denn wir wissen, dass wir das, was sich lohnt, gerne tun und in der Regel auch gut erledigen, aber wir wissen auch, dass wir davon allein noch nicht gelebt haben. Das ist kein Widerspruch und kein Gegensatz. Ich würde eher von einer Steigerung und Vertiefung reden. Wenn wir das, was wir gut und gerne tun auch als unsere Berufung erleben, werden wir eine tiefe Befriedigung im Beruf erfahren, die eine grosse Kraft entfaltet. Wenn wir die schweren Aufgaben unseres Berufs als Auftrag empfinden, der unserem Amt das Gewicht der Würde gibt, werden wir sie leichter erfüllen.
Was wir nur ungern erledigen, erledigt uns mit der Zeit und was uns nur belastet, wird uns irgendwann erdrücken.

Das Hirtenbild
Man könnte Letzteres lakonisch zusammenfassen: Es lohnt sich nicht, endlose Listen mit Zielen zu erstellen, die wir erreichen wollen, wenn wir nicht wissen, wozu alles gut sein soll und es ist sinnlos, über Kompetenzen zu reden, wenn wir nicht wissen, wozu wir kompetent sein sollen, was unsere Rolle ist und wer wir sind. Das ist negativ formuliert. Ich denke, es macht mehr Sinn, sich am feu sacré orientieren, das neu entfacht wird. Genau darum geht es positiv formuliert in der Berufung: Zu hören, wer ich im Beruf sein kann. Der Überschuss, der einerseits Zumutung ist, bedeutet andererseits einen Vorschuss an Zutrauen. Darum verbinden wir die Berufung mit einem Bild, die bei Lichte betrachtet ein Hör- und Ruf-Bild ist. Es ist kein Zufall haben insbesondere die Reformatoren das Bild des Hirten so stark gemacht. Der göttliche Hirte wird an seiner Stimme erkannt. Seine lebendige Stimme (viva vox) zu Gehör bringen, ist die erste Berufung (vocatio) der Nachfolger im Predigtamt. Zum Wort kommt die Tat, die das Wort zeigt und bezeugt. Im Hirtenbild ist es die Leib- und Seelsorge für jeden Einzelnen. Der göttliche Hirt ist auch darin ein Vorbild der Berufung. Niemand soll verlorengehen.

Zwei Schatten
Zweifellos ist das Urbild der pastoralen Berufung ein riskantes Berufsbild. Darüber wurde viel geschrieben. Zwei Schatten lassen sich erkennen. Da ist erstens der Schatten der Überforderung. Wer sich mit dem göttlichen Hirten identifiziert, hat allerdings die Berufung nicht verstanden. Der Berufene wird identifiziert. Der zweite Schatten ist der Schatten des Übergriffs. Es ist sozusagen die Kehrseite der Identifikation mit dem göttlichen Hirten, die mit Allmachtsfantasien einhergeht. Auch hier zeigt sich ein fundamentales Missverständnis und nicht das Verständnis der Berufung. Die Gefahr einer Verwechslung ist ständig gegeben. Immer wieder sorgt menschliches Versagen dafür, dass der Verdacht der missbräuchlichen Pastoralmacht neue Nahrung bekommt. Mit Blick auf die Verbrechen von pädophilen Priestern an ihren Schutzbefohlenen muss von einer Katastrophe gesprochen werden.

Wer wir sind
Umso zwingender ist der theologische Reflexionsbedarf und genauso dringend eine geistliche Praxis, die die Schönheit und Widerstandskraft der Berufung gegen die Übermacht der Selbstentfremdung pflegt. Die Frage, was sich lohnt, leitet zur Frage wer wir sind, wen andere in uns sehen sollen. Es lohnt sich, hier genau zu sein und der missverstandenen Pastoraltheologie auf den Leib zu rücken. Das Predigtamt soll die Stimme des göttlichen Hirten zu Gehör bringen und sein Vorbild ansichtig machen. Eine Eins-zu-Eins-Übertragung der biblischen Metapher ins Berufsbild verzerrt seine berufungstheologische Bedeutung.
Im Lichte dieser Bestimmung, ist der Pfarrberuf immer noch und immer wieder lohnend und das Nachdenken darüber nicht nur Pflicht, sondern auch eine Quelle der Freude. Denn wir stossen auf diesen geistlichen Kraftstrom der Berufung, der durch keine Zuschreibung erfasst oder erklärt werden kann. Mystagoge trifft es so wenig wie Prophet oder Hirte oder Seelsorger. Man kann es auch so hören. Nicht wir sind es, die entscheiden, wer wir sind. Es ist uns vor- und zugesagt. Aber wir sind es, die uns die darin enthaltene Zumutung gefallen lassen und die Zusage zu eigen machen. Dabei spielen wir besser mit verschiedenen Rollenbildern.

Den Ruf aneignen
Eine dieser Rollen wird mit Blick auf die Zukunft der Volkskirche wichtiger. Ich zögere nicht, die damit gegebene Aufgabe der Erinnerung als die vornehmste unseres Berufs zu bezeichnen, weil sie sich nicht nur für uns lohnt. Wenn es nämlich wahr ist, dass in der Berufung die Quelle gefunden ist, aus der die Berufsfreude strudelt, gilt das auch für andere Berufe. Daran sollen wir (uns) erinnern.
Darum wäre es verfehlt, wenn sich die Pastoraltheologie nur mit der Reflexion des Pfarrberufs beschäftigte. Es wäre geradezu ein Selbstwiderspruch. Denn im Kern ist das Verhältnis von Pfarrperson und Gemeinde eine durch Funktionen und Beauftragungen qualifizierte geschwisterliche Beziehung. Alles, was wir tun, zielt letztlich darauf, dass die Gemeinde selbständig und die Christen, die mit uns unterwegs sind, mündig werden, mit anderen Worten, den Ruf hören und sich aneignen. Karl Barth 1 hat das in seiner Diktion so zusammengefasst: «Unter ‚Aneignung‘ ist zu verstehen: das uns Vorgesagte muss uns zu eigen werden, und zwar so, dass wir nun wirklich conscientes, Mitwissende, werden: solche, die, daraufhin, dass es ihnen gesagt ist, nunmehr selber auch wissen und also sich selber und Anderen selbst sagen können, was ihnen gesagt ist – solche, die nicht nur nachdenken, sondern selber denken. Selber denken: aus eigenem Antrieb, aus innerer Notwendigkeit, so wie man etwas denkt, was man denken muss, weil man es nicht nicht denken kann, weil es eine Bestimmung der eigenen Existenz geworden ist. Aneignung heisst, weil das Wort Gottes uns in der Gestalt des Schriftwortes begegnet: Gleichzeitigkeit und Kongenialität und indirekte Identifikation des Lesers und Hörers der Schrift mit dem Zeugen der Offenbarung. Aneignung heisst: Übernahme ihres Zeugnisses in eigene Verantwortung.»

Es ist unser Beruf, Schwestern und Brüder an ihre Berufung zu erinnern. Gibt es etwas Lohnenderes?

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1) Karl Barth, KD I/2, 825–826 § 21: Die Freiheit in der Kirche. Ich bekenne: Ich habe die Stelle nicht selber gefunden. Ein Dank an Dr. Luca Baschera.
Bereitgestellt: 03.09.2021     Besuche: 3 heute, 41 Monat
 
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