Ein Grusswort an die EKS

IP-3-2021-Rita-Famos (Foto: Mark Haltmeier)

Nach 165 Tagen im Amt sprach Rita Famos im Juni ein Grusswort an die Synodalen. Sie sei in ihrem Amt angekommen, voller Enthusiasmus und Tatendrang. Die Gefahr sei aber gross, dass aus Enthusiasmus, Freude und Verantwortungsgefühl ein Aktivismus wird, der einem selbst und vor allem der Sache nicht guttut. Wer immer nur antwortet und reagiert, verliere rasch die eigenen Fragen und Themen aus dem Fokus. Deshalb brauchen wir – sagte sie – nicht nur Output, Resultate, Aufmerksamkeit und eine Agenda, sondern innere Arbeit, die uns hilft, unsere Pläne an dem auszurichten, was uns wichtig ist.
Rita Famos
Meine innere Arbeit findet auch in der Auseinandersetzung mit den biblischen Texten statt. (…) Durch eine Motette des Aargauer Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich ist mir ein Bibelwort zugeflogen, dem ich mich nicht entziehen konnte: «Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben.» Lukas 12,32.
Ich weiss, dass dieser Vers aus dem Lukasevangelium einen leicht auf die falsche Spur führen kann. Ich will uns nicht billig vertrösten mit «small is beautiful». Denn so klein sind wir ja eigentlich gar nicht! Rund zwei Millionen Menschen in der Schweiz sind reformiert. Global gesehen sind wir als eine unglaublich reiche Kirche ein Teil einer weltweit wachsenden Kirchengemeinschaft. Nein, es geht nicht um eine numerische, sondern eine symbolische Beschreibung des Wesens der Kirche. (…)

Fröhliche Bescheidenheit
Die Zusage des Reiches Gottes richtet sich an eine «kleine Herde», nicht an eine «machtvolle Institution». Diese Herde ist nicht deshalb klein, weil sie sich abkapselt und von der Welt nicht mehr verstanden glaubt. Sie ist auch nicht klein aufgrund von Mitgliederzahlen. Sie ist klein, weil Gott sie nicht grösser, aufgeblähter und bedeutender braucht, um sein Reich in die Welt zu bringen. (…)
Wie können wir so Kirche sein, dass dieses Reich Gottes bereits heute aufstrahlt in unserer Welt? Aus unserer eigenen 2000-jährigen Kirchengeschichte wissen wir, dass uns das als machtbewusste und selbstsichere Kirche nicht besser gelungen ist als in bescheidener, zweifelnder oder bedrohter Gestalt. Nicht die Konstantinische Wende, nicht der Gang nach Canossa und auch nicht der Konfessionalismus des 19. Jahrhunderts sind Leitbilder für unser Kirchesein.
Mich inspirieren die Episoden in unserer Geschichte, in denen zunächst kleine Bewegungen, also kleine Herden, einen Unterschied bewirkten: die lebendige Solidarität der urchristlichen Gemeinden untereinander, das selbstkritische Ringen in der Reformationszeit, die Bekennende Kirche im Naziregime, die Frauen, die vor 100 Jahren begannen für ihre Rechte und Gleichstellung in der Kirche zu kämpfen. In dieser Tradition stehen wir. Als «kleine Herde, der das Reich Gottes anvertraut wird», aber auch als «Senfkorn, dem kleinsten Samenkorn, aus dem ein grosser Baum wird», als «Sauerteig, der das ganze Brot durchsäuert» oder als Glaubensgemeinschaft, die mit Paulus weiss, dass Gottes Kraft im Schwachen mächtig wird.
All diese biblischen Bilder machen mich und hoffentlich uns alle bescheiden und spornen uns an, fröhlich und authentisch das Wort Gottes zu bezeugen, dort, wo wir hingerufen werden.

Frischer Mut
Die kleine Herde steht nicht gegen die Welt, ist nicht rückwärtsgewandt oder ängstlich. Sie weiss, dass Gott darauf vertraut, dass mit ihr in dieser Welt sein Reich kommt. Die Welt, so wie sie heute ist, ist keine Bedrohung, sondern eine Chance. Die Herde ist neugierig und wundert sich aufmerksam über die Wege und Trampelpfade, auf denen Gott mit ihr zu seinem Ziel kommen möchte, ihr das Reich zu geben. Mutig macht sie sich auf den Weg in die Dörfer und Gemeinden, in die der Herr sie schickt. (…) Wir stimmen nicht in den Schwanengesang ein, sondern erwarten im Hier und Jetzt gespannt die Wendung in der Geschichte, die Gott mit seiner Welt schreibt.
Wenn wir institutionell kleiner und schwächer werden, ist das für uns kein Zeichen dafür, dass Gottes Reich vielleicht doch nicht kommt. Wir vertrauen darauf, dass Gott gerade jetzt in einer postmodernen Welt keine machtvolle Institution braucht, um uns in seinem Reich leben zu lassen und die Welt zu verändern. Er braucht Networker*innen, Grassroot-Gruppen, experimentierfreudige Laboratorien. Christinnen und Christen, die frisch von der Leber das in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, was sie überzeugt und bewegt.
Denn auch wenn wir keine Politik machen, sind wir politisch, das heisst wir bringen uns ein in der Polis, der Öffentlichkeit. Wir ziehen uns weder zurück ins Private, noch sind wir politische Partei oder NGO. Als Kirche bieten wir einen Raum zwischen Privatem und Öffentlichen, in dem Christinnen und Christen sich aufgrund ihres christlichen Lebensentwurfs mit Zeitfragen auseinandersetzen und anschliessend ihre Ideen, Lösungsansätze in den öffentlichen Diskurs, ihre Berufswelt, ihr Netzwerk einbringen. Mutig und frisch.

Zuversichtliche Hoffnung
Unternehmen, die zukunftsfähig bleiben wollen, leisten sich Startups oder organisieren schlagkräftige Think Tanks. (…) Startups und Think Tanks befinden sich (aber) bereits in unseren Reihen. Ich habe es in meinen ersten Monaten an vielen Orten feststellen können: Laboratorien in Zürich und Genf, die neue Menschen erreichen. Grossgruppenkonferenzen, die den Auftakt zu einer neuen Kirchenordnung bilden und beweisen, dass «Priestertum aller Glaubenden» keine Leerformel ist. Eine lange Nacht der Kirchen, die landauf- landab mit viel Phantasie, Kunst, Geist die Kirchen für viele Menschen öffnet. Eine Schweizerkarte, die hell erleuchtet ist mit vielen Lichtern der Hoffnung. Ich bin zuversichtlich, denn wir haben uns alle viel zu geben. Und wenn wir alle unsere Brote und Fische zum Mahl beitragen, haben wir alles, was wir brauchen. Ermutigen wir einander, lassen wir einander Anteilhaben an unseren besten Projekten und Ideen, treten wir gemeinsam gegen aussen auf. (…)

Bescheidenheit – Mut – Hoffnung
Liebe Synodale, wenn wir etwas zurücktreten, die vielen Jahre unserer gemeinsamen Geschichte als Evangelisch-Reformierte in der Schweiz überblicken, wird uns schlagartig bewusst: Alle Generationen hatten ihre Herausforderungen, (…) und Gott sei Dank: Immer wieder ist es ihnen gelungen, ihre Diversität als bereichernde Verschiedenheit zu erleben, Entscheidungen demokratisch auszuhandeln und im Vertrauen auf Gottes Wort den Blick von sich selbst auf die Herausforderungen der Zeit zu richten.
Deshalb gilt auch für uns heute: Bleiben wir bescheiden, denn wir glauben, dass unser Gott aus Kleinem Grosses wirken wird. Werden wir mutig, weil jede Zeit neu Gottes Chance mit uns Menschen und seiner ganzen Schöpfung ist. Und natürlich seien wir hoffnungsvoll. Denn weil Gott uns sein Reich schenken will, steht uns das Beste immer noch bevor.
Bereitgestellt: 03.09.2021     Besuche: 47 Monat
 
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