Genf: Kontraste und Herausforderungen

IP-1-2021-Blaise-Menu (Foto: Mark Haltmeier)

2019/2020 war voller Kontraste, und für uns wie für viele andere auch stellte das Coronavirus eine spezielle Herausforderung dar, zusätzlich verstärkt durch den Ausbruch einer der schwersten Führungskrisen in der Reformierten Genfer Kirche (EPG) der jüngsten Zeit. Wir sind nun im Begriff, sie erfolgreich und mit attraktiven Perspektiven zu überwinden.
Blaise Menu
Anlässlich der Generalversammlung vom September 2020, die im Anschluss an jene im Juni versuchte, über die vergangenen Monate Bilanz zu ziehen, sollten im Sinn einer Synthese drei Wörter die versammelten Kolleginnen und Kollegen verbinden: Absprache, Sorgfalt, Komplexität. Drei mehr aufgelesene als entlockte, mehr geschöpfte als ausgeschöpfte, mehr empfangene als eroberte Wörter.
Ich habe versucht, in diesen drei Wörtern zu verdichten, was ich zum Ausdruck bringen wollte; schnörkellos und wortarm zu einem Zeitpunkt, in dem mir das Wort zugleich notwendiger denn je und völlig verbraucht, bedrängt und kompromittiert schien. Zwischen zu viel und zu wenig, im monatelangen Kreuzfeuer mühseliger Anordnungen und Haltungen versuchte ich, den Dingen noch ein wenig Sinn abzugewinnen. Nicht zuletzt dank meinem Vorstandsteam – und zwar des ganzen Teams, trotz einiger Meinungsverschiedenheiten – konnte ich das Wesentliche und den Mut bewahren, mein nach einer Abstimmung vor drei Jahren auf fünf statt der üblichen drei Jahre verlängertes Mandat bis zum Ende der Amtszeit im kommenden Juni zu erfüllen.

Absprache
Unser Verein hat mehrere Themen aufgegriffen, die es dem Konsistorium (Synode) ermöglicht haben, oder noch ermöglichen werden, die Herausforderungen einer an unsere Zeit und die Komplexität der Gesellschaft angepassten Pastoralarbeit zu berücksichtigen.
Dies gilt insbesondere für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Im November 2019 gelang es, auf den verhaltenen Positionsbezug der 1990er Jahre zurückzukommen und praktisch einstimmig die Segnung gleichgeschlechtlicher, zivil getrauter Paare zu billigen, und zwar ohne Unterschied in der Trauliturgie, vom zivilen Vokabular einmal abgesehen. Nach langer, sehr gründlicher Vorarbeit haben wir auf kirchlicher Ebene also die kürzlich im National- und im Ständerat gefällten Entscheide, gegen die inzwischen das Referendum ergriffen wurde, um ein Jahr vorweggenommen.
In den letzten eineinhalb Jahren zwischen dem Schuljahresbeginn 2019 und Ende 2020 haben wir uns mit weiteren Themen auseinandergesetzt, darunter:
- Leitung der EPG
- Spirituelle Begleitung schwieriger Geburten (Elise Cairus)
- Schweigepflicht und gesetzliche Meldepflicht (sexueller Missbrauch)
- Aus- und Weiterbildung der Pfarrpersonen
- Neue Ritualitäten (Paare, Trennungssituationen, Bestattung)
- Liturgisches Gewand für Predigende (ohne Amt): «Geneva gown?»
- Profil der Moderatorfunktion im Licht der neuen Leitung

Kollektive Anstrengungen oder Eigeninitiative mit dem Ziel einer stufenweisen Annäherung standen am Anfang entscheidender Schritte – ob in Sachen Segnung gleichgeschlechtlicher Paare oder in Sachen Führungsarbeit. Dabei ging es nicht zwingend darum, einen Konsens zu erreichen, sondern Annäherung anzustreben, also möglichst breite Kreise zu erfassen und Überzeugungsarbeit zu leisten, damit man den einen oder den anderen Positionsbezug akzeptieren kann, ohne gleich mit allem einverstanden sein zu müssen: Manch ein Einverständnis ist nur mit Uneinigkeiten zu haben, ja vermag diese vielleicht de facto gar zu überwinden.

Sorgfalt («Care»)
Und dann kam Covid-19 und brachte alles durcheinander: in einem stark betroffenen Kanton, dessen Gesundheitsmassnahmen auch die restliche Schweiz schliesslich nachvollzog, sowohl im Oktober als auch im Januar.
Ohne alle einzeln begleiten zu können und bald schwer herausgefordert von einigen enttäuschten und nachtragenden Kollegen, habe ich mich dazu entschlossen, als Vereinspräsident für alle Sorge zu tragen. Mein Vorgehen hat mich von den Vereinsmitgliedern zur Kirche als Ganzem und über deren Grenzen hinausgeführt, insofern meine sorgfältige und bisweilen kritische Begleitung der politischen Anordnungen und Empfehlungen es anderen Kirchen und Gemeinschaften erlaubt hat, angemessen zu handeln und sich in der Interpretation der Bundes- und kantonalen Erlasse zurechtzufinden. Ich habe mein Bestes getan, um parallel zur institutionellen auch der Gesundheitskrise entgegenzutreten und sie zu meistern.

Komplexität
Wir anerkennen heute in den laufenden kirchlichen Neubeurteilungen, dass unsere Kirche aus einem dichten Netz von Vereinen, aus Stiftungen oder Gesellschaften, aus mehr oder weniger genehmigten Gruppierungen und aus Kommissionen hervorgeht – also aus einer oft störenden Komplexität, die aber bloss das Ergebnis unserer Geschichte, unserer Entscheide, unseres kirchlichen «Habitus» ist, der immer darauf aus ist, manifest werdende Macht zu verwässern, so sehr fürchtet er deren Auswirkungen, und dies ja nicht immer zu Unrecht. Angesichts der Erwartungen an die nötigen Anpassungen hausieren jene, die der Einfachheit das Wort reden, mit Illusionen; statt die Geschichte mitzutragen, verkennen sie sie oder üben sich in selektiver Amnesie. Ohne sich konstant auf das Abwägen von der Schlacke der Vergangenheit zu versteifen, geht es immerhin darum, dem zurückgelegten Weg Beachtung zu schenken, um Entscheidungen in voller Kenntnis der Sachlage zu fällen und neue Wege zu eröffnen – und genau das tun wir zurzeit mit aller Entschiedenheit. Komplexität ist nur eine Last, wenn man die Regeln für die Lesbarkeit der Dinge verliert.

Wiederaufbau
Aufgewertet wird in all dem die Aufmerksamkeit für die Prozesse: jene, deren Nutzniesser wir sind, jene, denen wir Anstoss geben, aber auch jene, die wir bloss beobachten.
Im Lauf der vergangenen Monate bin ich mit meinem Vorstandsteam gegen die heftigsten Widerstände und, um Bundesrat Bersets Devise zu paraphrasieren, «so ruhig wie möglich und so entschieden wie nötig» vorgegangen – trotz dem Rücktritt im Juni eines Grossteils des Konsistorialrats (entspricht dem Synodalrat), dem ich von Amts wegen angehöre, und dem Druck vonseiten der EPG-Leitung. Die Dinge renken sich derzeit ein, und die Lage ist, so die Meinung gut informierter Leute, vielversprechend und anspornend.
Letzten Sommer, als der (Halb-)Lockdown für die Menschen, aber nicht immer in den Köpfen vorbei war, wurde das Projekt «Convergence» für eine neue EPG-Leitung beschlossen und dann ausgearbeitet. Seither hat es nicht an Arbeit zur Umsetzung dieses Projekts gefehlt. Bald, Anfang 2021, werden die Mitglieder der neuen Leitung bestimmt, so dass die Gesamtverwaltung auf einem interessanten Fundament neu starten kann, mit der Mission im Zentrum des Massnahmenpakets.
Die als theologische, ethische und ekklesiologische Autorität längst anerkannte Compagnie, der Genfer Pfarrverein also, ist nun aufgerufen, ein Partner ersten Ranges für die Definition und die Umsetzung der Pastoralarbeit in ihrer Gesamtheit zu werden. Es war an der Zeit, dass die seit Jahrzehnten nicht wirklich sichtbar gewordene Perspektive in Anspruch genommen wurde.
Wir bewegen uns auch wieder auf mehr Klarheit in Sachen HR-Fragen und Lohnskalen zu, nachdem hier in den letzten Jahren eine unserer Kollegialität abträgliche Planlosigkeit und mangelnde Transparenz auf Verwaltungsebene geherrscht haben mag.
Wir sind also mit nachdrücklichem Anspruch und einem auf neuen Fundamenten stehenden Vertrauen ins Jahr 2021 eingestiegen, und so nehmen wir auch die Herausforderungen einer an die Genfer Bevölkerung angepassten Präsenz an, mit unseren Stärken und unseren Schwächen. Wir freuen uns, dass im September drei Pfarrpersonen und eine Diakonin zu uns gestossen sind, die eben ihre praktische Ausbildung abgeschlossen haben, drei von ihnen in der EPG.
Bereitgestellt: 12.03.2021    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch