Vom Zürichberg nach Bukarest : Nachhall eines aufwendigen Auftrags

IP-4-2020-Martin-Hauser <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Mark&nbsp;Haltmeier)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>3831</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Es war damals kaum im Trend, Theologie zu studieren. Der mögliche Grund, weshalb mein Entschluss, gerade dies zu tun, von meinen wenigen übrig gebliebenen Maturakollegen im Literargymnasium Zürichberg bestenfalls mit einem Lächeln quittiert wurde.
Martin Hauser
Mein Entschluss war nicht allein von wissenschaftlicher Neugierde bestimmt, er war wohl auch beeinflusst von dem Sinn und Geiste, der sich 1964 in unserer Zürcher Konfirmationspredigt nochmals zusammenfassend bemerkbar gemacht hatte, in der eindringlichen Auslegung durch Pfr. Dr. Robert P. Gagg von Johannes 15,16 : ‚Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und auch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht trägt.‘

Theologie in den 60-er Jahren
Ohne es aktiv zu begehren, begann ich mein Theologiestudium als ein ‚68-er‘. Ja, ich hatte eher Mühe, den damaligen bewegten westeuropäischen Kontext zu verstehen und zu assimilieren, hingegen wusste ich mit den Vorgängen in Osteuropa etwas mehr anzufangen, da ich als Beobachter den Einmarsch der Warschaupakt - Truppen in die Tschechoslowakei 1968 hautnah miterlebt hatte und anfing, Osteuropa ein wenig zu verstehen. Dies sollte mich auch fortan nicht mehr loslassen und später zu manchen Aufenthalten in den Ländern hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘ führen. Dabei war die Frage nach den Kirchen unter dem Kommunismus - und der Orthodoxie insbesondere - zentral !

Zwischen Tradition und Moderne
Für mich war das Theologiestudium ein Unterfangen zwischen Tradition und Moderne und damit höchst spannungsvoll, gerade auch in psychischer Hinsicht. Wissenschaftlich war alles sehr inhaltsreich. Dazu trugen ausnahmslos alle meine Lehrer in Exegese, Religionsgeschichte, Kirchen- und Dogmengeschichte, Systematik und Praktischer Theologie bei, und dies in Zürich, Neuchâtel und später in Bukarest. Sie haben mich auch motiviert, in der akademischen Theologie tätig zu werden.

Ein zentraler Dienst: das Pfarramt
Schon während meines Theologiestudiums erteilte ich mit Vergnügen Religionsunterricht an der Sekundarschule. Die Vikariatszeit in der Zürcher Kirche 1973 liess mich mit diversen Feldern pfarramtlicher Tätigkeit in Kontakt kommen und war deshalb wertvoll. Aus meiner pfarramtlichen Tätigkeit in Neuchâtel bleiben mir die zahlreichen Gottesdienste und deren intensivste Vorbereitung in naher Erinnerung. Auch hat mich der dortige wohl gesinnte Kirchgemeinderat geprägt. Meine spätere Pfarramtstätigkeit im bernischen und solothurnisch - bernischen Kirchengebiet hatte ihre Hauptakzente im liturgisch - gottesdienstlichen Bereich, wobei mich die sich oft ereignenden Beerdigungen in einen tiefen und sympathischen Kontakt mit der lokalen Bevölkerung brachten. Aber auch die von mir initiierten Bibelstunden waren ein ausgezeichnetes Mittel privilegierten Miteinanderseins. Der Konfirmandenunterricht war mir im Ganzen eine vergnügliche Arbeit.

Nach Freiburg i. Ue.
Vergleichbare Akzente setzte ich danach auch in meiner langjährigen Fribourger Pfarrertätigkeit. Dazu kam aber im dortigen katholischen Kontext das Gewicht der Oekumene! Ein Vorteil war in Fribourg die Infrastruktur und das vorhandene humane Potenzial. So wurden die Konfirmandenwochenende aufs Beste von Laien mitgetragen, und für die Gottesdienste waren hervorragende Musiker-Innen in der Nähe…
All die zur Pfarrertätigkeit gemachten Feststellungen bedeuten nicht, dass die Ausführung der genannten und noch anderer Aufgaben immer leicht war. Manchmal ganz im Gegenteil!
Eine Pfarrperson kann bei deren Ausführung manchmal äusseren und/oder inneren Widerstand erfahren. Das war auch mein Fall, und dies in einer Zeit, wo die Kirchen wohl noch weniger marginalisiert waren oder zu sein schienen, als dies heute der Fall ist. In diesem Zusammenhang scheint es mir von höchster Bedeutung, dass angehende AmtsträgerInnen in ihrer Ausbildung psychologisch und geistlich gut auf solche Zusammenhänge vorbereitet werden und diesbezügliche Erfahrungen allenfalls ruhig ablaufen lassen können.

Die schöne Zeit der Oekumene
Während meiner pfarramtlichen Tätigkeit wurden mir verschiedene ökumenische Aufgaben anvertraut, auf lokaler, kantonaler, nationaler und internationaler Ebene. So arbeitete ich auch mehrere Jahre eng mit der KEK - Konferenz Europäischer Kirchen - zusammen. Auch wurde ich Fribourger Vertreter in der Konkordatsprüfungsbehörde, wo ich während etwa zehn Jahren als Examinator wirkte.

Hin zur Universität
Noch während meiner sich allmählich reduzierenden Tätigkeit als Fribourger Pfarrer begann ich eine akademische Tätigkeit 1987 auf den Gebieten KG, DG und Dogmatik in ökumenischem Horizont. So war ich Lehrstuhlstellvertreter an der Universität Heidelberg, Lektor an der Universität Basel und mehrjähriger Forscher (SNF - Schweizerischer Nationalfonds) und Gastprofessor an der Universität Fribourg. Mein Hauptinteresse galt der Schöpfungstheologie und der Ekklesiologie, vor allem in ökumenischer und auch historischer Perspektive.

Nach Rumänien
Wie man weiss oder gerade nicht, brachte das Ende des ‚Kalten Krieges‘ auch ein Ende der enthusiastischen, auch inter-institutionellen Ökumene mit sich. (Wie beide miteinander verknüpft sind, lassen wir hier beiseite.) Für mich bedeutete dieser Sachverhalt jedenfalls, dass ich, um ökumenisch-akademisch ‚am Ball zu bleiben‘, den Weg nach Rumänien nicht scheuen durfte. Ein schweizerisches SNF - Programm war dabei der Auslöser und brachte mit sich, dass ich seit 1994 an der Universität Bukarest eine Professur aufbauen konnte.
Die Schwierigkeiten, auch gerade die materiellen, in diesem post-kommunistischen Transitionsland bedeuteten einen alltäglichen Kampf, wiewohl die akademische Herausforderung auf ökumenischer und inter-kultureller Ebene ein ständig sich erneuerndes Vergnügen war. Zweifellos war dabei der orthodox-liturgische und der allgemein künstlerische Kontext, der zu den permanenten Stärken Rumäniens gezählt werden darf, eine grosse Hilfe! Obwohl evangelisch-reformierter Theologe in der orthodoxen theologischen Fakultät der Universität Bukarest, oblag es mir auch, orthodoxe Doktoranden zu betreuen. Deren Doktorate waren indessen häufig ökumenisch ausgerichtet.

UNESCO
Gewiss auch unter dem Druck der, wie oben erwähnt, sich verändernden ökumenischen Situation, wurde glücklicherweise meine Professur 1999 in einen UNESCO Lehrstuhl für das Studium des inter-kulturellen und inter-religiösen Austausches übergeführt. Dies hatte manche Vorteile, brachte mich in eine Distanz zu einseitigen Kircheninteressen und unterstellte mich als Direktor des neu geschaffenen Departements UNESCO Lehrstuhl direkt dem Rektorat der Universität; auch wurde ich der Universität Fribourg als im Ausland lehrender Professor angegliedert. Verschiedene interdisziplinäre Masterlehrgänge wurden so in diesem Rahmen abgewickelt. Der Fächerreichtum ging von der Religionswissenschaft über die Theologie bis hin zu Politikwissenschaft und zur Wirtschaftswissenschaft. Omnipräsent war die Frage der inter-kulturellen Kommunikation. An diesem akademischen Unternehmen waren auch zahlreiche Dozentinnen und Dozenten aus westeuropäischen akademischen Institutionen beteiligt. Ausgehend von diesem Departement wurde ich auch 2001, zusammen mit der UNESCO, Gründer des internationalen Netzwerkes der UNESCO Lehrstühle für die inter-kulturelle Verständigung. Dieses Netzwerk war auch eng mit der Universität Fribourg verbunden.

Seit meiner Emeritierung im Jahre 2015 bin ich mit Expertisen und Vorträgen zu den mir vertrauten und lieb gewordenen Themenkreisen beschäftigt. Und auch pfarramtliche Stellvertretungen freuen mich sehr.
Bereitgestellt: 20.11.2020     Besuche: 93 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch