Die Evangelische Kirche Schweiz auf der Neonatologie

IP-3-2020-Hansjakob-Schibler <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Mark&nbsp;Haltmeier)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>3811</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Friedrich Dürrenmatt lässt grüssen: Es ist, als hätte Friedrich Dürrenmatt, der berühmteste Pfarrersohn der Schweiz, kurz vor seinem 100. Geburtstag, die tragisch-komische Dramaturgie erfunden, die zum Rücktritt von Gottfried Locher und zuvor von Sabine Brändli führte. Man denkt an den „Besuch der alten Dame“, wo die Titelheldin mit der Beschwerde eines nie geahndeten sexuellen Übergriffs in „Güllen“ auftritt und Gerechtigkeit verlangt.
Hansjakob Schibler
Bei der EKS kam die Beschwerde relativ spät. Nachdem Sabine Brändli, damals in einem Liebesverhältnis mit Gottfried Locher verbunden, ihm in einer umstrittenen Wiederwahl zum Sieg als Präsident des Kirchenbundes verholfen hatte, konnte er seinen ehrgeizigen Plan, die Gründung der Evangelischen Kirche Schweiz weiter vorantreiben. Und die Gründung fand zwar statt, konnte aber wegen Corona nicht gefeiert werden. Just in diesem Moment kam wie die alte Dame auch die Beschwerde. Und sie kam zu Sabine Brändli, welche – (vgl. F.D. „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“!) – ausgerechnet dem neu eingerichteten Ressort Grenzverletzungen vorstand.

Vor dem Spiegel nicht erstarren
Der Pfarrer im „Besuch“ räumt ein, dass er zu schwach ist, um gegen die Käuflichkeit der Seelen anzukämpfen, und rät dem Angeklagten zur Flucht: „flieh, flieh!“
Da steht der Pfarrer – und das hat Dürrenmatt vermutlich gewusst – in fast absolutem Gegensatz zu Jesus in der Geschichte der Ehebrecherin, wo er die zum Ritualmord aufgelaufenen Schriftgelehrten und Pharisäer in die Schranken weist: Wer sich ohne Sünde weiss, werfe den ersten Stein!
Doch der Gerechtigkeit zuliebe, die Dürrenmatt gerne in Anspruch nimmt, sei es gesagt, auch in diesem Fall gibt es ein Opfer, Jesus selber.
Doch das, – und wir sind wieder bei der Kirche und an dem Punkt, wo wir vor dem Spiegel, den uns der Dichter (und jetzt auch die Realität) vorhält, nicht erstarren mögen – der scheinbar gerechte Tod am Kreuz, hat eine Fortsetzung. Die Kirche versteht sich als Gemeinschaft in der Nachfolge dieses gekreuzigten und wiedererstandenen Gerechtigkeitsopfers. Und sie ist immer beides: vom Scheitern bedroht und zum Weitermachen berufen.

Ist die EKS nicht mehr als ihre Pfarrpersonen…
Einerseits muss das Scheitern aufgearbeitet werden. Wichtiger ist das Wohl des Kindes, das nun wie eine Frühgeburt auf der Neonatologie liegt. Vielleicht ist es in erster Linie das Kind von Gottfried Locher. Er trieb diese Idee, dass die Kantonalkirchen in der Schweiz analog dem Schweizerischen Bundesstaat in einer evangelischen Kirche Schweiz organisiert sind, mit Vehemenz voran.
Die EKS, das ist gleichsam der kirchliche Bundesstaat mit einer Exekutive entsprechend dem Bundesrat. Gottfried Locher hätte für das Präsidium gerne den Begriff des Bischofs gehabt.
Bis anhin war der Vorsitzende des Kirchenbundes jeweils ein Pfarrer gewesen. Aber die Kirchenratspräsidenten der grossen Kantonalkirchen sorgten dafür, dass dieser nicht zu mächtig wurde. Jedenfalls erschien ihnen ihr eigenes Amt prestigeträchtiger zu sein. Dies hätte sich mit dem Präsidium von Gottfried Locher zu seinen Gunsten verändert.
Böse Mäuler – oder aufrichtige? – könnten sagen: Die Geschichte der EKS war vor allem ein Rivalitätskampf unter Pfarrpersonen und das muss sich ändern!

…und braucht sie deshalb trotzdem?
Die berechtigte Macht der reformierten Pfarrpersonen liegt einzig im Bezeugen des Evangeliums, dass Christus der Herr der Kirche ist und wird.
Für die praktische Ausübung des christlichen Glaubens in einer globalisierten Welt macht es Sinn, dass sich die reformierten Christen in unserem Land in einer überkantonalen Kirchgemeinschaft organisieren. Die Einheit trotz sprachlicher, sozialer und kultureller Röschtigräben. Der Ausgleich in den finanziellen Möglichkeiten. Diese Einheit braucht es in einer Zeit, wo der Zusammenhalt der verschiedenen Bevölkerungsgruppen schwindet.

Stärkung der Laien
In der EKS, die wie die Schweiz anno 1848 (vom Staatenbund zum Bundesstaat) als Kirche nun vom Kirchenbund zur EKS mutiert, sollte sich davon in der Synode (analog Nationalrat) etwas abzeichnen. Vielleicht wäre eine Volkswahl dieser Abgeordneten angemessener. Es müsste dann im Kirchenvolk, also in den Ortsgemeinden, endlich darüber diskutiert werden, welches die Rolle der EKS ist, wieviel Geld sie braucht, und in wessen Stimme sie sich auf nationaler Ebene äussert.
Bereitgestellt: 04.09.2020     Besuche: 4 heute, 78 Monat
 
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