Selber denken – miteinander reden – gemeinsam glauben

IP-3-2020-Christina-Aus-der-Au <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Mark&nbsp;Haltmeier)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>3808</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Was waren wir Schweizer Reformierten stolz auf unsere föderalistisch organisierte Kirche! Huldrych Zwingli himself verbürgt seit 500 Jahren, dass die wahre Kirche in der Kilchhöri realisiert ist, und dass jeder Christenmensch allein für seinen Glauben zuständig ist. Selber denken heisst unsere Devise, und so sind wir stolz darauf, nicht gegen die Megatrends der Individualisierung und Pluralisierung zu schwimmen, sondern mit ihnen.
Christina Aus der Au
Und wir sahen mit Misstrauen die Bestrebungen des Kirchenbundes, die eidgenössische Ebene zu stärken und gar eine Schweizer Kirche hervorzubringen. Wehret den Anfängen, wo auch immer sich ein Bischofshut oder gar ein Bischofskreuz abzeichnete. Die bodenständigen Eidgenossen dulden auch in der Kirche keine fremden Herren über sich – und auch nicht die eigenen.
Und dann passierte es. Die noch junge Evangelische Kirche der Schweiz verlor ihren Präsidenten. Nicht aus theologischen Gründen, sondern aus sehr menschlichen. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Nicht wenige sahen sich allerdings bestätigt. Wussten wir’s doch, Zentralismus ist schlecht.
Die Öffentlichkeit dachte anders. Schlagzeilen, Anfragen von Journalisten und Freundinnen, links, rechts, katholisch, evangelikal, und je kirchenferner, desto perplexer: Stehen die Reformierten nun vor einem Scherbenhaufen?
Niemand in dieser Öffentlichkeit interessierte sich in diesem Moment dafür, dass in den Kirchgemeinden herausfordernde Predigten gehalten werden, wunderbare Projekte gelingen und sich Menschen von Herzen engagieren. Niemand interessierte sich für die Kilchhöri, sondern nur dafür, ob nach dem Fall des Präsidenten «die Kirche» nun am Ende sei.
Obwohl dort doch weiterhin tausend Blumen blühen, fromme und liberale, konservative und innovative, politische und seelsorgerliche! Aber die Schweizerische Öffentlichkeit jenseits der Kerngemeinde – und das sind 95% der Kirchenmitglieder plus alle anderen – schaut nicht dorthin, wenn sie Kirche denkt. Sie setzt sich nicht mit der Vielfalt auseinander, die uns so wichtig ist, sondern für dasjenige, was «die Kirche» aus ihrer Tradition und ihrem Glauben heraus profiliert zu sagen hat.
Was aber gesagt werden soll, das ist der zweite Grund, warum wir nicht beim «jeder selber» stehenbleiben dürfen. Selber denken ist der erste Schritt. Dann aber nicht den Lautesten reden lassen, sondern miteinander reden, ringen, singen und beten, was dann gemeinsam geglaubt, gehofft und gesagt werden soll, das erst ist Kirche. Zwingli hat die Bibel auch nicht alleine übersetzt, sondern zusammen mit seinen Zürcher Kollegen. Deswegen heisst es Zürcher Bibel. Hätte er unsere Kommunikationsmöglichkeiten gehabt, wäre es eine Schweizer Bibel geworden.
Wir sind als Evangelische Kirche der Schweiz in der Öffentlichkeit gefragt und in unserer Vielfalt auf das theologische Ringen um- und miteinander angewiesen. Diese Kirche steht und fällt nicht mit einem Präsidenten. Aber ohne eine gemeinsame Stimme in der EKS fehlt nicht nur der Gesellschaft, sondern vor allem auch uns selber etwas.
Bereitgestellt: 04.09.2020     Besuche: 82 Monat
 
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