Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten!

IP-3-2020-Peter-Schmid <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Mark&nbsp;Haltmeier)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>3812</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Die jüngsten Nachrichten aus der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) sind bitter. Der ehemalige Ratspräsident Gottfried Locher fügte ihr Schaden zu; nicht nur der Institution, sondern - gemäss einem ernsthaften Verdacht - einer nicht geringen Zahl von betroffenen Frauen. Das muss gründlich untersucht und das Ergebnis offen gelegt werden. Darum geht es in meinem Beitrag nicht.
Peter Schmid
Leider sind Stimmen zu vernehmen, die gleich die Sinnhaftigkeit der EKS - der nationalen Ebene der reformierten Kirche in Frage stellen. Die Selbstverzwergung der Reformierten feiert Urständ (Althochdeutsch: Auferstehung). Wichtig sind die Gemeinden, alles übrige „ist Beilage“. So einfach liegen die Dinge m.E. nicht.

Am Anfang stand nicht Gottfried Locher
Gottfried Locher ist keineswegs der Urheber der Verfassungsrevision. Diese wurde unter dem Präsidium seines verdienstvollen Vorgängers Thomas Wipf in die Wege geleitet. Die wesentlichen Grundlagenarbeiten stammen aus jener Zeit. Erst danach leistete Gottfried Locher seinen Beitrag. Es lohnt sich, die ursprünglichen Dokumente zu lesen, damit deutlich bleibt, was das Hauptanliegen war und noch immer ist: die Schaffung eines nationalen Ortes des gemeinsamen Nachdenkens über unsere Kirche auf dem Weg zu einem erkennbaren Willen der Mitgliedkirchen.
Die neue Verfassung sieht keinen direkten, hierarchischen Durchgriff bis hinein in das Leben einer Kirchgemeinde vor. Sie schafft die rechtlichen Voraussetzungen, damit der schweizerische Protestantismus in wesentlichen Fragen demokratisch legitimiert mit einer und erst noch mit einer verständlichen Stimme sprechen kann. Das Ratspräsidium hat bedingt durch das Vollamt durchaus Gewicht, es bleibt allerdings an die Beschlüsse des Rates und der Synode gebunden. Die Synode kann in allen Belangen wesentlich mitwirken. Sie soll es mit Augenmass und Entschlossenheit zugleich tun. Ich sehe bei Synode und Rat erhebliches Potential - der Geist der neuen Verfassung weht nach meiner Wahrnehmung noch nicht deutlich genug.

Themen des gemeinsamen Nachdenkens
Was wären mögliche Themenfelder? Die EKS ist - erstens - das Bindeglied zur internationalen Gemeinschaft der Kirchen, der evangelischen und der christlichen überhaupt, dazu zu den weiteren Weltreligionen. Was ist der Beitrag der schweizerischen Reformierten? Da gibt es Erwartungen an uns, die oft nicht ausreichend erfüllt werden. Der Traditionsabbruch trifft die christlichen Kirchen tief. So geht es - zweitens - um Zukunftsmodelle der reformierten Kirche. Die leise Hoffnung, es gehe alles wie bisher weiter, einfach etwas kleiner und billiger, könnte sich als böser Irrtum erweisen. Wie sieht z. B. unsere Kirche aus, wenn sie sich nicht mehr den staatlichen Territorien entlang gliedern lässt?
Die kirchliche Arbeitswelt könnte sich - drittens - grundlegend verändern. Kirchliche Arbeitsplätze werden möglicherweise Teilzeitaufgaben und Nebenämter, so wie wir es bei einigen kirchlichen Berufen schon heute kennen; vergleichbar mit der Lebenswirklichkeit vieler hervorragend ausgebildeten Musikerinnen und Musiker. Worauf zielt - viertens - aus reformierter Sicht nüchtern und ehrlich beschrieben die ökumenische Debatte? Muss die sogenannte Einheit nicht in einem weiten Raum der Verschiedenheit verwirklicht werden? Wie sähe eine freudig gelebte Vielfalt aus? Vielfältig eben, wie das Leben überhaupt! Theologie ist „beauftragte Wissenschaft“. (Hellmut Gollwitzer) Sie ist eine wissenschaftliche Hausdisziplin der Kirchen. Die EKS könnte sich - fünftens - um eine zeitgemässe Ekklesiologie bemühen, die sich weniger an der Vergangenheit orientiert, sondern die aktuellen Eckwerte einer „Institutionslehre“ ernst nimmt.
Denken wir die EKS von den zukunftsweisenden Themen her - dann wird sie die erhoffte Aufgabe erfüllen können. Die Schritte können klein sein, wenn die Gedanken gross sind.
Bereitgestellt: 04.09.2020     Besuche: 3 heute, 93 Monat
 
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