Reformierte Kirche Schweiz, woher kommst du? Wohin gehst du?

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Der Schweizer Protestantismus steckt mitten im Umbruch. Am 1. Januar 2020 wurde der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) zur Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Das Ereignis hat zweifach historischen Charakter: Die neue EKS hat dieses Jahr nämlich auch das hundertste Jubiläum des 1920 gegründeten SEK zu feiern.
Pierre de Salis
Die der EKS bevorstehenden Herausforderungen sind zahlreich: Wie verleiht sie der vielschichtigen Wirklichkeit des Schweizer Protestantismus reformierten Ursprungs ein landesweites kirchliches Profil? Dass der Protestantismus in einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft landesweit effizienter Präsenz markiert, ist hoch willkommen. Wie aber soll eine Kirchengemeinschaft auf nationaler Ebene zum Ausdruck kommen? Den entscheidenden Grundstein dafür setzt die Bildung einer nationalen Synode. Sie wird zum ersten Ort, an dem sich die Kirchengemeinschaft erlebbar macht, Erfahrungen sammelt und sich zu erkennen gibt.

Historischer Wandel
Die Gründer des SEK waren 1920 vom Willen beseelt, die Schweizer Kantonalkirchen in einem Bund zu vereinen. Das Ereignis ist als eine folgerichtige Entwicklung der Geschichte des Schweizer Protestantismus und darüber hinaus der Entstehung der Schweiz zu verstehen. Im 16. Jahrhundert hatten die Reformatoren nicht bloss regen Schriftverkehr untereinander, sondern auch mit den Verantwortlichen der reformierten Kantonalkirchen. Das Zweite Helvetische Bekenntnis (2. Glaubensbekenntnis nach dem Ersten Helvetischen Bekenntnis von 1536) verband 1566 die Erben Zwinglis und Calvins in der Schweiz und in weiteren europäischen Ländern unter einem gemeinsamen konfessionellen Dach. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert gaben sich die reformierten Kantonalkirchen eine evangelische Tagsatzung in Analogie zur eidgenössischen Tagsatzung.

Von der evangelischen Tagsatzung zum SEK
1798 kam es zur Auflösung der evangelischen Tagsatzung. Unter napoleonischer Herrschaft wurden die katholischen und die reformierten kirchlichen Angelegenheiten im Rahmen der Verwaltung der Helvetischen Republik in Bern zentralisiert. Eine schwere Zeit für die Kantonalkirchen, die sich nur schlecht mit dem dirigistischen System anfreunden konnten, das die althergebrachte Autonomie der Schweizer Kantone und ihrer Kirchen aus den Angeln hob. Zwei Ereignisse bezeugen diesen Sachverhalt, einerseits der Aufruf der Pastoren von Vevey an die Pastoren der ganzen Schweiz (16. März 1798), andererseits das gemeinsame Memorandum der Kirchen von Zürich, Bern, Basel, St. Gallen, Schaffhausen und der Waadt Über die Rechte der Kirchen und deren freie Ausübung in unserem Staat (1800). Es verlangte, unter den Kirchen seien mit schriftlichem Austausch, Konsultationen und Zusammenkünften engere Beziehungen zu knüpfen. Erstmals kam das Projekt eines Bundes der kantonalen Staatskirchen zur Sprache, ohne dass jedoch die Fusion zu einer einzigen Landeskirche gefordert worden wäre.
1858 ging die Annäherung der Institutionen einen Schritt weiter: Die evangelische Tagsatzung kam erstmals als Schweizerische reformierte Kirchenkonferenz zusammen. Diese widmete sich zahlreichen Anliegen auf Bundesebene. Dazu gehörten insbesondere die Einführung des Karfreitags als Feiertag in der ganzen Schweiz (1861), intensive Debatten über die landesweite Anerkennung der Pfarrer (erfolgloses Projekt), Diskussionen über Mischehen (unter protestantischen Gläubigen aus unterschiedlichen Kantonen), die Installierung der Militärseelsorge (ältestes ökumenisches Amt in der Schweiz), die Einführung des Frauenstimmrechts in der Kirche (1905), Gespräche rund um das Projekt einer gemeinsamen Bibel und eines gemeinsamen Kirchengesangbuchs für die Deutschschweizer Kirchen. Die Notwendigkeit eines engeren Zusammenrückens der Kirchen wurde mit dem Ersten Weltkrieg noch stärker spürbar. Dasselbe galt für die Beziehungen der protestantischen Kirchen weltweit infolge der Missionskonferenzen.

Gründung des SEK
Dieser Schritt kam einem Wendepunkt gleich: Es ging nun nicht länger um konsultative Treffen zu Fragen von allgemeinem Interesse. Vielmehr entstand hier ein echtes Bündnis, das auf einer Organisation beruhte, die gemeinsames Handeln erlaubte und sich auch auf die Vertretung der Schweiz in länderübergreifenden religiösen Organisationen und internationalen ökumenischen Konferenzen erstreckte. Der SEK wurde am 7. September 1920 in Olten gegründet und als Abgeordnetenversammlung und Rat konstituiert. Dieser hatte drei Aufgaben, nämlich die Interessen der Reformierten in der Schweiz zu vertreten, die ihm von der Abgeordnetenversammlung übertragenen Geschäfte zu erledigen und die Anträge zu prüfen, die ihm diese vorlegt.
Die Geschichte des SEK im 20. Jahrhundert ist geprägt von zahlreichen Schlüsselmomenten: Jugendkonferenzen, Missionswerke (Gründung HEKS und Brot für Brüder), Sammlungen für Jugendhäuser (wie das Camp von Vaumarcus), Verhandlungen mit den eidgenössischen Behörden, Interpellationen und Aktionen zu Fragen rund um Waffenexporte, Militärdienstverweigerung, Zivildienst, Kampf für den Frieden, Anprangerung der Apartheid in Südafrika, Entwicklungshilfe, Bekämpfung des Alkoholismus, Geburtenregelung und Abtreibung, Sozialversicherungen und AHV, Gründung eines reformierten Mediendiensts für Radio und Fernsehen…

Auf dem Weg zur Synode
Die heutige Problemlage ist so einfach wie herausfordernd: Wie verleiht man der vielschichtigen Wirklichkeit des Schweizer Protestantismus reformierten Ursprungs ein landesweites kirchliches Profil, ohne an die kantonalen Prärogativen in Sachen Kirchenverwaltung zu rühren? Unsere aktuelle Aufgabe ist, die Abgeordnetenversammlung weiterzuentwickeln und eine Synodalkultur einzuführen. Das Reglement der Synode ist zur Zeit in Ausarbeitung. Dabei geht es darum, Möglichkeiten zu schaffen, um stärker kirchlich geprägte Formen demokratischer Entscheidfindung zu erproben. So wurde in unseren Vorarbeiten die Idee der einvernehmlichen Beschlussfassung in Anlehnung an den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) aufgegriffen. Über Zeit und Räume verfügen, in denen sich zentrale Fragen reiflich überdenken lassen: gesellschaftliche Herausforderungen, treibende ethische Kräfte, Zukunft des Protestantismus in der Schweiz, Veränderungen der religiösen Praxis und deren Einfluss auf das kirchliche Leben in den Gemeinden. Diese Weiterentwicklung braucht indes Zeit.

Ungleiche Machtverhältnisse
Man muss sich vor Augen halten, dass von den 26 Mitgliedkirchen die grösste (Bern-Jura-Solothurn) 615 000 Mitglieder hat, die kleinste (Uri) hingegen 1700. Dreizehn Kirchen werden in der neuen Synode bloss mit 2 Stimmen, vier mit nur 1 Stimme vertreten sein. Die beiden grössten dagegen (BEJUSO und ZH) werden über 24 Stimmen verfügen. Entscheidend ist, dass Fragen, die von den einzelnen Kirchen unterschiedlich beurteilt werden, nicht direkt mit einfachem Mehr geregelt werden. Umso unerlässlicher ist es, die Möglichkeiten einvernehmlicher Beschlussfassung zu erproben, gerade im Hinblick auf konfliktträchtige Themen. Die Grösse der Kirchengemeinschaft wird sich daran erweisen, wie gut sie die Realität von Kantonalkirchen zu berücksichtigen versteht, die einer sprachlichen Minderheit angehören oder mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfen. Die Schweizer Synode muss Raum bieten zum Bedenken der Herausforderungen in ihrer ganzen Tragweite, indem sie sich die Mittel einer stringenteren Spiritualität gibt. Geprüft wird auch die Idee einer Vernetzung mit den protestantischen Vereinen der Schweiz. Sie würden eingeladen, ihre Jahresversammlungen parallel zur Synode abzuhalten und an gemeinsam Zeiten teilzuhaben. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind so anspruchsvoll wie faszinierend.
Bereitgestellt: 06.03.2020     Besuche: 98 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch