Godly Play®… Gott im Spiel?

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Ich frage mich: Wie kommt Gott ins Spiel? Die Beschäftigung mit dieser Frage steht im Zentrum der Katechesemethode Godly Play®, die sich weltweit erfolgreich ausbreitet, auch in der Schweiz.
Bertrand Quartier
Die Godly-Play-Methode ist von den Arbeiten Maria Montessoris inspiriert und wurde vom amerikanischen Pfarrer Dr. theol. Jerome Berryman entwickelt. Sie hat den Anspruch, aufgrund ihrer «Pädagogik der Vorstellungskraft» die Spiritualität der Kinder und ihre Beziehung zu Gott zu fördern.

Eine Türe zur Innerlichkeit
Godly Play® bietet einen methodischen Ansatz sowie Geschichten, Gesten, schöne Dinge und letztlich ein Umfeld, das dem Kind gewidmet ist. Es geht nicht zuletzt darum, den Kindern in unseren Kirchen und Räumlichkeiten, die meistens für das Glaubensleben Erwachsener konzipiert sind, ihren eigenen Platz zu geben.
Die «Schwelle», an der ein Portier oder eine Pförtnerin steht, befindet sich am Eingang zu einem Raum für die Innerlichkeit. Wer sie überschreitet, bekommt Zugang zur Geschichte des Gottesvolks, und zwar in einer Sprache und mit Material, die spirituelle Entdeckungen und Ausdrucksweisen des Kindes unterstützen sollen.

Die Sprache des Gottesvolks
Die biblischen Geschichten – in vereinfachter, bilderreicher und symbolhafter Sprache – erzählen die Geschichte des Gottesvolks, seiner Persönlichkeiten und Orte, von denen wir alle herkommen, die der grossen, Abraham verheissenen Hoffnung und dem Evangelium von Jesus Christus nachfolgen. Die Erzählerin[1] begleitet die Geschichten mit ruhigen, einfachen Gesten, Ausstattungen und Figuren, die die Phantasie des Kindes anregen und ihm zugänglich sind. Alles ist schön, alles ist verständlich. Und es ist erlaubt, mit den Geschichten und Objekten zu spielen. Die «heiligen Geschichten» des Alten und Neuen Testaments erzählen die Geschichte des Gottesvolks, die «liturgischen Handlungen» bringen das Leben der Kirche zur Sprache (Bibel, Kirchenjahr, Sakramente: Taufe, Abendmahl), die «Gleichnisse» sind als Geschenke zum Öffnen und Entdecken gedacht.

Spielerische Liturgie
Ankommen, eine Geschichte hören, Fragen stellen und staunen, eine eigene Antwort finden, gemeinsames Festen, Gebet und Segen bilden die Phasen eines Godly-Play-Treffens – im Sinn einer leichtfüssigen Liturgie, eines Gerüsts im Dienst der Spiritualität des Kindes.
Die rituelle Frage «Bist du bereit?» signalisiert den Übergang in eine andere Welt. Für Disziplin braucht man danach meist nicht zu sorgen, mit seiner Antwort hat das Kind sein Wort gegeben und Verantwortung übernommen! Das Erzählen der Geschichte geschieht bei praktisch vollständiger Stille, jeder Einzelne findet im eigenen Rhythmus in die Geschichte hinein. Auf die Geschichte folgt eine Phase offenen Fragens, die die Erzählerin mit «Ich frage mich …» eröffnet und damit zum Beantworten, Debattieren, Positionsbezug für oder gegen die Ansichten der andern und zum Entdecken einlädt. Daran schliesst eine Kreativphase an, in der die Kinder zeichnen, basteln, mit der Erzählung und ihrem Material spielen, beten oder auch nichts tun … Nachher gibt es eine kleine Feier: gemeinsam essen und trinken schafft Gemeinschaft. Das Treffen schliesst mit einem Gebet oder einem – individuellen oder kollektiven – Segen. Und schon trennt man sich wieder und sagt sich auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal!

Weg von der Wissensvermittlung
Lektion oder Feier? Der Godly-Play-Ansatz will stärker die Entwicklung und den Ausdruck der kindlichen Spiritualität fördern als ein pädagogisches Konzept zur Vermittlung von Wissen und Werten vermitteln. Die Leiterin/Katechetin muss sich aufs Loslassen einlassen können: Die Kinder sind es, die Antworten geben und unter sich diskutieren. Die Erwachsenen haben nicht die Rolle, korrigierend einzugreifen, es sei denn, es gehe darum, Verständnisfragen zu beantworten. Doch wie erkennt man, ob die Kinder begriffen haben, worum es geht? All jene, die mit der Methode arbeiten, empfinden die Fragestellungen und die Antworten der Kinder als fast immer sinnreich und als Ausdruck einer lebendigen Spiritualität, nicht selten sogar als theologisch scharfsinnig und vertrauensvoll. Das Postulat, dass Kinder eine angeborene spirituelle Ader haben und für eine Gottesbeziehung begabt sind,[2] wird von verschiedenen Forscherinnen und Autorinnen[3] geteilt, die den Begriff der «Kindertheologen» geprägt haben.
Beispiele für eigenständige und originelle Überlegungen gibt es viele. So reagiert ein achtjähriges Mädchen nach dem Erzählen des Gleichnisses vom Senfkorn auf den Einstieg «Ich frage mich, was das grosse Gewächs eigentlich bedeuten soll» mit der Beschreibung: «Die Vögel waren alle allein, jeder in seiner Ecke. Manche zankten sogar miteinander. Im grossen Gewächs fanden sie einen Ort, an dem sie sich kennenlernen, miteinander Frieden schliessen und zusammen leben konnten.» War da nicht eben von Kindertheologen die Rede?
Mehr über den Godly-Play-Ansatz und die Ausbildungsangebote in der französischen Schweiz finden sich auf der Website des Vereins Godly Play Suisse romande » godlyplay.ch.

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Bertrand Quartier ist Diakon in der Kirchgemeinde Jorat der reformierten Kirche Waadt (EERV). Mit der Einführung der Godly-Play-Methode in der Dorfkapelle von Servion hat er das Projekt Kinderkirche initiiert; er bildet sich zur Zeit zum anerkannten Godly-Play-Fortbildner weiter.

[1] Erzählerin, Pförtnerin, Lehrerin: Die Funktionsbezeichnungen sind allesamt weiblich und verweisen auf die vorwiegend von Frauen geleistete Präsenz und ihren Einsatz in der Katechese.
[2] Lesen wir Mk 10,15: «Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.»
[3] Beispielsweise: Rebecca Nye, La spiritualité de l’enfant: comprendre et accompagner, Empreinte-temps présent, La Bégude-de-Mazenc, 2005. Caroline Baertschi-Lopez, Les enfants portiers du royaume: accueillir leur spiritualité, Cabédita, Bière, 2017. Richard Gossin, L’Enfant théologien: Godly Play, une pédagogie de l’imaginaire, Lumen vitae, Namur-Paris, 2016. Sofia Cavalletti, Le Potentiel religieux de l’enfant, Desclée De Brouwer, Langres, 2007.
Bereitgestellt: 22.11.2019     Besuche: 73 Monat
 
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