Burn-out und Spiritualität

IP-3-2019-Marc-Balz<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>3582</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Im «Larousse» liest man unter dem Stichwort «burn out»: «Syndrom der beruflichen Erschöpfung, das in tiefer körperlicher und geistiger Ermüdung aufgrund von Macht- und Hoffnungslosigkeitsgefühlen zum Ausdruck kommt.»
Marc Balz
Angesichts der Tatsache, dass zahlreiche ihrer Fachpersonen davon betroffen sind, haben unsere Kirchen in den vergangenen Jahren Präventionsmassnahmen getroffen, darunter die bessere Kanalisierung des Drucks vonseiten der Bestattungsunternehmen, Supervisionsangebote, Schaffung eines Beratungs- und Gesundheitsnetzwerks, «freie» Prozente in den Pflichtenheften … All diese Schritte sind löblich, vermögen alleine das schmerzhafte Burn-out-Problem jedoch nicht zu lösen.
Sinnvoll dürfte sein, darauf hinzuweisen, dass das Problem nicht neu ist. So schrieb im 12. Jahrhundert Bernhard de Clairvaux an den Papst – ich habe das Zitat auf dem Flyertisch in einer Kirche gefunden: Komm zu dir zurück. Wie kannst du wirklich für andere da sein, wenn du dich selbst verloren hast? Wenn du dein ganzes Leben aktiv bist und dem Stillsein keinen Platz einräumst, unterstütze ich dich nicht. (…) Deine Güte ist nicht perfekt, wenn du bloss für andere da bist, du musst für dich selbst ein aufmerksames Herz haben. (…) Wie lange noch schenkst du allen Aufmerksamkeit ausser dir selbst? (…) Alle schöpfen aus deinem Herzen, als ob du ein öffentlicher Brunnen wärst – und du stehst durstig daneben! Bist du nicht allen fremd, wenn du dir selbst gegenüber fremd bleibst? Ja, wer schlecht zu sich ist, zu wem kann der gut sein? Vergiss nicht: Schenke dich dir selbst! Ich sage nicht, du sollst es ständig tun, aber mach es von Zeit zu Zeit.
Selbstverständlich taucht der Begriff «Burn-out» hier nicht auf, aber der Text weist direkt auf das hin, worum es geht: inneres Versiegen, Überforderung, Sinnverlust – und dies bei einem Papst. Der Gründer des Zisterzienserordens nennt denn auch ein paar Ansätze: Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber, Stille, Ausgleich zwischen Geben und Empfangen.

Zwei Orientierungspunkte
Zunächst ein biblischer: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (Mt 22,39 zum Beispiel).
Während wir als Pfarrer die Gnade Gottes predigen, sein bedingungsloses Ja zu jeder einzelnen seiner Kreaturen, und die Liebe in unserem Reden einen hohen Stellenwert hat, bringen wir es kaum zustande, uns selbst zu lieben. Wir malträtieren uns, manchmal ohne uns dessen bewusst zu sein, indem wir andauernd enorme Ansprüche an uns selbst stellen. Wir geben den Bedürfnissen anderer Vorrang vor den unseren und verlieren uns dabei nach und nach. Manche von uns streben so sehr nach Perfektion, indem sie sich vorbehaltlos ihrer Aufgabe widmen, ihre Familie und sich selbst hingegen vergessen, dass es schliesslich zum Zusammenbruch kommt. In der Theorie wissen wir, dass die Liebe zu uns selbst, zum Nächsten und zu Gott miteinander verbunden sind, aber es ist, als ob sich dies in unserm Wesen und unserem Leben nicht wirklich oder aber viel zu selten verkörpern würde. Dabei ruft uns der Christus des Evangeliums dazu auf, uns zunächst selbst zu lieben.
Dann ein praktischer: «eine Stunde pro Tag, ein Tag pro Monat, eine Woche pro Jahr».

Eine Stunde pro Tag. Ob als persönlicher oder mit einigen wenigen geteilter Gottesdienst, als Meditation, Stille, Bibelarbeit, als Atem- oder Körperübung, Singen oder Musizieren, Gartenarbeit oder (leichte) körperliche Aktivität, dazu vor dem Einschlafen das Erinnern des Tages vor Gott: Diese tägliche Stunde, als ganze genommen oder auf den Tag verteilt, richtet uns immer wieder neu aus und macht, dass wir uns gegenüber gegenwärtig sind.

Ein Tag pro Monat. Auch wenn es manchmal schwierig ist, sich diesen Tag zu nehmen, er ermöglicht es uns, innezuhalten. Entscheidend ist, den richtigen Ort zu wählen, idealerweise eine religiöse Gemeinschaft, aber auch ein Rückzugsort kann sich eignen. Um einen unbeschwerten Blick auf die Ereignisse werfen zu können, muss man fliehen, still halten und sich sammeln, vor dem Allmächtigen. Geh also zur verborgenen Quelle aller Dinge. Verlasse alles und du wirst alles finden. Nimm dir Zeit, um freundlich mit dir selbst zu sein. Atme. Halte inne. (Schwester Myriam, «La règle de Reuilly», S. 56–57).

Eine Woche pro Jahr. Seit etwa zwanzig Jahren ziehe ich mich jedes Jahr eine Woche lang zurück, entweder in ein Kloster oder in die von Pfarrer und Eremit Daniel Bourguet geleitete Gemeinschaft Les Abeillères in den Cevennen. Eine Woche lang konzentrierte Bibelarbeit unter seiner Anleitung, Teilnahme an den täglichen Gottesdiensten, Stille (die meiste Zeit), freundschaftlicher Austausch unter Kollegen (manchmal), intakte Natur und Gebet … viel Zeit zum Beten. Mehr als einmal bin ich dort völlig ausgelaugt angekommen, «kaputt», von mir entfremdet und unfähig, mich auch nur ein ganz klein wenig zu mögen. Jedes Mal bin ich als neuer Mensch zurückgekommen, aufgerichtet und bereit, mich ein weiteres Jahr lang einzusetzen. Manchmal ist mein Weg ein Seiltanz, aber ich bin sicher, dass ich dank dieser Disziplin nicht gefallen bin.
Bereitgestellt: 06.09.2019     Besuche: 29 Monat
 
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