Auf sich und die anderen achten: vom Zusammenhang von Spiritualität, Gemeinschaft und Gesundheit

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Zweifellos ist der Pfarrberuf einer der schönsten der Welt. Man bekommt eine umfassende interdisziplinäre Ausbildung auf höchstem Niveau und ist dadurch in der Lage sich in ganz verschiedene Lebenswelten einzudenken und einzufühlen.
Stephan Hagenow
Pfarrerinnen und Pfarrer werden bei ihrer Ordination gesegnet, damit sie anderen zum Segen werden. Sie werden von unserer Kirche berufen zum Dienst am Wort, durch den sie Gemeinde bauen und Menschen stärken und ermutigen sollen. Sie werden in die Gemeinden entsandt bzw. installiert im Auftrag der Landeskirchen. Die wichtigste Ressource einer Pfarrerin ist also unverfügbar – Segen kann man nicht bestellen, produzieren oder nach Bedarf verteilen. Diese Vorleistung Gottes fragt nicht nach der Leistungs- oder Belastungsfähigkeit des Berufenen. Die meisten Ordinationsliturgien sichern den Ordinierten auch die beständige Fürbitte der Gemeinschaft zu. Der Segensträger bleibt also dauerhaft in einer geistlichen Interaktion. Auch dieses geistliche Aufeinander-Bezogensein ist weder messbar, herstellbar noch steuerbar. Sehr wohl aber kann man nachfragen, ob sich eine Amtsträgerin als Gesegneter fühlt. Spürt sie das Getragensein durch Gott und seine Gemeinde? Kann sich die «Ressource» Segen fruchtbar und fröhlich entfalten, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen? Es gibt in diesem Sinne auch eine geistliche Fürsorgepflicht von Arbeitgeberin und Anstellungsbehörde, die Segen ermöglichen, fördern aber auch verhindern kann.

Unverfügbare geistliche Interaktion
Diese geistliche Interaktion zwischen Gott und Amtsträger bzw. zwischen Amtsträgerin und Gemeinde bleibt unverfügbar – denn das Unverfügbare braucht die notwendigen Freiräume damit sich diese überhaupt entwickeln kann. Das Unverfügbare braucht Zwischen-Raum – geistliche Personalentwicklung kann also nicht die totale Verfügbarkeit eines Geistlichen zum Ziel haben. Geistliche brauchen Rückzugsorte und Rückzugsräume und vor allem Zeit. Hoffnungslos überfüllte Terminkalender widersprechen der Grundorientierung des Pfarramts. Personalentwicklung für Geistliche sorgt z.B. im Stellenbeschrieb für verbindliche Freiräume – unverfügbare Zeiten. In welchen Formen diese Zwischenräume genutzt werden, ist sehr abhängig von der persönlichen Prägung und Spiritualität. Gerade die geistliche Leitungsaufgabe setzt voraus, dass man diese immer wieder mit Kolleginnen und Kollegen einübt, ausprobiert und reflektiert. Deshalb sollte ein Teil der Weiterbildung auch in kollegialen Beratungsgruppen stattfinden und eine gemeinsame vielfältige spirituelle Praxis gepflegt werden. Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen Oasen des Rückzugs, der zweckfreien Besinnung auf die biblische Botschaft, des theologischen Nachdenkens, damit sie sich nicht zu sehr vom Tagesgeschäft „auffressen“ lassen und so eher ausbrennen.

Die eigene Sprachlosigkeit überwinden durch geistlichen Austausch
Pfarrerinnen und Pfarrer sind immer wieder Extremsituationen ausgesetzt und begegnen dabei allen Facetten des Leids und des Bösen. Und sie sind die Personen in der Gemeinde, von denen man zu Recht erwartet, dass sie das Unfassbare in Worte fassen können, damit Trost und Hoffnung wachsen können. Die meisten Amtsträger können in solchen Situationen gut mit ihrem professionellen Selbst agieren, sie sind handlungsfähig und es gelingt, Menschen im Sinne des Evangeliums zu begleiten. Aber es gibt eben auch die Situationen, auf die Geistliche keine Antworten finden, wo es ihnen die Sprache verschlägt und sich Wut und Verzweiflung breit machen. Geistliche müssen sich hier in ein Netz fallen lassen können, in das Netz der Väter und Mütter der biblischen Tradition, in das Netz der Gemeinschaft der Klagenden und Betenden, in ihr persönliches Netz – aber eben auch in ein professionelles Netz geistlicher Begleitung. Nicht selten sind heute Supervisoren und Coaches moderne Beichtväter und -mütter. Die meisten befassen sich in einer professionell-neutralen Haltung mit Konflikten, Rollenproblemen und berufsspezifischen Lösungsansätzen. Das machen sie gut, aber es gibt nach meiner Beobachtung ein Vakuum. Hilfreich wäre ein Netz von geistlichen Mentoren, die als Gesprächs- und Sparringspartner im Pfarramtsalltag und in diesen Extremsituationen zur Verfügung stehen. Sind die Geistlichen bereits frustriert oder gar ausgebrannt, kommt die geistliche Begleitung zu spät.

Jammermodus?
Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich konstant über ihre vollen Terminkalender beklagen, müssen sich hinterfragen lassen, ob sie vielleicht auch ganz bewusst die Freiräume vermeiden. Denn diese Freiräume sind nicht nur Wellnessoasen, sie können durchaus auch Ort kritischer Selbstreflexion bis hin zum Ort quälender Selbstzweifel sein, ob man auf richtigem Kurs oder am richtigen Ort ist. Die Freiräume können Ort der Anfechtung und des Ringens mit Gott sein. Sie können der Ort sein, an dem Gottes Geist wirkt und neue Entwicklungen anschiebt.
Wenn die Amtsträger auf die Fürbitte der Gemeinde angewiesen sind, muss es auch regelmässige Gelegenheit zur gemeinsamen Gottesdienstfeier geben. Wenn sich die Pfarrperson mit der Zeit nur noch als «Veranstalterin» oder «Entertainerin» fühlt, verhindert dies das gemeinsame Sich-Beschenken-Lassen durch Gottes Geist. Es kann durchaus vorkommen, dass sich die eigene Spiritualität im Laufe der Jahre von der traditionell in der Gemeinde gepflegten praxis pietatis entfremdet. Je grösser der Graben, desto schwieriger die geistliche Interaktion. Die permanente Übersetzungsarbeit in der Gemeinde als Grundauftrag des Pfarramts birgt die Gefahr, dass die Pfarrperson dabei die Entwicklung der eigenen Spiritualität vernachlässigt oder sich innerlich abkoppelt.

Begleitungsangebote für Geistliche durch die Kirchenleitungen
Der Pfarrberuf soll auch einer der schönsten Berufe der Welt bleiben. Schaut man nämlich auf die Risikofaktoren, Krankheitszahlen und Abbrecherquoten, treten einem schnell Sorgenfalten auf die Stirn. In den meisten Landeskirchen ist inzwischen eine grosse Sensibilität dafür entstanden, dass auch Geistliche Begleitung und Unterstützungsmassnahmen brauchen. Einige Landeskirchen wie Zürich, St. Gallen und Refbejuso fangen an, ein professionelles betriebliches Gesundheitsmanagement einzurichten. Die neueste Studie aus Greifswald von Michael Herbst mit 1200 Pfarrpersonen hat deutlich gezeigt, dass der Pfarrberuf eine sehr viel höhere Anzahl von Risikofaktoren hat als vergleichbare Berufe.

Auf die anderen achten – Symptome erkennen
4-5% sind akut von Stresserkrankungen (Burnout) betroffen, bis zu 20% gefährdet. Die Themenfelder Gesundheit, Spiritualität, Motivation und Leistungsfähigkeit gehören eng zusammen. Wichtig ist, dass man nicht nur auf die Pfarrerinnen und Pfarrer schaut, die tatsächlich mit einem Erschöpfungszustand diagnostiziert worden sind, sondern den Blick wirft auf die fünf Stadien bevor die Symptome als Depression von den Krankenkassen anerkannt sind. Dazu gehören: Unzufriedenheit, Aktivismus, chronisches Zuspätkommen, unkontrollierte Aggressionsausbrüche, „Aufschuberitis“ (Prokrastination), dauerhaftes Klagen über zu viel Arbeit und zu wenig Anerkennung, Perspektivlosigkeit und fehlende Lernmöglichkeiten, krankmachende Konflikte, Nichtbezug von Weiterbildung und Ferien weil ja so viel zu tun ist…, Einsamkeit vor allem im Einzelpfarramt, Suchtproblematiken, diffuse psychosomatische Symptome.
Von Seiten der Kirchenleitung braucht es ein ganzes Bündel an Massnahmen: Schulung und Sensibilisierung der Ehrenamtlichen und vor allem der Personalverantwortlichen sowie der kirchlichen Führungskräfte, regelmässige MAGs als Präventionsangebote, Netzwerke und Beratungsstellen, Kooperationen mit Kliniken, Psychologinnen und Psychiatern. Vor allem aber braucht es eine Kultur, in der wir aufeinander achten und sorgsam miteinander umgehen. Manche Pfarrvereine sind hier vorbildlich, aber da ist noch ganz viel Luft nach oben. Gerade bei Stresserkrankungen merken die Betroffenen es zuletzt, das Umfeld viel früher.

Professionelles Timeouts als Präventionsintrument
Und mindestens so wichtig: Wir müssen auf uns selbst achten und uns immer wieder aus dem Alltagsbetrieb herausnehmen. Bei Warnsignalen kann ein bewusstes Timeout hilfreich sein. Dafür braucht es geeignete Orte. Ein solches empfehlenswertes Projekt ist https://colombe.ch getragen von einer reformierten Spiritualität, mit vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten für Körper, Seele und Geist, professionelle Begleitung auf Wunsch, ohne feste Tagesstrukturen, kurzfristige Anmeldemöglichkeit und ein geschützter Raum in einem wunderschönen Ambiente.

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Hier seien einige der Risikofaktoren einfach aufgezählt:
Säkularisierungsschub in der Personalführung: Betriebswirtschaftliche Prioritäten vor theologischer Reflektion; Budgetierungsdruck / Sparmassnahmen; Forderung nach Transparenz und Qualitätskontrolle; Dokumentationsaufwand wird grösser; Betriebswirtschaftliche Herausforderungen für die Geistliche nicht ausgebildet sind; Rechtfertigungsdruck der Pfarrschaft steigt: Es ist vielen auch innerhalb der Kirche nicht mehr klar, was eine Pfarrerin macht; Beziehungen müssen anders als früher immer wieder neu hergestellt und permanent gepflegt werden; Kommunikationsflut und ständige Erreichbarkeit; Veränderte Anerkennungsmuster: Performativer Kampf um Anerkennung nach dem Facebook – Muster; der Status «Pfarrerin/Pfarrer» reicht nicht mehr; To-do-Liste ist niemals abgearbeitet. Es gibt zu wenig Musse – man könnte immer noch mehr tun; Überhöhte Erwartungen an sich selbst – Überidentifikation; Überhöhte Erwartungen von aussen – Pfarrperson soll ein idealer Mensch sein; Extreme Rollenvielfalt und oft auch Rollendiffusion und unklare Verantwortlichkeiten. Häufig eher zufällige Führungskulturen; Zersplitterung der Arbeitszeit; Zunehmende Säkularisierung und Interesselosigkeit an der Kirche, auch intern; Fehlende Aufstiegsmöglich­keiten und Leistungsanreize und damit eben auch fehlende Entwicklungsmöglichkeiten.
Bereitgestellt: 06.09.2019     Besuche: 3 heute, 33 Monat
 
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