Streit um die Macht, die Sicht des Mediators

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Das Modell der partnerschaftlichen Gemeindeleitung (Zuordnungsmodell) von Kirchenpflege und Pfarramt hat an Komplexität gewonnen. Nebst Kirchenpflege und Pfarramt hat sich in den letzten Jahrzehnten die Sozialdiakonie etabliert. In jüngerer Zeit spielt in den grösser werdenden Gemeinden die professionalisierte Leitung der Verwaltung eine wichtige Rolle.
Die kirchliche Gemeindeleitung wird in Zukunft erst dann erfolgreich sein, wenn sich die massgeblich Beteiligten als ein Team verstehen.
Martin Bihr
Das Modell der partnerschaftlichen Gemeindeleitung (Zuordnungsmodell) von Kirchenpflege und Pfarramt hat an Komplexität gewonnen. Nebst Kirchenpflege und Pfarramt hat sich in den letzten Jahrzehnten die Sozialdiakonie etabliert. In jüngerer Zeit spielt in den grösser werdenden Gemeinden die professionalisierte Leitung der Verwaltung eine wichtige Rolle.
Die kirchliche Gemeindeleitung wird in Zukunft erst dann erfolgreich sein, wenn sich die massgeblich Beteiligten als ein Team verstehen.

Gemeinsam unterwegs
An der Tagung vom 7. September in Zürich hörte man oft: „Wir müssen am gleichen Strick ziehen.“ Die kirchliche Organisationskultur der Kirche und die theologischen Werte bedingen, dass man gemeinsam unterwegs ist. Die Gemeindeleitung braucht ein gutes Zusammenspiel von Behörde, Sozialdiakonie, Pfarramt und Verwaltung.

Verletzende Erfahrungen
Da erzählten eine Kirchenpflegepräsidentin, ein Verwalter, ein Diakon und ein Pfarrer aus ihren oft schwierigen Alltagserfahrungen. Die genannten Negativbeispiele zur Zusammenarbeit machten deutlich, dass oft Konkurrenz und Neid, Angst und Überforderung die Zusammenarbeit verhindern. Ausgrenzung, negatives Reden übereinander oder das Schaffen von Fait accompli, gehören ebenso dazu wie auch das Schweigen und der stille Widerstand.

Das Pfarramt unter Druck
Die Nicht-Pfarrpersonen äusserten sich vorwiegend kritisch über die Pfarrerschaft. Der Wandel des Pfarramts vom einstigen Chef des kirchlichen Lebens, dem die Kirchenpflege als Verwaltungsbehörde zugeordnet war, zu einem Rollenträger, der mit an der Gemeindeentwicklung engagierten Behördemitglieder, emanzipierten Diakonen und professionellen Verwaltenden zusammen arbeiten muss, ist noch nicht abgeschlossen. Allzu lang hatten sich Pfarrpersonen auch von der Vorreiterrolle teilweise verabschiedet, weil sie theologisch motiviert nicht patriarchal wirken wollten und persönlich eine bessere Abgrenzung von Privatleben und Pfarramt suchten. Dies führte zu einem Vakuum, welches von anderen Beteiligten im System ausgefüllt wurden. So befindet sich manche Pfarrperson heute in der Rolle eines theologischen Fachmitarbeiters, was in Spannung zum eigenen Selbstverständnis einer umfassenden PfarrerInnen-Rolle steht. Pfarrpersonen werden massgeblich Einfluss haben, wo sie die Relevanz spirituell-theologischer Aspekte in Leitungsaufgaben glaubwürdig vertreten und sich als geistliche Leitungspersonen einzubringen verstehen.

Teamentwicklung nach GIPRI
Eine klarere Regulierung von Aufgaben-Kompetenzen-Verantwortlichkeiten (AKV) wird helfen, als Orientierungshilfe das Zuordnungsmodell krisenresistenter zu machen. Ebenso klar ist, dass die Differenzierungen dieser AKV bereits bestehende Konflikte nicht zu lösen vermögen.
Der Erfolg liegt im Bewusstsein, als Gemeindeleitung ein Team zu sein.
Die Teamentwicklung beginnt bei den inhaltlichen Fragen: „Was für eine Gemeinde wollen wir sein? Wohin soll es mit uns gehen?“ Danach folgt die Klärung: „Was gilt es zu tun, um dies zu erreichen? Aufgaben, Programme, Dienste, Abläufe?“ Erst in einem dritten Schritt, daraus deduziert, werden die Rollen geklärt. Die Zuständigkeits- und Machtfrage wird erst dann ausgehend von den vorliegenden Aufgaben (von der «Missio») angegangen, und nicht auf Grund von standesspezifischen Ansprüchen und Ängsten. Schliesslich ist den zwischenmenschlichen Fragen so viel Aufmerksamkeit wie nur möglich zu schenken.
Dass an der Tagung die inhaltlichen Fragen der Gemeindeentwicklung kaum thematisiert wurden, ist auch ein Spiegel der Realität vor Ort. Oft hat man sich derart in Machtfragen und Konflikten verbissen, dass die Weite fehlt, die Probleme vom Inhaltlichen her anzugehen.

Leitungsmodelle und Führungsstrukturen
Die Herausforderungen führen dazu, dass man sich Klarheit wünscht in den Strukturen. In Zukunft wird es Strukturen brauchen, die die Frage der Leitung und die Frage nach Führungslinien klar beantworten. Insbesondere in der „Betriebsführung“ der Kirchgemeinde braucht es mehr Klarheit. Es ist nicht zufällig, dass in den von Pfr. Matthias Bachmann, Landeskirche Zürich, vorgestellten Modellen der Zürcher Landeskirche, neu eine Geschäftsleitung vorgesehen ist.
Es wird in den Gemeinden ein Gremium brauchen, welches sich um die operative Führung, insbesondere um die Gestaltung der Strategieumsetzungsprozesse und die Koordination der verschiedenen Arbeitsbereiche kümmert. Ich gehe davon aus, dass dies im Normalfall nicht eine Einzelperson sein wird, sondern entsprechend dem Zuordnungsmodell ein gemischtes Gremium, z.B. Pfarramt, Verwaltung, Diakonie.

Status der Verwaltungsleitung
Entscheidend wird sein, wie die Verwaltung verstanden wird. Ist sie so etwas wie eine Stabstelle? Oder ist sie ein Fachbereich? Ist der Leiter der Verwaltung Leiter nur der Verwaltung oder wie ein Gemeindeschreiber auch in einer Führungsrolle für den ganzen operativen Apparat? Derzeit beobachte ich, dass die Verwaltungsleitenden von den Behörden oft als verlängerter Arm gebraucht werden. Dies stösst meist auf Widerstand bei Pfarrerschaft und Mitarbeitenden.

Organisationales und Theologisches
Aus Managementtheorien und sozialwissenschaftlich begründeten Ansätzen stammende Zugänge gehen in der Regel davon aus, dass eine Organisation so entwickelt wird, dass sie eine optimale Effizienz hat. Managementansätze aus der Privatwirtschaft verfolgen demnach meistens auch das Hauptziel, grösst möglichen finanziellen Nutzen systemgerecht zu generieren, da die Erwirtschaftung von Gewinn Zweck eines Unternehmens ist. Es braucht die kritische theologische Reflexion, wenn so begründete Werkzeuge und Modelle in die Gemeindeentwicklung transferiert werden, damit man der kirchlichen Missio gerecht wird. Dabei ist fundamentaler Widerstand nicht die angemessene Form. Gemeindeentwicklung soll und kann Erkenntnisse aus nicht theologischen Disziplinen nutzen. Es wäre wünschenswert, wenn die Kybernetik in der Gemeindeentwicklung vermehrt interdisziplinär von praktischer Theologie und Non-Profit-Management-Theorien angegangen würde.

Er ist Inhaber der Firma «Bihr Beratung & Entwicklung» in Bäretswil und berät regelmässig Kirchgemeinden. An der Tagung vom 7. September übernahm er die Rolle des Mediators.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 23.11.2018    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch