Streit um die Macht, ein Tagungsbericht

IP-4-2018-Jean-Eric-Bertholet<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>3451</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Die Tagung vom 7.9. in Zürich stiess auf ein breites Echo: rund hundert TeilnehmerInnen, ein Viertel Pfarrpersonen, ein Viertel Kirchenpflege, ein Fünftel Kirchenverwalter, insgesamt fünf Diakone (davon zwei in der Vorbereitungsgruppe), eine Katechetin, VertreterInnen der obersten Etagen der Landeskirchen und des Zentrums für Kirchenentwicklung, zwei Vertreter der Romandie, ein Mediator… Brisantes und Entspanntes trafen aufeinander in der bewussten Bemühung, gleichzeitig Konflikte zu benennen und den Dialog zu pflegen. Ein Bericht.
Jean-Eric Bertholet
Es ist die Stunde der Megafusionen, der Professionalisierung, der Ökonomisierung, der Sparübungen, der Differenzierung der Kirchenberufe, was in der Strapazierung mancher Teams in etlichen Gemeinden spürbar ist. Soll es um «Macht» gehen, um «geistliche Leitung», um «Gestaltungsmacht», wie Werner Näf bei der Begrüssung sagte, und was würde das für die verschiedenen Berufsgruppen und für die verschiedenen Teams bedeuten?

Klagen bekannt
Die Tagung begann mit den Emotionen und man übte sich in Bescheidenheit. Pfarrer seien Einzelkämpfer und Chaoten, hiess es seitens der Verwaltung. Die unterschiedlichen Ausbildungen der Sozialdiakone und die Vielfalt der Teams mit KatechetInnen, Sigristen, KirchenmusikerInnen und Auszubildenden mache ihre Leitung nicht einfacher. Da gibt es keine allwissenden Universalgenies, und graue Eminenzen seien Teil des Problems. Haben Pfarrer das Monopol auf den Heiligen Geist?
Im Kollegium soll auch niemand der Chef sein. Wie soll aber die Macht verteilt werden, zwischen Mitarbeitenden, Kirchenpflege und Synode? Wer ist das öffentliche Gesicht der Kirche, die Pfarrperson oder die Kirchgemeinde Präsidentin, Zielscheibe aller Kritik?
Vieles, was früher selbstverständlich war, wurde verloren und der «Traditionsbruch» auf mancher Seite bedauert. Das Kirchgemeindesekretariat wird sowohl von aussen (unzufriedene Gemeindeglieder, Information an die Öffentlichkeit) als auch intern, «von uns selbst», herausgefordert.
Gefahr besteht ebenso, wenn Abläufe und Strukturen unnötig verkompliziert werden. Ein zu hoher Grad an Komplexität verunmöglicht die Erledigung der Aufträge und erstickt das Leben der Gemeinde.
Wie kann man sich auf Augenhöhe begegnen, Zuständigkeiten und Kompetenzen klären? Wieviel Flexibilität ist da nötig, wie kann gegenseitiges Vertrauen gefördert werden und auch eine Kultur der Delegation?
Die Fragen um die Unterstellung oder um die Anstellungsbehörde wurden ebenfalls angesprochen, wie auch der Streit um die Oberhand auf einem Wissensgebiet. Wissen sei auch Macht, unvollständiges Informieren auch eine Form von Machtmissbrauch.

Definitionen und Strukturen
Kann man alles nur mit Definitionen und Strukturen lösen?
Was soll überhaupt ein «Amt»? In der Confessio Augustana wird das Priestertum aller Getauften vorausgesetzt. Evangelisch versteht sich ein Amt als ein Dienst und ist nur funktional zu definieren. Wie es verschiedene Gaben gibt, gibt es unterschiedliche Befähigungen, und die Gestaltung dieser Dienste ist bloss ein «weltlich Ding», meinte Luther.
Die reformierte und schweizerische Tradition versteht die institutionelle Macht nur auf Zeit, begründet auf Konsens und Kommunikation. Dies allerdings eher seit dem 19. Jahrhundert und nicht schon seit den Ursprüngen der Reformation!
Da entstehen verschiedene Spannungen zwischen partnerschaftlicher Gemeindeleitung und unterschiedlichen Kompetenzen, auch infolge der Professionalisierung der Ämter. Da sollte man auch zwischen Berufswissen und Geheimwissen unterscheiden. Zwischen den Ämtern sei aber kaum eine klare Grenze zu ziehen. Permanente Grenzgänge zwischen den Ämtern seien angezeigt. Die Gemeinde lässt sich nicht theologiefrei leiten aber ebenfalls nicht ohne Verwaltungstätigkeit.
Vielleicht sei das Ganze nicht so sehr eine Frage der Strukturen, als vielmehr die Frage des Verwaltungsstils, war aus dem Welschland zu hören. Da fragt man sich, was «Leadership en Eglise», Kirchenleitung, bedeuten soll, im Vergleichen von profanen Leitungsmodellen. Denn Strukturen sind nie neutral und man solle viel mehr nach den Werten und Visionen, sowie nach dem Auftrag fragen.
Strukturen und Prozesse sollen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit fördern.

Austarieren der Macht
Die GEKE (Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa) hat die drei Dimensionen der Macht betont: synodal (in einer Beteiligungskirche liegt die Macht bei der Gemeinde), kollegial (Ergebnis eines Diskurses, ohne Machtmonopol; weder bei der Kirchenpflege noch bei der Pfarrschaft… noch bei den Kirchenmusikern wurde geschmunzelt). Letztendlich sei die Macht auch «personal» zu üben, in der letztendlichen Verantwortung des Individuums, das dem eigenen Gewissen folgen solle…
Nun sei eine solche Haltung sehr anspruchsvoll und fordere viel Zeit.
Soll da zwischen strategisch und operativ unterschieden werden? Wie sind Teamleiter zu verstehen, sollen sie das Kollegium Gleichgestellter nicht einfach präsidieren? Soll eine Kirchgemeinde zentralverwaltet werden oder nicht eher polyzentrisch?
In einer Vertrauenskultur stellt sich die Frage des Delegierens anders, und ohne graue Eminenzen. Fragen der Sozialkompetenz werden aber da akut.

Wie geht es weiter?
Bis Anfang Januar will das breitabgestützte Organisationskomitee auf Rückmeldungen der Beteiligten warten. Rückmeldungen und Initiativen der verschiedenen Berufsgruppen werden ebenfalls erwartet. Über die Sprachgrenzen hinaus wollen die Pfarrausbildner ihre Kräfte zusammenspannen. Und Vertreter der verschiedenen Berufsgruppen wollen Schritte aufeinander machen. Regionale Tagungen dieser Art werden ebenfalls in Betracht bezogen.

Erste Schritte sind also gemacht. Weitere werden hoffentlich folgen.

Diese Tagung wurde vom Vorstand des SRPV initiiert in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kirchentwicklung. Ein besonderer Dank gilt dem Vorstandsmitglied Werner Näf, der diese Themen seit Jahren bearbeitet.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 23.11.2018    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch