ZH: Meine Gedanken am Feierabend

IP-3-2018-Andreas-Weber<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>2904</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Vorbei sind die Jubiläumsfeierlichkeiten unseres Vereins. An unserer Mitgliederversammlung im Juli bin ich aus dem Vorstand zurückgetreten. Das Engagement für den Pfarrverein hat mich Feierabende gekostet und mir dafür manche trockene Materie mit Diskussionen und Begegnungen belebt, über die Kantonsgrenzen hinaus. So kreisen meine Gedanken lose wie am Feierabend, um dem nächsten Tag Platz zu machen.
Andreas Weber
Predigtslam als Jubiläumsfeier
Der Pfarrverein des Kantons Zürich ist in diesem Jahr 250-jährige geworden. Nach Musical, Kinospot, Flashmob und Tagung war ein Predigtslam am 8. Juni der Schlusspunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten. Das Wettreden von Wortakrobaten und Alltagsverdichterinnen um eine Flasche Whisky, anstelle von Grussworten und Wein in Geschenkpapier, war bezeichnend für die erklärte Absicht, das Jubiläum miteinander zu feiern. Am Schluss haben wir getanzt. Das tat sehr gut. Der seit fünf Jahren laufende Reformprozess unter dem Namen Kirchgemeindeplus hat bislang mehr ermüdet als belebt. Es gab mir zu denken, dass eine grosse Kinobetreiberin nicht bereit war, unseren Spot zu zeigen (zu sehen auf youtube, unter «Pfarrverein Zürich»). Unser Beruf, demokratisch legitimiert innerhalb einer Körperschaft öffentlichen Rechts, stösst auf Misstrauen. Schwindendes Vertrauen ist ein wunder Punkt, zu welchem unsere Tagung «Wissen ohne Vertrauen?» den Horizont über die Theologie, Medien und Naturwissenschaft ausweitete. Nicht nur Gott, sondern auch den Klimawandel als Gegenstand einer Glaubensfrage begreifen zu müssen, sehe ich auch als Chance, dass Glaubensfragen aus dem Exil im Privatleben wieder vermehrt an die Öffentlichkeit kommen. Vorerst bleibt die vernünftige und angstfreie Diskussion über Gott und die Welt das Wunder vom Feierabend.

Kirche im Reformprozess
Über Gott und die Welt wurde im Reformprozess Kirchgemeindeplus zu wenig gestritten. Zu Beginn 2013 hat der Pfarrverein dazu ein Podium organisiert. Die Kirchenleitung nannte lebendige Gemeinden als Ziel. Es ist eine Strukturreform daraus geworden. Grössere Kirchgemeinden mit wenigstens 5‘000 Mitgliedern sieht der Kirchenrat als wirksamstes Mittel, um besser Kirche zu sein. Wieso kantonsweit nur dieses Organisationsmodell angestrebt werden soll, da fehlen mir bis heute die Argumente. Für Dörfer ist es weit weniger geeignet als für Städte. Wo Argumente fehlen, wird Druck gemacht. Der Regulierungsgrad nimmt zu. Vorschrift statt Vertrauen, für die Kirche ist diese Entwicklung ein Fehler. Klar ist es leichter, Inhalte zu fordern als beizutragen. Verschiedene haben es versucht. Im April ist daraus ein neuer Verein entstanden zum Zweck der theologischen Debatte über Gemeindeentwicklung. Das spricht für sich. Während meiner Zeit im Vorstand wurde der Pfarrverein zwar zu Vernehmlassungen eingeladen und auch zum Gespräch empfangen, wenn wir darum baten. Gefragt, oder gar in eine Arbeitsgruppe geholt, wurden wir nicht. Die 10 Thesen, die wir u.a. an Synode und Kirchenrat verschickt hatten, stiessen auf gutes Echo, und damit hatte es sich. Die Vernehmlassung zum Prozess, die der Kirchenrat auf Geheiss der Synode machen musste, war eine Farce. Rückblickend frage ich mich, wieso da kein fruchtbareres Miteinander entstanden ist. Die Feierabendarbeit eines Vorstands hat allerdings Grenzen.

Pfarramt im Kanton Zürich
Ich bin einer von 230 Pfarrern und 140 Pfarrerinnen in einer der rund 170 Kirchgemeinden im Kanton Zürich. Dazu kommen noch rund 80 Pfarrerinnen und Pfarrer in Institutionen. In den Gemeinden legitimieren Ordination und Wahl unser Amt und unsere Freiheit im Dienst, doch der Rechtfertigungsdruck nimmt zu. Etwas mehr als 200 von uns sind zu 100% angestellt, die Mehrheit von uns ist also der Frage ausgesetzt, wie sie den Pfarrberuf in Teilzeit erfüllen. Eine gute Antwort ist mir nicht gelungen. Nach meinen ersten zwei Berufsjahren in Teilzeit habe ich vor zehn Jahren in ein Vollzeit-Einzelpfarramt in eine Gemeinde mit 1850 Mitgliedern gewechselt. Damit verkörpere ich nach Ansichten unseres Kirchenrats eine nicht mehr zeitgemässe Gestalt unseres Berufs. Ich bin entsprechend beeinträchtigt. Die Pfarrstellenzuteilung ist der umstrittenste Punkt in der teilrevidierten Kirchenordnung, über die im September abgestimmt wird. Kleinstgemeinden erhalten eine 50% Pfarrstelle zugesichert, Gemeinden mit weniger als 2000 Mitgliedern werden benachteiligt, grössere begünstigt. Angenommen, Fusionen führten zu lebendigeren Gemeinden, wieso braucht es dann diesen Druck?

Der nächste Tag
Am 27. Oktober 1910 versammelte sich der Pfarrverein Zürich (damals noch Asketische Gesellschaft) zu einem Vortrag zum Thema: Der Pfarrer jetzt. Der Aktuar protokollierte: «Da sah man, wie die […] Frage aufkam: Sind die Pfarrer noch notwendig, […], von verschiedenen Seiten mit Nein beantwortet wurde. Alles hat die Stellung des Pfarrers verändert und erschwert seine Wirksamkeit ungemein.» Der Blick zurück gibt mir Gelassenheit für den nächsten Tag.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 07.09.2018    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch