NE: Reorganisationen 2003–2018

IP-3-2018-Karin-Phildius<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>2906</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Karin Phildius analysiert persönlich und kritisch die Reorganisationen der evangelisch-reformierten Neuenburger Kirche (EREN) zwischen 2003 und 2018. Sie war Gemeindepfarrerin in La Chaux-de-Fonds (1997–2008) und Hautes-Joux (2009–2016). Ab 2016 war sie für die Abdankungen in La Chaux-de-Fonds und Hautes-Joux zuständig und betreute die Altersheime im Val-de-Travers (je eine halbe Stelle). Sie war Vorstandsmitglied des Neuenburger Pfarrvereins (1999–2007) und Synodale (2001–2006 und 2009–2017).
Karin Phildius
Historischer Abriss
Seit den 1970er Jahren erlebt die EREN eine langsame Erosion der aktiv in den Kirchgemeinden tätigen Mitglieder sowie jener, die Kirchensteuer entrichten, und muss deshalb ihre Strukturen verschlanken und Prioritäten neu setzen. Zehn Jahre intensive Verhandlungen auf allen Ebenen zwischen März 1992 und April 2003 führen zur Reorganisation der EREN. 2003 werden aus ehemals 53 Kirchgemeinden deren zwölf. Doch dies ist nur der Anfang! Die EREN wird zur Dauerbaustelle. Ihre Umrisse klären sich noch, die neuen Abläufe müssen sich erst konsolidieren, und schon kommt der wirtschaftliche Einbruch 2008. Ein grosses Unternehmen lässt ab Oktober 2010 seine finanzielle Unterstützung auslaufen (Budgetreduktion um 1 Million), die Einnahmen gehen weiter zurück, parallel dazu die Anzahl Stellen: von 79 auf 52 Vollzeitstellen zwischen 2006 und 2009 und auf rund 47 im Jahr 2017 bei einem Budget von 6,5 Millionen Franken. Der Druck sowohl auf die Kirchenmitglieder als auch auf den Kirchgemeinderat (KGR), die Vertretung der Festangestellten (Pfarrpersonen und ausgebildete Laien) und den Synodalrat (SR) ist gewaltig. Wie baut man verlässliche Strukturen auf solch unzuverlässigem Grund?

Kirchenführung und Modernität
In diesen turbulenten Jahren löst eine Führungsmannschaft die andere ab; unter dem Vorsitz von Gabriel Bader leistet der SR zwischen 2006 und 2012 viel Konsolidierungsarbeit. Auf kantonaler Ebene entstehen neue Projekte: Seelsorge unter Asylbewerbern (Req’EREN), Gesprächsgruppe für Trauernde, eine Stelle zur Förderung der Freiwilligenarbeit als Reaktion auf die älter werdenden Freiwilligen und zur Aufwertung dieser Art von Engagement in der Kirche. Ohne die Solidarität der Deutschschweizer Reformierten wären diese Projekte nie zustande gekommen. Um die Aufgaben in den Kirchgemeinden besser schultern zu können, werden neue Werkzeuge zur Verfügung gestellt (Rollenporträt der Kirchgemeinden, Aktualisierung der Festangestelltenrollen, Beurteilungsprozesse, Projektbeschriebe usw.). Leider entfremden sich die Basis und der SR. Ein belastbares, mit modernen Organisations-, Projektleitungs- und Führungstools beschlagenes Team wirft praktisch in corpore das Handtuch. Das 2013 neu zusammengesetzte und von Pfarrer Christian Miaz geleitete SR-Team führt das Werk der Vorgänger fort, so dass eine ihrer Zeit entsprechende «bewegliche, frohe und dynamische» Kirche entstehen kann. Das Projekt EREN 2023 hält die Kirchenmitglieder dazu an, den Wandel weiter mitzutragen. Es fragt danach, was die Kirche heute daran hindert, ihrem Auftrag gerecht zu werden, also insbesondere nach den Führungsstrukturen innerhalb der Kirchgemeinde.

Beispiel der Kirchgemeinde La Chaux-de-Fonds
Von 1999 bis 2009 war ich Pfarrerin in der Kirchgemeinde «La Chaux-de-Fonds» und habe da den Reorganisationsprozess miterlebt. Vor 2003 hatten wir acht Kirchgemeinden, einen Regionalrat und einen Kirchenrat. 2003 wurde daraus die Grosskirchgemeinde «La Chaux-de-Fonds» mit acht Gruppen von Lebensorten (entsprechend den früheren Kirchgemeinden, wovon drei auf dem Land) und acht Aktivitätsbereichen (im Sinne von Ressorts). Der neue KGR, bestehend aus 15 Mitgliedern, reduzierte sich aufgrund der immer schwierigeren Suche nach motivierten, verfügbaren und kompetenten Freiwilligen schrittweise auf vier bis fünf Mitglieder. Die neue Organisation erwies sich allerdings als schwerfälliger als erwartet, weil die oft ungenügend festgelegten und ständig ändernden Rahmenbedingungen Machtkämpfe förderten. Stetige Wechsel unter den Pfarrpersonen erleichterten die Sache auch nicht. 2003 verfügte die Kirchgemeinde über 10,5 Vollzeitstellen. Heute, 2018, sind es nur noch 4,5 Vollzeitstellen. Als die Organisation EREN 2003 zwischen 2002 und 2009 umgesetzt wurde, verliessen dreizehn Pfarrpersonen die Kirchgemeinde, sechs kamen neu dazu. In der Folge wechselte die Zusammensetzung des Pfarrteams fortlaufend, so dass mehrmals Berater beigezogen werden mussten, um die Zusammenarbeit zu verbessern.

Wie werden wir zu einer Kirche von Zeugen?
Heute stehen wir in La Chaux-de-Fonds, aber auch in anderen Kirchgemeinden vor grossen Herausforderungen. Sind wir ihnen gewachsen? Vermögen wir aus den Fehlern und Unterlassungen der letzten fünfzehn Jahre zu lernen? Um zu einer Kirche von Zeugen zu werden, wozu uns das unlängst verfasste Dokument «In den Evangelisierungsmodus wechseln» einlädt, müssen wir in einem klaren, Sicherheit und Wertschätzung vermittelnden Rahmen arbeiten können. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zuzuhören, unsere Verschiedenartigkeit zu respektieren und mit Freude zusammenzuarbeiten. Wir müssen die Ideen, Einwände, Berichte und Auseinandersetzungen der vergangenen fünfzehn Jahre ernst nehmen. Wir müssen unsere Eigenheiten und persönlichen Vorlieben zurückstecken und uns dafür entscheiden, uns in den Dienst einer gemeinsamen, in synodalen Beschlüssen festgehaltenen Vision zu stellen. Und vielleicht müssen wir vor allem ein wenig abheben und unserer Nabelschau ein Ende setzen, uns von innen heraus verändern lassen, vom Geist von oben.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 07.09.2018    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch