Zum Umgang mit Religion in der Entwicklungszusammenarbeit

IP-1-2018-Anne-Marie-Holenstein<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>2645</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Im aktuellen Umfeld wird wohl niemand mehr die Bedeutung religiöser und kultureller Faktoren in gesellschaftspolitischen Prozessen bestreiten. Religionen sind Quellen von Welt- und Lebensbildern; sie sind Faktoren von Kohäsion und Polarisierung und damit gesellschaftliche Gestaltungskräfte. „Religion matters!“
Anne-Marie Holenstein
Bis zur Akzeptanz dieser Tatsache hat die Entwicklungszusammenarbeit einen langen Weg zurückgelegt. Sie musste die Tabuisierungen religiöser Faktoren überwinden, die ihr der Soziologe Alan Verbeek im Jahr 2000 nachwies. Gründe dafür waren die Stufentheorien der Soziologie im 20. Jahrhundert, wonach Religion durch Modernisierung obsolet würde, sowie die säkulare Sozialisation des Personals europäischer Entwicklungsorganisationen mit ihrem wachsenden religiösen Analphabetismus.
In der Schweiz haben Hilfswerke und DEZA in intensiven Reflexionsprozessen seit 2003 an diesen Defiziten gearbeitet. Säkulare Organisationen, sogenannten FBO (Faith based organisations) und Mitarbeitende der DEZA waren unterschiedslos zur Beteiligung eingeladen.

Akzeptanz und Umgang mit Ambivalenz
Zentral war in dieser praxisorientierten Auseinandersetzung die menschliche Ambivalenz im Umgang mit Religion. Als politische und gesellschaftliche Gestaltungskräfte sind Religionen mit ihrer Doktrin, mit ihrem Einfluss auf ihre Anhängerschaft und ihren oft beträchtlichen finanziellen und personellen Ressourcen Kräfte von Kohäsion und Polarisierung, denn Religion läuft Gefahr, für politische und ideologische Ziele instrumentalisiert werden.
Die Entwicklungszusammenarbeit muss die religiösen Kräfte von Kohäsion und Polarisierung in allen Tätigkeitsbereichen wahrnehmen und ihre Handlungsoptionen klären. Das erfordert interkulturelle Kompetenz auf institutioneller, operationeller und personeller Ebene.
Die aktuellen pauschalen Diskriminierungen des Islam als „kriegerische, jeder Aufklärung entbehrender Religion“ gegenüber ebenso fragwürdigen Glorifizierungen - wie zum Beispiel des “friedfertigen Buddhismus“ - belegt, wie wichtig es ist, die grundsätzliche Ambivalenz des Menschen im Umgang mit religiösen Überzeugungen ernst zu nehmen und jeder Form von Essentialismus und Instrumentalisierung entgegenzutreten – nicht nur in der Entwicklungszusammenarbeit, sondern gerade auch im eigenen eidgenössischen Umfeld.

Kultursensible Kontextanalysen
Es kann nicht genug betont werden: Kulturen und Religionen sind keine essentialistischen Gegebenheiten. Sie sind immer Teil des soziokulturellen Gefüges vor Ort mit den drei Ebenen von Sinngebung, Lebensweisen und Alltagskultur und den sozialen und politischen Grundwerten des politischen Zusammenlebens. Das bedeutet, dass Religionen nicht als isolierter Faktor oder autarke Grösse analysiert werden sollten. Ihre positive oder negative Relevanz kann nur durch ein ganzheitliches Verständnis ihrer Interaktion mit soziokulturellen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren im jeweiligen Kontext erschlossen werden.

Erfahrungen der Entwicklungszusammenarbeit
Die Entwicklungszusammenarbeit hat für diese Kontextanalysen eine Wahrnehmungs-, Sprach- und Deutungskultur entwickelt, die von bewährten Methoden unterstützt wird. Sie helfen, neben anderen entwicklungsrelevanten Faktoren auch die Fragen nach Potentialen und Risiken religiöser Faktoren in einem gegebenen Umfeld zu beantworten, und sie sind Orientierungshilfen, wenn Religion für Machtpolitik instrumentalisiert wird.
Bewährt haben sich zum Beispiel die Methoden des „Do no Harm“ mit dem zentralen Konzept von „Connectors and Dividers“. Damit werden in mehreren Analyseschritten verbindende lokale Kapazitäten für Friedens- und Entwicklungsarbeit sowie die trennenden Faktoren und deren Ursachen identifiziert, die Spannungen verschärfen.

Faith Literacy als professionelle Kompetenz
Neben religiösem Grundwissen, das zur Allgemeinbildung gehört, sollte das Personal der Entwicklungszusammenarbeit über die Kompetenz verfügen, kultursensibel die religiös-spirituellen Vorstellungen und religiöse Machtfaktoren in den jeweiligen Tätigkeitsbereichen wahrzunehmen, insbesondere auch die religiösen Einflüsse im Alltag der Bevölkerung und im sogenannten „Volksglauben“. „Faith Literacy“ kann gerade auch in eher technisch ausgerichteten Entwicklungprogrammen wie Wasser, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit wichtig sein.
Beim Erwerb von Faith Literacy geht es um die Einsicht, dass die individuelle Wahrnehmung soziokulturell-religiöser Phänomene durch persönliche „cognitive maps“ beeinflusst ist. Mentale Wahrnehmungsfilter und Vorurteile müssen durch eine reflexive Haltung zur eigenen soziokulturellen und religiösen, respektive religionsdistanzierten Sozialisation abgebaut werden.
Es wäre spannend, Erfahrungen aus der Entwicklungszusammenarbeit auf aktuelle Spannungsfelder in der schweizerischen Politik anzuwenden.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 09.03.2018    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch