Die Kirche und das Recht

IP-1-2018-Jean-Eric-Bertholet<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>2647</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Anfang 2017 publizierte der bernische Kirchenjurist Christian Tappenbeck bei TVZ eine Einführung in das evangelische Kirchenrecht reformierter Prägung [1].
Mit Präzision, detailliert, differenziert und mit vornehmer Zurückhaltung verschafft der Doktor beider Rechte einen eindrücklichen Überblick über dieses ganze schweizerische Kirchenrecht. Hier einige Perlen und Denkanstösse zur Lösung noch anstehender Fragen.
Jean-Eric Bertholet
Bei aller Akribie ist Tappenbeck sich durchaus des Dienstcharakters des Kirchenrechts bewusst, dessen Geltung in diesem Sinne relativ ist, was dazu führen sollte, dass sich «kirchenrechtsgestaltende Kirchenleute nicht allzu wichtig nehmen dürfen» (S.23).
Dennoch, wie schon der Apostel Paulus sagte, sei Gott «nicht ein Gott der Unordnung sondern des Friedens». Die Rechtsordnungen der Kirchen sollen deshalb «dem Aufbau der christlichen Gemeinschaft dienen, sowie die Zusammenarbeit und das Vertrauen unter den einzelnen Christinnen und Christen fördern» (S.21).
Die Gestalt der Kirche müsse sich daran messen lassen, ob und inwiefern sie dem Auftrag zur Verkündigung dient, sagte Zeindler im Geleitwort (S.11). Die kirchliche Ordnung habe eine Liebesordnung zu sein, die auf der Grundlage biblischer Weisungen Zeugnis von der ‘bruderschaftlichen Christokratie’ abgeben müsse, schreibt Tappenbeck weiter, weswegen das Kirchenrecht gegenüber dem staatlichen Recht eine eigene Qualität aufweise, weil es entscheidend von der geistlichen Wirklichkeit der Kirche her bestimmt sei (S.25). (S. auch die vielen staatlichen Bestimmungen, die sinngemäss von den Kirchen in verschiedenen Verordnungen übernommen werden.)

Leitung
Dass sich nicht alles ohne Weiteres von der säkularen Welt übernehmen lässt, zeigt Tappenbeck auch bei der Frage der Leitung. Was ist geistliche Leitung, was ist administrative Führung? Häufig sind sie ineinander verquickt. Weil eine starre Aufgliederung in abgegrenzte Zuständigkeitsbereiche kaum gelingt, sei die gemeinsame Verantwortung gefragt (S. 119).
(Leider) macht die Distanzierung vom kirchlichen Aktivleben auch vor dem Kirchgemeinderat (vor der Kirchenpflege) nicht immer Halt. «Das Haupt der Kirche ist allein der in ihr gegenwärtige Jesus Christus, und am Amt seiner Kirche wirken alle Glieder in verbindlicher Konziliarität mit. Auch eine ‘Weisungsbefugnis’ des Kirchgemeinderates gegenüber Pfarrpersonen und weiteren Mitarbeitenden lässt sich also nur in kirchenadäquater Weise umsetzen und bedarf deshalb der Begrenzung», fährt Tappenbeck fort (S. 123 f). Nicht eine Aufsichts- oder Weisungsbefugnis sollte daher im Vordergrund stehen, sondern der Dialog (S.123).

Volkskirche und Landeskirche
Das Kirchenverständnis steht zwischen den Polen eines dem gesamten Volk offenstehenden ‘Dienstleistungsbetriebs’ und einer die Gemeinschaft und verbindliche Beteiligung ihrer Mitglieder betonenden Organisation. Denn die evangelisch-reformierten Kirchen, die sich traditionell als Volkskirchen verstanden haben, werden soziologisch betrachtet zunehmend zu Minderheitskirchen (S. 122). Die Volkskirchen verstehen sich im Dienste der Bereitschaft, für alle da zu sein. Als ‘Teil des öffentlichen Lebens’ verfügen sie über privilegierte Möglichkeiten, in Kontakt ‘mit den politischen, sozialen und kulturellen Instanzen, Gremien und Kräften sowie der Wirtschaft’ zu treten, in typisch volkskirchlicher Hinwendung zu ‘allem Volk’. Interessant, Tappenbecks Unterscheidung zwischen dem landeskirchlichen Status, der vom Staat gewährt wird, und dem kirchlichen Selbstverständnis als Volkskirche.

Die vielen Ämter
Zwar differenzieren sich die kirchlichen Berufe mit der Zeit auch in der deutschen Schweiz, doch kennen die Kirchen der Romandie schon länger auch das ordinierte Amt der Diakonen. Wenn alle Glieder in verbindlicher Konziliarität an der Leitung der Kirche mitwirken (S. 124), wer soll dann ordiniert werden (s. 136)? Tappenbeck greift weit zurück auf die Zeit der Reformation, mit Luther, Zwingli… und Calvin (S.131), mit verschiedenen Streiflichtern auf die Ämterfrage (S. 132 ff).
Die Beziehung zum Staat wird an vielen Orten besprochen (auch in der Bejahung des religiös neutralen Staates); die Beziehung zur Gesellschaft (S. 140), zur Bevölkerung (S. 141), eine Kirche der Partizipation (S. 143), und eine Volkskirche als Verhältnisbestimmung der Offenheit (S. 144).
Das umfassend informierte Buch von Tappenbeck regt zu manchen Überlegungen an, in juristischer Klarheit und ansprechender Lebensnähe. Ob man wie Matthias Zeindler vom ‘Evangelium in rechtlicher Gestalt’ sprechen soll, bleibe noch offen. Die theologische Diskussion hat Tappenbeck übrigens auch aufgenommen, zwischen einer grundsätzlichen Ablehnung des Rechtes und dem Dienstcharakter des Kirchenrechts. Er beleuchtet das Recht auf den verschiedenen Ebenen von Kirchgemeinden, Kantonalkirchen, KIKO und CER[2] bis zum Kirchenbund, und gibt einen breiten Überblick der ‘Regelungsmaterien’, vom Gottesdienst bis zum Wächteramt der Kirche über alle Bereiche des kirchlichen Lebens und des kirchlichen Zeugnisses (S. 55 - 115).
Das Buch sei also hier zum Weiterdenken empfohlen.

-------
[1] Christian R. Tappenbeck, «Das evangelisch Kirchenrecht reformierter Prägung, eine Einführung», TVZ, Zürich 2017, 187 S. mit einem Geleitwort von Matthias Zeindler und 17 Seiten grundlegender Bibliographie. Das Buch berücksichtigt ebenfalls die Kirchen der Romandie.
[2] KIKO: Deutschschweizerische Kirchenkonferenz; CER: Conférence des Eglises Réformées de Suisse Romande.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 09.03.2018    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch