BE: Haus der Religionen – Dialog der Kulturen

IP-4-2017-albert-rieger<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>2552</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Vor drei Jahren hat das Haus der Religionen am neuen Standort am Europaplatz in Bern seine Arbeit aufgenommen. Acht Religionsgemeinschaften praktizieren seither unter einem Dach den interreligiösen und interkulturellen Dialog im Alltag. In der Öffentlichkeit stösst dieses Gemeinschaftsprojekt auf ein erstaunliches Echo und Interesse: Zahlreiche Besucherinnen und Besucher haben in den drei Jahren am vielfältigen Angebot für Begegnungen und Veranstaltungen partizipiert.
Albert Rieger
„Unser Haus ist ein Geschenk der Himmels“ frohlockte der Priester des Hindutempels am Eröffnungsfest für das Haus der Religionen. Man kann das bekräftigen, sollte jedoch gleich hinzufügen: Aber es ist nicht vom Himmel gefallen. Fast zwanzig Jahre lang haben viele Menschen daran gearbeitet, dass eine anfängliche Vision Wirklichkeit werden konnte. In mehreren provisorischen Standorten in der Stadt Bern erprobten die Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften das Zusammenleben und den Dialog. Daraus ist ein breites Netz von Freiwilligen entstanden, das die wichtigste Basis der Erfolgsgeschichte des Hauses der Religionen bildet: Eine Bewegung, die von unten gewachsen ist, aufbauend auf gemeinsamen Erfahrungen und persönlichen Freundschaften. Und nur so konnte auch der Funke überspringen zu den vielen andern, die zur Realisierung des konkreten Hauses ideell und finanziell beigetragen haben: Architekten, Bauleute, Stiftungen und Sponsoren, politische Behörden und Organisationen der Zivilgesellschaft.

Konvivenz und Differenz
Das Haus der Religionen will zuerst und vor allem ein Ort der Gastfreundschaft sein. Diese soll in der Beziehung der Religionen untereinander spürbar werden wie auch in der Offenheit zur Gesellschaft nach aussen, gegenüber Interessierten, Suchenden und Skeptikern. Dazu gehören ganz praktische und sinnliche Erfahrungen, wie zusammen Kochen, Essen, Feste feiern, Freizeitgestaltungen für Familien und Kinder. Gastfreundschaft ist aber mehr als nur nettes Zusammensein. Gerade in Situationen politischer und religiöser Spannungen kann Gastfreundschaft Mut und Risiko erfordern, vor allem denen gegenüber, mit denen wir uneins sind. Gastfreundschaft, Konvivenz, schliesst deshalb die Differenz nicht aus. Die Bereitschaft, andere in ihrem Anderssein zu akzeptieren, ist gerade ein Markenzeichen wirklicher Gastfreundschaft.

Interreligiöses Kompetenzzentrum
Politikern, Wirtschaftsleuten, Medien, Behörden, Erziehungsverantwortlichen ist die Kernkompetenz im Umgang mit Religion heute weitgehend abhanden gekommen. Alle diese gesellschaftlichen Akteure können im Haus der Religionen die notwendigen Kompetenzen finden und abrufen. Neben dem regelmässigen Angebot für Führungen wurde dafür ein differenziertes Konzept von Workshops entwickelt, in denen vertieft religiöse Themen aus den betreffenden beruflichen Umfeldern behandelt werden. Gegenwärtig stossen vor allem die Angebote für den Schul- und Bildungsbereich und für den Pflegebereich in den Spitälern auf reges Interesse.

Mediation, Friedens- und Konfliktarbeit
Schon vor einigen Jahren hat der Verein Haus der Religionen ein einmaliges Projekt im Bereich der Mediation initiieren können. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Sozialarbeit werden vor allem jugendliche Mitglieder aus allen Religionsgemeinschaften in einem zweijährigen Ausbildungskurs für die Mediations- und Konfliktarbeit in der Berufswelt, in der Quartierarbeit und in Schulen vorbereitet. In diesen Kursen, die inzwischen schon mehrmals durchgeführt wurden, werden den Teilnehmenden Fähigkeiten vermittelt, die die interkulturelle Kommunikation und das interreligiöse Lernen fördern sollen. Vor allem im Schulbereich, so hat sich gezeigt, ist Mediationsarbeit in sensiblen Konfliktfeldern dringlich (Sportunterricht, Sexualkunde, Klassenlager u.a.).

Theologie und Spiritualität
Viele der erwähnten Erfahrungen und Aktivitäten sind Bestandteile eines „Dialog des Lebens“, der den Alltag des interreligiösen Zusammenlebens prägt. Das Herz des Dialogs schlägt aber vor allem dort, wo sich die Religionen mit ihren theologischen und spirituellen Quellen auseinander setzen. Die Religionen sind Erinnerungs- und Weisheitsschätze der Menschheit. Sie enthalten Geschichten und Bilder, deren ständige Erinnerung für das Leben des Einzelnen und für das Leben der Gesellschaft unerlässlich ist.
Es geht also um konkrete Arbeit an den Quellen und Texten der eigenen Religion und – dazu fordert das Haus der Religionen heraus – an den Quellen und Texten der jeweils anderen Religionen. Wo liegen die Gemeinsamkeiten und Schnittstellen, wo die Differenzen und Konfliktpunkte? Wie kann das friedensfördernde Potential der Religionen geweckt und gestärkt werden, ohne das ebenso vorhandene Gewaltpotential zu leugnen? Solche Fragen stehen im Zentrum der gegenwärtigen Dialoge und Diskurse im Haus der Religionen. Und eine neue, spannende und spannungsvolle Dialogerfahrung kommt in jüngster Zeit dazu: Der inter-religiöse Dialog führt mancherorts zum einem inner-religiösen Dialog in den verschiedenen Glaubensgemeinschaften. In diesem Dialog sind alle Religionen herausgefordert, sich offen, selbstkritisch und konstruktiv mit Differenzen und Spaltungen im eigenen Bereich auseinander zu setzen.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 24.11.2017    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch