Geist und Verwaltung

IP-1-2017-Werner-Naef<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>2468</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Der Geist nimmt ab, Strukturen wachsen. Im reformierten Umbau ändert die Führung. Der Raum für die ordinierten Dienste wird klein: eine Analyse mit (Selbst)kritik und Lösungsansätzen ist nötig. Herausgefordert sind Kirchenleitungen, Restrukturierungs-Projektgruppen, theologische Fakultäten und Ausbildungsstätten, Personalführung und -entwicklung sowie die ordinierten Dienste und ihre Organisationen selbst.
Werner Näf
Hämmern wir die pastoral-ketzerischen Fragen mitten ins Umbaugetöse, denn es ist laut bei den Schweizer Reformierten:
Zerstören die Pfarrpersonen ihren eigenen Auftrag mit dem was sie tun und darstellen?
Erdrückt die wachsende Kirchenverwaltung den Heiligen Geist?
Macht die zentralisierte Personalabteilung das Pfarramt kaputt?
Wie gross darf der Schaden sein, den unbedarfte Laiengremien anrichten?
Entweicht die Theologie, weil Regieren und Sparen wichtiger sind als Predigen?
Verliert die Kirche ihre Seele und verdient es, kleiner und älter zu werden?
(...)
Neben der Selbstkritik ist aber klar, dass der grosse Umbau die Pfarrpersonen, die ordinierten Dienste bedrängt und ihren Auftrag einmauert. Auch wenn der Auftrag wichtiger ist als die Stellung, muss doch die Frage aufgeworfen werden, ob den Pfarrpersonen nicht ein falscher Platz zugewiesen wird in den neuen Kirchenstrukturen. Oder anders gefragt: haben wir bald eine theologielose Gemeindeleitung?

Zwei drängende Hauptfragen plagen:
A. Wie verändert die Professionalisierung der Verwaltung die Gemeindeleitung?
B. Wie werden die ordinierten Dienste in Grosstrukturen und Kantonalkirchen geführt? Konkrete Vorschläge lesen Sie jeweils am Schluss der Hauptteile.
(...)

Pfarrpersonen als Objekt der Human Resources
Die ordinierten Dienste werden in Grosstrukturen zu manövrierbarer Masse – die Gefahr jedenfalls besteht. Wie werden Pfarrpersonen geführt? Zuerst einige Grundüberlegungen zu «Leadership».

1. Führen und geführt werden
Leadership ist eine Schwäche der aktuellen Pfarrschaft im Allgemeinen: Sei es fehlende Teamfähigkeit von Einzelkämpfern oder unbändiger Freiheitsdrang einerseits, der Unwille andererseits, selbst Führung und Verantwortung zu übernehmen. Das Kompetenzstrukturmodell der Pfarrausbildung verlangt: «Der/Die Pfarrer/-in ist bereit, je nach Situation Führung zu übernehmen oder sich führen zu lassen.» Da haben wir als ganze Pfarrschaft Verbesserungspotential in beiden Bereichen.
Sich führen lassen ist bedeutend einfacher, wenn die Führung versteht, was der Auftrag einer Pfarrperson ist. Wer führt künftig in Grosstrukturen die Pfarrpersonen? Die Behörde wird es eher nicht sein, sie wird sich auf die strategische Ebene zurückziehen.
Die Personalabteilung wird bei der grossen Anzahl der Angestellten eine immer wichtigere Rolle einnehmen. Die Versuchung ist gross, einen professionellen Human Resources Manager an die Spitze zu stellen, der alle führt. Die ordinierten Dienste müssen aber eine besonders ausgebildete Führung haben. Pfarr- und Diakonatspersonen sind nicht «normale Angestellte».

2. Grosstrukturen: Leitende Pfarrerin, leitender Pfarrer
Wir Pfarrerinnen und Pfarrer müssen den heiligsten aller Grundsätze aufgeben: «inter pares»: kein Pfarrer darf sich über die anderen erheben. Wenn wir in Grosstrukturen eine adäquate Führung haben wollen, müssen wir akzeptieren, dass einer von uns Führungsfunktionen übernimmt, die über reine Teamleiter-Aufgaben hinausgehen. In einer funktionalen und kontrollierten Hierarchie sollte eine geschäftsleitende Theologin mit Spezialausbildung die Führung der ordinierten Dienste in Grosstrukturen gewählt werden. Die demokratische Kontrolle erfolgt über die Wahl durch das Kollegium – gegebenenfalls zusammen mit der Behörde. Der geschäftsleitende Pfarrer ist ausgestattet mit definierten Weisungsbefugnissen und arbeitet vorzugsweise in einem Teilpensum ebenfalls im Pfarramt. Der funktionale Dienst der leitenden Pfarrerin in der Grossstruktur hat keinen bischöflichen Charakter, sie ist nicht geistlich aufgeladen. Sie baut die Brücke zwischen Theologie und Verwaltung.
In der englischsprachigen Kirchenwelt ist der «Senior Pastor» oder besser «Lead Pastor» längst bekannt. Zu ihm gesellt sich seit einigen Jahren der «Executive Pastor» mit etwas anderen Aufgaben. Für Grosstrukturen und Kantonalkirchen müssen wir wohl eine eigene Aufgabenbeschreibung für eine «geschäftsleitende Theologin» entwickeln: die Personalführung der ordinierten Dienste, die theologisch-geistliche Zielentwicklung der Gemeinde, die Qualitätsförderung der pastoralen Dienste, das Coaching und die Weiterbildung der ordinierten Teammitglieder. Eine starke Einbindung in die Gesamtleitung ist wichtig.

Exekutive Gemeindeleitung
Je nach Situation kann eine exekutive Gemeindeleitung, bestehend aus Präsidentin der Behörde, geschäftsführendem Theologen und «Kirchenadministratorin», einen sinnvollen exekutiven Leitungsausschuss einer Grossstruktur bilden: die drei prägenden Kräfte Behörde, Theologie und Ressourcen sitzen an einem Tisch.

Die fehlende Diskussion
Ich wundere mich immer noch: Wie ist es überhaupt möglich, dass Riesenkirchgemeinden entstehen oder Gemeindekonglomerate geplant werden, ohne dass die Führung der zentralen Berufsgruppe innerhalb der Organisation grundsätzlich reflektiert wird? Kirchen- und Projektleitungen stellen diese Frage nicht vertieft (jedenfalls ist mir nichts bekannt). Wenn die Pfarrschaft sich meldet, steht sie unter Verdacht, Machterhalt zu betreiben (vielleicht stimmt das sogar manchmal?). Die Sektion Bern des Pfarrvereins hat einen Think Tank gebildet, der die grundlegenden Fragen der aktuellen Situation durchdenkt. Gibt es das auch andernorts? Können gemischte Think Tanks gebildet werden (Kirchenleitungen, Pfarrvereine, Diakonatskapitel)?

In voller Länge kann er gelesen und diskutiert werden:
» www.pfarrverein.ch/geist-und-verwaltung
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 10.03.2017    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch