Reformprozess „KirchGemeindePlus“ im Kanton Zürich

IP-1-2017-Corsin-Baumann<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>pfarrverein.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>77</div><div class='bid' style='display:none;'>2465</div><div class='usr' style='display:none;'>380</div>

Das Hauptthema, das gegenwärtig die Zürcher Kirche beschäftigt, ist - abgesehen vom Reformationsjubiläum - der Reformprozess „KirchGemeindePlus“. Es geht dabei nicht nur um ein reines Sparprogramm, sondern um eine grundlegende Neustrukturierung der reformierten Zürcher Kirche. Mehrere Ziele sollen gleichzeitig realisiert werden.
Corsin Baumann
Möglich machen soll dies nach dem Willen des Kirchenrates eine starke Reduzierung der Zahl der Kirchgemeinden. An die Stelle von vielen kleineren und mittleren Kirchgemeinden sollen ca. ein Dutzend grosse treten. Einzel- bzw. Dorfpfarrämter soll es nicht mehr geben. Dafür sollen neben den lokalen Kirchgemeinden vermehrt regionale „kirchliche Orte“ entstehen, ähnlich wie die sog. „fresh expressions“ in England. Was sich die Kirchenleitung davon verspricht, ist, dass so eine grössere Vielfalt von kirchlichen Aktivitäten möglich wird, wodurch insbesondere Menschen aus gesellschaftlichen Milieus angesprochen werden sollen, die bisher der Kirche skeptisch gegenüberstehen oder sie gar nicht wahrnehmen.
Gleichzeitig geht man davon aus, dass grössere Kirchgemeinden flexibler reagieren können, wenn finanzielle oder personelle Engpässe entstehen. Die Kirchgemeinden werden daher mit mehr oder weniger sanftem Druck angehalten, mit Nachbargemeinden zu fusionieren oder zumindest eine andere Form von verbindlicher Zusammenarbeit zu suchen.

Reformprozess und Pfarramt
Derart einschneidende Reformpläne betreffen auch uns als Pfarrschaft sehr direkt. Es geht nicht nur um die Zukunft des Pfarrberufs im Sinne des Berufsbildes, sondern auch darum, welche Bedeutung in der Kirche der Zukunft Theologie und Ethik bzw. die geistige Auseinandersetzung mit der biblischen Tradition haben sollen.
Der Vorstand des Zürcher Pfarrvereins hat deshalb eine Arbeitsgruppe gebildet, und diese hat 10 Thesen erarbeitet. Sie anerkennt darin die grundsätzliche Notwendigkeit, dass sich auch die Kirche den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen muss. Die Abnahme der Mitglieder und die zu erwartenden finanziellen Einbussen (die Zürcher Kirche ist sehr stark abhängig von den Kirchensteuern der juristischen Personen) sind Tatsachen, die sich nicht bestreiten lassen. Ob allerdings die flächendeckende Fusion von kleineren und mittleren Kirchgemeinden zu Grossgemeinden der richtige Weg ist, ist für die Arbeitsgruppe nicht so eindeutig. Gerade in ländlichen Gebieten, die relativ dünn besiedelt und oft verkehrsmässig nicht sehr gut erschlossen sind, könnten die Nachteile von Grossgemeinden gegenüber den Vorteilen auch überwiegen. Auch der finanzielle Spareffekt ist umstritten. Insbesondere muss aber beachtet werden, dass mehr Vielfalt in Grossgemeinden zwangsläufig mit weniger Nähe verbunden ist - abgesehen vielleicht von ausgesprochenen Profilgemeinden, in denen eine neue Form von Nähe entstehen kann. Es muss daher sorgfältig abgewogen werden, welchem Wert – Vielfalt oder Nähe – man den Vorrang beimessen will. Nicht einzusehen ist in diesem Zusammenhang, warum es im ganzen Kanton nur eine Form von Zusammenarbeit geben soll.
Unbestritten ist, dass sehr kleine Kirchgemeinden (ich denke an solche, die weniger als 1000 Mitglieder haben), aus wirtschaftlichen Gründen aber auch aus Solidarität mit den grossen Agglomerations- und Stadtgemeinden ihre Selbständigkeit wohl mehrheitlich aufgeben müssen.

Reformierte Identität
Ein zentrales Anliegen ist es für den Pfarrverein, dass die reformierte Kirche nicht ausschliesslich zur professionell organisierten Anbieterin von sozialen und spirituellen Angeboten wird. Die geistige, intellektuell redliche, auch selbstkritische Auseinandersetzung mit der biblischen Offenbarung und der kirchlichen Tradition auf dem Hintergrund des aktuellen Standes der Diskussion in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, sowie das kritisch solidarische Wächteramt in der Gesellschaft müssen auch in Zukunft eine zentrale Bedeutung haben, wenn die reformierte Kirche sich selber treu bleiben will. Wir verstehen und schätzen unsere Kirche gerade darum, weil sie von der Schrift ausgeht, aber auch zum eigenen Denken auffordert. Die Bedeutung einer sich an der Wirtschaft orientierenden Leitung, einer professionalisierten Verwaltung und der bedürfnisorientierten Innovation dürfen nicht überschätzt werden.
Autor: Mark Haltmeier     Bereitgestellt: 09.03.2017     Besuche: 13 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch