Publiziert von: Mark Haltmeier
Bereitgestellt: 19.03.2012
Radikaler Monotheismus?
Der emeritierte Prof. für Neues Testament von der Universität Heidelberg Dr. Gerd Theissen hatte für die Bieler Tagung die folgenden Thesen redigiert, unter dem Titel „Die Eschatologie Jesu – Ausdruck eines radikalen Monotheismus?“. Sein vollständiger Vortrag „Die Eschatologie Jesu – Ausdruck eines radikalen Montoheismus“ ist auf www.pfarrverein.ch/tagung wiederzufinden
1. Die Verkündigung vom Gottesreich ist authentisch: sie ist in ihrem jüdischen Kontext individuell und in ihrer urchristlichen Wirkungsgeschichte ausgesprochen tendenzspröde
Sie erklärt sich aus ihrem jüdischen Kontext: „JHWH wird König über die ganze Erde. An jenem Tage wird JHWH der einzige sein und sein Name der einzige.“ (Sach 14,9).
Sie ist in diesem Kontext individuell: Der Gegensatz zu den Feinden Israels fehlt (Mt 8,11). Die Gottesherrschaft beginnt in der Gegenwart, ist aber auch zukünftig. Sie kommt, aber Menschen gehen in sie hinein.
Sie begegnet in vielen Überlieferungsströmen (auch Joh, ThEv, Pls), verschiedenen Gattungen, aber selten in Erzählungen, vor allem nie in Wundergeschichten.
Sie wird oft uminterpretiert; Es gibt in ihr nichts zu essen und zu trinken (Röm 14,17), Huren sind ausgeschlossen (1Kor 6,9). Bei Jesus war sie dagegen ein Festmahl, Huren gelangen in sie (Mt 21,31).
Mit der Reichgottespredigt hat sich die theozentrische Botschaft Jesu gegen die Tendenz der christozentrischen Verkündigung des Urchristentums erhalten.
2. Die Verkündigung vom Gottesreich ist radikaler Monotheismus. Gott soll endlich herrschen – weder Dämonen noch der Mammon sollen mit ihm konkurrieren
Zeitstruktur der Gottesherrschaft: Jesus vertritt eine doppelte (futurische und präsentische) Eschatologie in drei Aussagengruppen: in Erfüllungsworten, Anbruchsworten, Kampfworten. Das Nebeneinander von präsentischen und futurischen Aussagen war im Kult allen vertraut. Jesus verlagert den Gottesdienst in den Alltag, ins Gebet.
Sozialstruktur der Gottesherrschaft: Die Gottesherrschaft ist kein Sieg über die Heiden. Im Gegenteil: Die Fremden werden von überall in sie hineinströmen (Mt 8,11). Dafür ist sie eine (gewaltfreie) Wende im Innern: Sie gehört denen, die marginalisiert sind. Die Mächtigen aber schließen sich selbst aus, wenn sie nicht umkehren.
Die Kausalstruktur der Gottesherrschaft. Jesus spricht vom Gottesreich auch so, dass Menschen aktiv sind: Sie sollen es suchen, hineingehen, um seinetwillen alles verkaufen, es annehmen wie ein Kind. Sie können es verschließen. Mk 4,26-29 spricht für einen Synergismus von Gott (= Bauer) und Erde (Menschen), die gute Taten (=Früchte) bringen sollen. (G.Th., Der Bauer und die von selbst Frucht bringende Erde. Naiver Synergismus in Mk 4,26–29?, ZNW 85 (1994), 167–182)
Jesus konnte ohne Erläuterung von der Gottesherrschaft predigen, weil sie als radikaler Monotheismus nur zugespitzt zum Ausdruck brachte, was alle Juden glaubten.
3. Das Reich wird mit Motiven einer erneuerten Schöpfung dargestellt: Was die Weisheit Gottes in der Schöpfung intendierte, wird im Reich Gottes vollendet
Wir finden Rückgriffe auf die Urzeit:
Exorzismen: Jesus strebt eine dämonenfreie Welt an (Lk 11,20). Dämonen waren erst nach der Schöpfung in die Welt gekommen (Gen 6).
Ehe: Im Streitgespräch über die Unauflöslichkeit der Ehe (Mk 10.2-12) beruft sich Jesus auf die Urzeit: Von Anfang an wollte Gott Mann und Frau für immer einander zuordnen.
Sabbat: Jesus greift in Mk 2,27f auf die Erschaffung des Sabbats am 7. Tag (Gen 2,1-3) zurück. Der Mensch ist vor dem Sabbat geschaffen, also ist er dem Sabbat überlegen.
Ebenbildlichkeit: Im Streitgespräch über die Steuern lässt sich Jesus eine Münze geben. Falls er darauf anspielt, dass der Mensch eikón Gottes ist, wäre das Rückgriff auf Gen 1.
Wir finden Rückgriffe auf die gegenwärtige Schöpfung mit Anspielungen auf die Urzeit:
Die Feindesliebe mit Sonne und Regen als Modell (Mt 5,43ff) erinnert an den Noahbund.
Die Sorglosigkeit hat Vögel und Lilien als Modell (Mt 6,25ff) und erinnert an eine paradiesische Existenz.
Wir finden eine Verinnerlichung von Unreinheit und Neid mit Anspielungen auf die Urzeit:
Unreinheit: Wenn es nichts Unreines gibt (Mk 7,15), befinden wir uns in einer Zeit vor dem Erlass der Reinheitsgesetze am Sinai.
Neid: Jesus sieht den Ursprung des Neids im Menschen selbst (Mt 6,22-23). Der erste, der vom Neid erfasst wird, ist Kain (Gen 4,5).
Falls Worte, in denen sich Jesus als Boten der Weisheit versteht, echt sind, wären das Belege dafür, dass Jesus explizit meinte, die Intention der Weisheit in dieser Welt zu Ende zu führen:
Die Ablehnung der Boten von Abel bis Sacharja (Lk 11,49-51) impliziert den Rückgriff auf eine Urzeit vor Abels Tod, als die Weisheit Gottes noch nicht abgelehnt wurde.
Das Werben der Sophia um Israel durch ihre Boten (Lk 13, 34-35par) verheißt eine eschatologische Heilszeit, in der die Sophia wieder präsent ist.
Im Heilandsruf Jesu (MtS 11,28-30) wirbt die Sophia um ihre Schüler. Das Motiv der Ruhe erinnert an die ‚Ruhe’ Gottes nach seiner Schöpfung (Gen 2,3).
Hin und wieder spricht Jesus vom Gottesreich wie von der Weisheit. („suchen und finden“ Sap 6,13 Sir 51,26; „verschließen und öffnen“ (Sir 51,19), „annehmen“ (Prov 2,1). Wenn das Reich Gottes ein Festmahl ist, verschmilzt das Mahl der Weisheit mit dem eschatologischen Freudenmahl. Auch das Motiv vom Königtum des Weisen könnte in der Verkündigung der Gottesherrschaft eine Rolle spielen.
E.P. Sanders hat die Eschatologie Jesu als (nationale) Restitutionseschatologie gedeutet: Jesus kündigt die Errichtung eines neuen Tempels an. Das lässt sich aber in eine universale schöpfungstheologische Sicht integrieren: Falls der neue Tempelkult keine Tieropfer mehr kennen soll, griffe Jesus auf eine Zeit zurück, in der Menschen (vor der Sintflut) noch kein Fleisch aßen.
Aber auch ein auf die Schöpfung bezogener Restitutionsgedanke wäre unzureichend, um die Verkündigung der Gottesherrschaft zu erfassen. Wichtiger ist, dass der radikale Monotheismus durch Jesu Eschatologie unlösbar mit dem Glauben an eine sich wandelnde Welt verbunden wird. Man kann nur an den einen und einzigen Gott glauben, wenn man an den Wandel der Welt glaubt. Diese Verbindung findet sich schon bei Deuterojesaja – also dort, wo der Monotheismus zum Durchbruch kam.
Sie erklärt sich aus ihrem jüdischen Kontext: „JHWH wird König über die ganze Erde. An jenem Tage wird JHWH der einzige sein und sein Name der einzige.“ (Sach 14,9).
Sie ist in diesem Kontext individuell: Der Gegensatz zu den Feinden Israels fehlt (Mt 8,11). Die Gottesherrschaft beginnt in der Gegenwart, ist aber auch zukünftig. Sie kommt, aber Menschen gehen in sie hinein.
Sie begegnet in vielen Überlieferungsströmen (auch Joh, ThEv, Pls), verschiedenen Gattungen, aber selten in Erzählungen, vor allem nie in Wundergeschichten.
Sie wird oft uminterpretiert; Es gibt in ihr nichts zu essen und zu trinken (Röm 14,17), Huren sind ausgeschlossen (1Kor 6,9). Bei Jesus war sie dagegen ein Festmahl, Huren gelangen in sie (Mt 21,31).
Mit der Reichgottespredigt hat sich die theozentrische Botschaft Jesu gegen die Tendenz der christozentrischen Verkündigung des Urchristentums erhalten.
2. Die Verkündigung vom Gottesreich ist radikaler Monotheismus. Gott soll endlich herrschen – weder Dämonen noch der Mammon sollen mit ihm konkurrieren
Zeitstruktur der Gottesherrschaft: Jesus vertritt eine doppelte (futurische und präsentische) Eschatologie in drei Aussagengruppen: in Erfüllungsworten, Anbruchsworten, Kampfworten. Das Nebeneinander von präsentischen und futurischen Aussagen war im Kult allen vertraut. Jesus verlagert den Gottesdienst in den Alltag, ins Gebet.
Sozialstruktur der Gottesherrschaft: Die Gottesherrschaft ist kein Sieg über die Heiden. Im Gegenteil: Die Fremden werden von überall in sie hineinströmen (Mt 8,11). Dafür ist sie eine (gewaltfreie) Wende im Innern: Sie gehört denen, die marginalisiert sind. Die Mächtigen aber schließen sich selbst aus, wenn sie nicht umkehren.
Die Kausalstruktur der Gottesherrschaft. Jesus spricht vom Gottesreich auch so, dass Menschen aktiv sind: Sie sollen es suchen, hineingehen, um seinetwillen alles verkaufen, es annehmen wie ein Kind. Sie können es verschließen. Mk 4,26-29 spricht für einen Synergismus von Gott (= Bauer) und Erde (Menschen), die gute Taten (=Früchte) bringen sollen. (G.Th., Der Bauer und die von selbst Frucht bringende Erde. Naiver Synergismus in Mk 4,26–29?, ZNW 85 (1994), 167–182)
Jesus konnte ohne Erläuterung von der Gottesherrschaft predigen, weil sie als radikaler Monotheismus nur zugespitzt zum Ausdruck brachte, was alle Juden glaubten.
3. Das Reich wird mit Motiven einer erneuerten Schöpfung dargestellt: Was die Weisheit Gottes in der Schöpfung intendierte, wird im Reich Gottes vollendet
Wir finden Rückgriffe auf die Urzeit:
Exorzismen: Jesus strebt eine dämonenfreie Welt an (Lk 11,20). Dämonen waren erst nach der Schöpfung in die Welt gekommen (Gen 6).
Ehe: Im Streitgespräch über die Unauflöslichkeit der Ehe (Mk 10.2-12) beruft sich Jesus auf die Urzeit: Von Anfang an wollte Gott Mann und Frau für immer einander zuordnen.
Sabbat: Jesus greift in Mk 2,27f auf die Erschaffung des Sabbats am 7. Tag (Gen 2,1-3) zurück. Der Mensch ist vor dem Sabbat geschaffen, also ist er dem Sabbat überlegen.
Ebenbildlichkeit: Im Streitgespräch über die Steuern lässt sich Jesus eine Münze geben. Falls er darauf anspielt, dass der Mensch eikón Gottes ist, wäre das Rückgriff auf Gen 1.
Wir finden Rückgriffe auf die gegenwärtige Schöpfung mit Anspielungen auf die Urzeit:
Die Feindesliebe mit Sonne und Regen als Modell (Mt 5,43ff) erinnert an den Noahbund.
Die Sorglosigkeit hat Vögel und Lilien als Modell (Mt 6,25ff) und erinnert an eine paradiesische Existenz.
Wir finden eine Verinnerlichung von Unreinheit und Neid mit Anspielungen auf die Urzeit:
Unreinheit: Wenn es nichts Unreines gibt (Mk 7,15), befinden wir uns in einer Zeit vor dem Erlass der Reinheitsgesetze am Sinai.
Neid: Jesus sieht den Ursprung des Neids im Menschen selbst (Mt 6,22-23). Der erste, der vom Neid erfasst wird, ist Kain (Gen 4,5).
Falls Worte, in denen sich Jesus als Boten der Weisheit versteht, echt sind, wären das Belege dafür, dass Jesus explizit meinte, die Intention der Weisheit in dieser Welt zu Ende zu führen:
Die Ablehnung der Boten von Abel bis Sacharja (Lk 11,49-51) impliziert den Rückgriff auf eine Urzeit vor Abels Tod, als die Weisheit Gottes noch nicht abgelehnt wurde.
Das Werben der Sophia um Israel durch ihre Boten (Lk 13, 34-35par) verheißt eine eschatologische Heilszeit, in der die Sophia wieder präsent ist.
Im Heilandsruf Jesu (MtS 11,28-30) wirbt die Sophia um ihre Schüler. Das Motiv der Ruhe erinnert an die ‚Ruhe’ Gottes nach seiner Schöpfung (Gen 2,3).
Hin und wieder spricht Jesus vom Gottesreich wie von der Weisheit. („suchen und finden“ Sap 6,13 Sir 51,26; „verschließen und öffnen“ (Sir 51,19), „annehmen“ (Prov 2,1). Wenn das Reich Gottes ein Festmahl ist, verschmilzt das Mahl der Weisheit mit dem eschatologischen Freudenmahl. Auch das Motiv vom Königtum des Weisen könnte in der Verkündigung der Gottesherrschaft eine Rolle spielen.
E.P. Sanders hat die Eschatologie Jesu als (nationale) Restitutionseschatologie gedeutet: Jesus kündigt die Errichtung eines neuen Tempels an. Das lässt sich aber in eine universale schöpfungstheologische Sicht integrieren: Falls der neue Tempelkult keine Tieropfer mehr kennen soll, griffe Jesus auf eine Zeit zurück, in der Menschen (vor der Sintflut) noch kein Fleisch aßen.
Aber auch ein auf die Schöpfung bezogener Restitutionsgedanke wäre unzureichend, um die Verkündigung der Gottesherrschaft zu erfassen. Wichtiger ist, dass der radikale Monotheismus durch Jesu Eschatologie unlösbar mit dem Glauben an eine sich wandelnde Welt verbunden wird. Man kann nur an den einen und einzigen Gott glauben, wenn man an den Wandel der Welt glaubt. Diese Verbindung findet sich schon bei Deuterojesaja – also dort, wo der Monotheismus zum Durchbruch kam.
