Viele leuchtende Sterne

IP-4-2022-Kathrin-Rehmat (Foto: Mark Haltmeier)

Kathrin Rehmat
Viele helle Sterne wurden für finstere Teile der Welt von der bunt versammelten Christenheit aus acht Weltregionen zum Funkeln gebracht, einige von ihnen sah auch ich leuchten. Die Vollversammlung wurde feierlich eröffnet und geschlossen durch Frau Dr. Agnes Abuom, eine Anglikanerin aus Kenia. Die Vorsitzende des höchsten Leitungsgremiums des ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) traf mit ihrer Präsenz an allen Tagen in wenigen Worten grosse Hallen voller kompetenter Menschen aus der ganzen Welt mitten ins Herz. Sie lenkte das Ganze und viele Konsensfindungsprozesse in höchster Besonnenheit. Ihre unvergleichbare Persönlichkeit, eine selten klare, wache, bescheidene und sehr erfahrene Person macht sie zu einer globalen Hoffnungsträgerin, einem hellen Stern für Frieden, Versöhnung und Wirtschaftsgerechtigkeit.
Bis auf den brennend schweren und weiterhin unentscheidbaren Israel - Palästina Konflikt konnten viele Dokumente und Erklärungen verabschiedet werden zu Themen, in die ich mich nicht einarbeitete, so dass ich nur auszugsweise mitbekam, wie gross die Menge der besprochenen Themen war und weiter ist. Sehr eindrücklich war für mich die täglich angewendete Methode der Konsensfindung, die garantiert, dass jede Erklärung mehrfach besprochen und angepasst wird, bevor sie als Erklärung des ökumenischen Rates der Kirchen herausgegeben wird. Mit jeweils orangen oder blauen Karten und kurzen Statements wurde je so lange angepasst, bis alle einen bestimmten Wortlaut annehmen konnten.
Spannende aktuelle Dokumentationen sind mir von mehreren Seiten empfohlen worden: Drei Bücher zur moralischen Unterscheidung (1) werden mich in den kommenden Entwicklungen unseres ökumenischen Lernortes an der Predigerkirche in Zürich begleiten. Zu ihnen kommen die Erinnerungen des Austausches über kirchlichen Alltag an vielen Orten der Welt. Es wurden mehrmals täglich innige Gottesdienste gefeiert, immer waren es kleine liturgische Kunstwerke, sorgfältig gestaltet und in viele Sprachen übersetzt aus den Regionen und Ländern, die durch ihre Melodien, Klänge, Worte und Bekleidungen eine eindrücklich schillernde Vielstimmigkeit sorgfältig und achtsam repräsentierten. Mitgefühl, moralische Urteilsbildung und täglich neue gemeinsame biblische Studien haben das ihre zu den reichen Begegnungs- und Lernmöglichkeiten, zur Horizonterhellung für Alle beigetragen.
Am 2. September wurde das tägliche Plenum in der Schwarzwaldhalle, in einem Saal mit 2500 Plätzen und Livestream in weitere Säle der Versammlung zum Thema des Tages, «Europa», geöffnet. Den Auftakt machte ein Grusswort, das ich im Wortlaut und in der Stimmung für den Rest meines Lebens erinnern werde. Es ist das Grusswort von Dr. Azza Karam, einer Frau, die uns sagte, sie sei 20 Jahre für die UN tätig, aber wir, hier mit unserem grossen Treffen, wir seien viel wichtiger. Sie würde gern hier und heute vor uns jetzt auf die Knie, doch dann würde sie nicht mehr so gut sichtbar sein und so blieb sie stehen, um ihre Bitte aufrecht zu formulieren. Ihre Stimme, eine überaus dichte Konzentration, eine klare, schlichte und ganz gerade Weise des einfachen Aussprechens war so spürbar, dass man eine Nadel zum Boden fallen gehört hätte, es war fast, als ob alle die Luft anhielten, um ihr zu lauschen. Und dann sprach sie über die Liebe Christi und fragte: Was ist, wenn diese Liebe für Alle gemeint ist? Wirklich für alle? Und was würde es bedeuten, wenn alle Christen, die hier versammelt seien, damit ernst machen würden? Sie als Muslimin glaube fest, dass es so sei, und wenn wir nun wirklich zusammen arbeiten würden, was wäre und würde dann? Auch Ioan Sauca, ein echter Vater seiner vielen Kinder, wie er die Generationen seiner Studierenden bezeichnet, unterstrich ihre Rede und sagte: Ja, wir sind verpflichtet in jedem Gesicht Christi Liebe zu erkennen für die Menschheit und die Schöpfung. Und so wandelte das Gespräch dann zum grossen Plenary über die Ukraine und ihre nach Osten wie nach Westen unglaublich dicht und komplex verwobene Geschichte.
Kleine persönliche Sterne wurden in Workshops, von denen es Hunderte gab, deutlich. Ein Vergleich des Hauses der Religionen in Bern und in Puttala (Sri Lanka) zeigte praktische Weisen des interreligiösen Miteinanders unter einem Dach. Oder ein anderer Workshop aus Lateinamerika übte mit einer Gruppe von gut 40 Personen in der beweglichen Selbstwahrnehmung an den Traumata und so an der Heilung der versehrten Teile der Erde sanft und aktiv mitzuwirken.
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1) Churches on Moral Discernment: Learning from History. Learning from Traditions. Facilitating Dialogue to build Koinonia
Bereitgestellt: 18.11.2022     Besuche: 14 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch