Wenn Christ-inn-en sich mehr zusammenraufen könnten ! ‘Karlsruhe’ kann hilfreich sein

IP-1-2022-Martin-Hauser (Foto: Mark Haltmeier)

Ein Herzenswunsch von Martin Hauser auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen in Ost- und Westeuropa.
Martin Hauser
Kommentare zu Erfahrungen im europäischen Raum
Die ‘Kaltkriegs’-Zeit war eine fruchtbare Zeit für die Ökumene. Es gab damals erfreulicherweise eine Wachsamkeit in den Kirchen im Westen und Osten, die darauf aus war, sich nicht voneinander trennen zu lassen. Viele Christ-inn-en individuell oder kollektiv, sowie Kirchgemeinden und kirchliche Werke (HEKS), ganze Kirchen und beispielsweise die KEK und der ÖRK als internationale Organisationen wirkten in diesem Sinn. Am Enthusiasmus fehlte es meist nicht! Rufen wir uns einige, besonders mit der Schweiz verbundene Beispiele in Erinnerung:
- Was die Studierenden der Universität Neuenburg unter der Leitung von Pfr. Francis Gerber, und mitgetragen vom HEKS, zu den Kontakten mit den Kirchen in Rumänien beitrugen, verdient Aufmerksamkeit: die Studierenden zeigten keine Furcht trotz des ‘Eisernen Vorhangs’, begaben sich dorthin, konnten auch viel Nützliches mitbringen und kamen in jeder Weise bereichert und erfüllt zurück.
- Die klösterliche Gemeinschaft von Grandchamp (NE), ein Mitglied der dortigen reformierten Kantonalkirche, hat es zustande gebracht, Austausch mit den orthodoxen Frauenklöstern in der rumänischen Moldau zu pflegen, und dies gerade trotz des dortigen kommunistischen Regimes! Das beachtliche Resultat war nicht nur die Relativierung der politisch-militärischen Grenze, sondern vor allem auch ein vertieftes theologisches, liturgisches und menschliches gegenseitiges Verständnis!
- Ich erinnere mich auch mit innerer Bewegtheit an die Gemeindeaustausche, die ich als Pfarrer, dank der entscheidenden Unterstützung meiner Frau, mit einer reformierten Gemeinde im kommunistischen Ungarn organisieren konnte.
- In der gleichen bipolaren, politisch-militärisch angespannten Situation arbeiteten auch z.B. die beiden in Genf verankerten kirchlichen internationalen Organisationen KEK und ÖRK, manchmal wirklich gehemmt durch die schwierigen Umstände, aber brachten beachtliche theologische, geistlich verbindende sowie sogar politische Resultate zustande. Dabei verhalfen diese Organisationen jenen, die hinhören konnten, zu einem vertieften Bewusstsein für das ‘Leiden der Schöpfung’, ihre Erhaltung, sowie für das soziale, wirtschaftliche und politische Auseinanderdriften in der Menschheit. Gleichzeitig waren diese Organisationen auch zutiefst in der Bestrebung für die Einheit der Kirchen und der eucharistischen Gemeinschaft engagiert. - Es ist deutlich, dass diese Tätigkeiten nicht immer von allgemeinem Erfolg gekrönt waren (cf. z.B. das viel diskutierte BEM-Dokument!), aber alle diese Anstrengungen und Vorgänge haben unauslöschbare Spuren hinterlassen, die uns auch heute noch zugutekommen können: der Durst nach Einheit der Kirchen und nach eucharistischer Gemeinschaft ist immer noch weltweit ein Anliegen vieler Menschen - dank ihres auf Jesus Christus ausgerichteten Glaubens! Auch sei nicht vergessen, dass das damals ungefähr friedliche Ende des ‘Kalten Krieges’ (abgesehen vom vormaligen Jugoslawien) manches mit den erwähnten kirchlichen Organisationen und den Kirchen überhaupt zu tun hat. Ja, diese haben die Kontakte aufrechterhalten und gepflegt trotz der politisch-militärischen Bedrohung!

Heute
Indessen müssen wir leider feststellen, dass das ‘Kaltkriegs’-Ende - und so definitiv seit den 90-er Jahren - auch mancherorts und auf vielfältige Weise das Ende vertiefter Kontakte zwischen den Kirchen bedeutet. Gewisse orthodoxe Kirchen haben sogar ihre Mitgliedschaft im ÖRK temporär oder definitiv aufgehoben. Seit diesem Zeitabschnitt können wir vielerorts einen neuen Konfessionalismus (und manchmal gar auch verdächtigen Nationalismus) erfahren. Oft ist auch eine zahlenmäßige Schwächung der Kirchen im Gange, die deren noch grössere Konzentration auf sich selbst mit sich bringt.
Die Globalisierung, die seit einigen Jahrzehnten voll im Gange ist, hat zu der erwähnten Problematik offenbar eher gerade negativ beigetragen! Sie geht ja Hand in Hand mit der Schwächung der örtlichen Verankerung und zugespitzten Vereinzelung der Menschen. Da nun alle Kirchen unter diesen Vorgängen irgendwie zu leiden haben, wird ihnen gewiss auch Lust und Energie, sich für die Andern zu interessieren, entzogen. Dies aber schwächt die Ökumene, so wie sie sich im 20. Jahrhundert hat entfalten können.
Die 11. Vollversammlung des ÖRK, die für 2022 in Karlsruhe (D), also nahe zur Schweiz, angekündigt ist, verfolgt das Ziel, Christen und Christinnen aus der ganzen Welt einander heute näher zu bringen. Um dieses Ziel anzupeilen, ist es gewiss unumgänglich, die Erfolge des früheren Ökumenismus zu kennen und die gegenwärtigen Probleme zu integrieren. So besteht die Hoffnung, neue positiv-verbindende Erfahrungen möchten in Karlsruhe erscheinen.
Die EKS ist an diesem Grossereignis ein aktiver Partner. Hoffen wir, dass der SRPV zusammen mit der EKS sich an dieser Versammlung beteiligen kann. Wir Pfarrer-innen versuchen ja, unsere Kirche und ihre Gläubigen zu unterstützen, gerade auch, wenn es darum geht, für Christ-inn-en anderer konfessioneller Herkunft offen zu sein. Und ‘Karlsruhe’ ist sicher eine Gelegenheit für uns amtstragende Personen, zusammen mit Christ-inn-en und Amtsträger-inn-en anderer Herkunft Bereicherung zu erfahren und zu verschenken!
Bereitgestellt: 11.03.2022     Besuche: 74 Monat
 
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