Eine vorläufige Bilanz

IP-1-2022-Serge-Fornerod2 (Foto: Mark Haltmeier)

Wo steht die ökumenische Bewegung? Serge Fornerod blickt auf die letzten vierzig Jahre der ökumenischen Bewegung zurück.
Serge Fornerod
Widerstand, Desillusionierungen und Umwege
Die Diskussion in unseren Kirchen zur Entwicklung des ökumenischen Dialogs lässt sich wie folgt kurz zusammenfassen: Das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete offiziell einen langen Reigen von Dialogen, die zu nennenswerten Ergebnissen führten, insbesondere zur Lima-Erklärung (Taufe – Eucharistie – Amt, 1982), und in den Kirchgemeinden grosse Hoffnungen weckten. Die ökumenische Zusammenarbeit intensivierte sich, wurde zur Normalität, und heute ist diese Praxis an der Basis als anerkannter Standard zu betrachten. Allerdings kommt man 40 Jahre später nicht umhin festzustellen, dass eine institutionelle Annäherung der Kirchen ausgeblieben ist. Zur Verwunderung etlicher kühlte sich die Stimmung sogar ab, etwa infolge der Unnachgiebigkeit Johannes Pauls II., Benedikts XVI. oder im Zusammenhang mit der Enzyklika «Dominus Jesus». Auf der anderen Seite fanden die reformierten Kirchen weiterhin nicht zueinander und in beiden Lagern erstarkten evangelikale, ja fundamentalistische oder traditionalistische Kreise. Seit mehreren Jahren werden Fragen zur Marschrichtung und zum Ziel der ökumenischen Bewegung laut.
Die Rezeption der Lima-Erklärung stiess eine intensive Diskussion zwischen den Akteuren, aber auch innerhalb der Konfessionsfamilien dazu an, welche Bedeutung dem Begriff «Einheit» denn zukommen solle. Deshalb entwickelte der ÖRK in den 1990er Jahren eine Vision der Einheit, die nicht mehr bloss die Kirche, sondern die ganze Welt, die gesamte Schöpfung umfasste. Dies führte einerseits zu einer Ausweitung der Dialogpartner auf bisher im ÖRK nicht vertretene Strömungen (Pfingstler, Evangelikale …) im Rahmen des Global Christian Forum, andererseits aber auch zur Aufnahme der interreligiösen Zusammenarbeit. Der ÖRK schuf in eigener Sache einen «Ständigen Ausschuss für Konsens und Zusammenarbeit», um die Teilnahme der Orthodoxen zu verankern, aber auch eine permanente gemeinsame Arbeitsgruppe mit dem Heiligen Stuhl.
Bei den Lutheranern lassen sich die Überlegungen zur Bedeutung der Rechtfertigungslehre als conditio sine qua non zur Einigung auf die Lima-Erklärung zurückführen. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem Vatikan geht auf das Jahr 1999 zurück. Unlängst ist ihr nach dem Weltrat methodistischer Kirchen und der Anglikanischen Gemeinschaft auch die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen beigetreten. In Europa wäre auch die Charta Oecumenica von 2001 als Frucht dieses Prozesses zu erwähnen. Lima beeinflusste auch die Ausarbeitung der Meissener und der Porvoo-Erklärung. In der katholischen Kirche ist das wachsende Gewicht einer Annäherung an die orthodoxe Kirche festzustellen, mit der sie philosophische und ekklesiologische Grundlagen teilt, die sich besonders nahe zu stehen scheinen. Auch bei den Orthodoxen sind mit dem Projekt eines Panorthodoxen Konzils, das in Kreta 2017 nur unvollständig gelang, neue Bestrebungen zur Bekräftigung der Einheit auszumachen.
Parallel dazu erhoben sich zahlreiche Stimmen, die eine durch Taten sowie politisches und soziales Engagement zu entwickelnde Einheit forderten. Also vielmehr «gemeinsam tätig sein» als «zusammen diskutieren». Diese Tendenz trat insbesondere an der Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre 2006 am stärksten hervor.
Es erstaunt denn auch nicht, dass der für die Förderung der Einheit der Christen verantwortliche Kardinal Kurt Koch die ökumenische Landschaft in einem unlängst veröffentlichten Interview als «unübersichtlich» bezeichnete: Alle reden mit allen zu allerlei Themen in allen möglichen Formen und Konstellationen, ohne dass das eigentliche Ziel klar im Zentrum stünde.

Wie ist diese Entwicklung zu verstehen?
Einer der Schlüssel zum Verständnis dieser Sachlage ist mathematischer Art. Die von den Kirchen vorgebrachten Mitgliederzahlen ergeben ein Bild des weltweiten Christentums, an das wir Europäer uns noch nicht gewöhnen konnten. Die Grundströmungen lassen sich in drei Sätzen zusammenfassen, die allerdings Dutzende Millionen Individuen einschliessen:
1. Weltweit wächst die christliche Gemeinde. Allerdings bei Weitem am meisten in Regionen und Konfessionsfamilien, die nicht oder kaum mit dem ÖRK-Netzwerk verbunden sind.
2. Das Christentum wächst in nicht westlichen Kontexten, Formen und Kulturen. Der theologische Dialog findet in Denkkategorien statt, die nicht mehr von der westlichen Hochschulwelt abhängen.
3. Die herkömmlichen ökumenischen Strukturen sind weder in der Lage, diese Entwicklung zu erfassen, noch über sie Herrschaft auszuüben oder auch nur sich ihr rasch genug anzupassen.
Diese grossen tektonischen Bewegungen im Weltchristentum bilden den Horizont, vor dessen Hintergrund die thematischen Gespräche in Karlsruhe stattfinden werden. Revolutionäre Erklärungen sind zwar nicht zu erwarten. Die ökumenische Bewegung ist dafür viel zu breit und zu komplex. Das Thema der Vollversammlung, die einen starken und ziemlich unerwarteten Akzent auf die «Liebe Christi» als Motor der Bewegung und der Veränderung setzt, fördert jedoch eine mögliche Ausweitung der Methode des ökumenischen Dialogs zutage: Die von und zwischen den Kirchen, Konfessionen und Bewegungen gelebte Liebe Christi könnte zum Kern des globalen christlichen Konsenses werden.
Bereitgestellt: 11.03.2022     Besuche: 71 Monat
 
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