Die Identität der Pfarrperson in der Spannung von Beruf und Berufung Was die Fragetechnik von Max Fr

IP-4-2021-Hansjakob-Schibler (Foto: Mark Haltmeier)

«Der Beruf des Pfarrers, sein Bild in der Öffentlichkeit und sein Aufgabenfeld sind auf das stärkste von den gegenwärtigen Umwälzungen in unserer Gesellschaft betroffen.»
Das steht auf dem Umschlag des Buches von Karl Wilhelm Dahm mit dem Titel: Beruf Pfarrer und dem Untertitel: Empirische Aspekte.
Hansjakob Schibler
Dieses Buch ist vor 50 Jahren, 1971, erschienen. Dass ich mich als Theologiestudent später dazu entschied, den Beruf des Pfarrers zu ergreifen, ist nicht zuletzt diesem Buch zu danken.
Woran lag es? An dem, was lapidar mit «Empirische Aspekte» bezeichnet wurde. Die zum ersten Mal in dieser Weise dargestellte nicht nur historische (die kommt in dem Buch ebenfalls zum Zuge), sondern jetzt auch auf soziologischen Untersuchungen und Erkenntnissen beruhende Auseinandersetzung mit dem Pfarrberuf im Protestantismus. Wie «funktioniert» Pfarrer, was funktioniert, wie? Was für eine Agentin des Religiösen in der Gesellschaft ist die Pfarrperson? (Wobei dieser letzte Begriff noch nicht in Gebrauch war.) Aber jetzt die Frage, warum hat es damals Mut gemacht, sich für den Beruf berufen zu fühlen?
Erstens, weil der Beweis erbracht wurde, dass man die Kompetenzen einer erfolgreichen, wirkungsvollen Pfarrberufsarbeit bezeichnen, erlernen und sich aneignen konnte. Und dass es zweitens wenig Sinn macht, von einer Berufung unabhängig von diesem «Kompetenzerwerb» zu sprechen.
Vergleichen wir das Zitat am Anfang. Ausser, dass es heissen müsste, der Beruf der Pfarrperson, könnte der Satz sonst aus der heutigen Zeit stammen. Es sind auch wieder gesellschaftliche Umwälzungen, solche die man sich vor 50 Jahren kaum ausdenken konnte, aber wir sind als Pfarrpersonen davon in unserer Identität, in unserem Ureigensten betroffen, vielleicht sogar bedroht.
Hat das damit zu tun, dass auf einmal auch die Kompetenzen nicht mehr unbestritten sind, sich die Identitätsfrage zwischen Beruf und Berufung wieder ganz neu stellt?
Psychologen sagen, dass es dann zu einer Identität kommt, wenn Fremdbild (Bild in der Öffentlichkeit) und Eigenbild in etwa übereinstimmen. Doch wie könnte man unter Berufskolleginnen und -kollegen neu dazu finden?
1972 kam das zweite Tagebuch von Max Frisch «Tagebuch 1966-71» heraus. Auf dem Cover der Taschenbuchausgabe steht sein Satz. «Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.»
Dieses zweite Tagebuch ist nicht zuletzt der sogenannten Fragebogen wegen so bekannt geworden. In jeweils 25 Fragen wird der Leser zu bestimmten Themen befragt. Alles Fragen, die sehr intim sind, nach dem eigenen Bild gegenüber dem Aussenbild, das sich in den Fragen ausdrückt, verlangen, nach der Beschreibung der eigenen Identität.
An der vom Pfarrverein geplanten Tagung versuchen wir anhand solcher Fragen zu Beruf und Berufung miteinander ins Gespräch zu kommen, uns an der je eigenen Identität des andern zu messen und sie zu ermöglichen.
Bereitgestellt: 19.11.2021    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch