Und wenn es anders wäre?

IP-4-2021-Georgette-Gribi (Foto: Mark Haltmeier)

Als ich mit 25 Jahren als Zweitausbildung Theologie zu studieren begann, wollte ich Pfarrerin werden, meine Vorstellungen waren da ganz unzweideutig. Im Lauf des Studiums nahm dann nach und nach eine Frage meine Gedanken in Beschlag: Und wenn es anders wäre?
Georgette Gribi
Von der «Laiin im Amt» zur «Amtsbeauftragten»
Zahlreiche Aspekte mischten sich von aussen in meine Überlegungen ein. Wenn ich mir jedoch heute meine Geschichte vor Augen führe, erkenne ich, dass sich in mir schon während des Studiums eine andere Überzeugung abzeichnete, die einen Bezug dazu hat, dass unsere Kirche ihre Sprache – und dazu ihre Ämter – diversifizieren muss.
Als ich ab 2005 als Lehrkraft am Atelier Œcuménique de Théologie (AOT) arbeitete, war ich von der Protestantischen Kirche Genf (EPG) zunächst als «Laiin im Amt» anerkannt. Allerdings begannen wir uns von der Bezeichnung «Laie» sehr rasch eingeengt zu fühlen – die EPG hatte sie einigen zuteil werden lassen.
Was mag «Laie» im Protestantismus denn noch bedeuten, wo wir doch alle (Pfarrer, Diakone, Gemeindeglieder) gemäss dem Prinzip des Priestertums aller Gläubigen Laien sind und das Amt nur eine spezielle Funktion innerhalb der Gemeinde bezeichnet, also nicht auf einen geistlichen Stand verweist? Genau genommen waren also alle Pfarrer und Diakone ebenfalls «Laien im Amt»; warum also sollte man uns weiter zwischen Stuhl und Bank lassen, weder wirklich Laien noch wirklich Amtsträger? Die Lage wurde umso absurder, als die Aufgaben, die wir für unsere Kirche tagtäglich erfüllten, alle Attribute eines Amts hatten. So ging unsere Kirche langsam, aber sicher den Weg hin zur neuen Bezeichnung «Amtsbeauftragte/r», die anlässlich einer Feier in der Kathedrale St. Peter im Mai 2016 offizialisiert wurde.

Und heute, was für ein Amt?
Heute fühle ich mich als Amtsbeauftragte wohl. Ich habe in meiner Kirche ein Amt inne, bin anerkannt, habe einen richtigen Platz in meinem Pfarrkollegium und in unserer «Compagnie des Pasteurs et des Diacres»: ich verfüge über ein solides Rückgrat und bin in unserer reformierten Genfer Tradition verwurzelt. Aber gleichzeitig kann ich mein Gesicht gegen aussen wenden – alle Fenster stehen offen –, ohne in der Zwangsjacke zu stecken, zu der ein Pfarramt bisweilen werden kann, insbesondere in den Augen der Welt da draussen. Überdies sehe ich rund um mich herum, dass die Öffnung meiner Kirche hin zu anderen Kompetenzen und zu einer grösseren Diversität in Sachen Verkündigung des Evangeliums an die Welt, die uns umgibt, uns allen neue Möglichkeiten beschert, und das freut mich. So fühle ich mich getragen im Amt, das ich seit Kurzem für die Gemeinde Bernex-Confignon bekleide: gewiss ein Pfarramt ähnliches Amt, das mir aber erlaubt, dieser Kirchgemeinde einen etwas anderen Standpunkt zu bieten, einen vielleicht weniger «formatierten», der freier darin ist, neue Ausdrucksformen auszuprobieren? Es bleibt noch alles offen, und genau das macht die Sache spannend!
Bereitgestellt: 19.11.2021    
 
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