Pfarrerinnen und Pfarrer haben Zeit

IP-4-2021-Francesco-Cattani (Foto: Mark Haltmeier)

Ritualgestalterin, Gratis-Psychologe, Dienerin am göttlichen Wort, Eventmanagerin – was ist man eigentlich, wenn man Pfarrer oder Pfarrerin ist? An einer Retraite des Pfarrkapitels Zürich wurde klar: Vielen Pfarrpersonen fehlt oft sogar die Zeit, um über die eigene Berufsidentität nachzudenken.
Francesco Cattani
Zeitmangel, überall
Pfarrerinnen und Pfarrer sind stark eingebunden, auch das war oft zu hören am genannten Kapitelstreffen. Und nicht immer so, wie sie es sich wünschen würden: Sachzwänge geben den Takt vor. Die Fusion zur Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Zürich mit zwölf Kirchenkreisen hat den beruflichen Alltag auch komplexer gemacht. Sitzungen und administrative Arbeiten nehmen zu. Hinzu kommen die regulären pfarramtlichen Aufgaben wie Gottesdienste und Seelsorge, Kasualien und Unterricht. Die Kirchenkreise bemühen sich aber auch um ein vielfältiges kulturelles Angebot, um damit der Vielfalt ihrer Mitglieder gerecht zu werden. All dies unter der Vorgabe, möglichst ressourcenschonend zu walten. Kein Wunder also, dass Zeitmangel als Problem wahrgenommen wird.
Bald fünf Jahre bin ich als Pfarrer in Zürich tätig. Fünf Jahre, in denen ich die geschilderten Probleme selbst kennenlernen durfte. Probleme, die vermutlich alles andere als neu sind. Es sind auch nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer, die klagen. Auch andere Berufsgruppen innerhalb der Kirche sind ausser Atem und haben kaum Zeit, die eigene Rolle und das eigene Handeln zu reflektieren. Zu kurz kommen dabei nicht zuletzt auch persönliche Formen der Spiritualität und das Nachdenken über theologische Fragen und Themen. Das kann nicht gut sein, weder für die Kirche noch für den Pfarrberuf.

Freiräume schaffen
Der Kirchenkreis neun, in dem ich tätig bin, umfasst die beiden urbanen Quartiere Albisrieden und Altstetten. Ein Strategieprozess innerhalb des Kirchenkreises hat gezeigt: Man will Freiräume schaffen und sich von einem übervollen Programm und unzähligen Angeboten verabschieden. Es hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass Kirche nicht besser oder erfolgreicher wird, wenn sie sich in ständiger Geschäftigkeit verliert. Vielmehr soll sich Kirche in einer hektischen Welt dadurch auszeichnen, dass sie Zeit hat. Mitarbeitende und Pfarr-personen sollen Zeit haben, auf Gemeindeglieder einzugehen, Beziehungen zu pflegen und seelsorgerlich präsent zu sein.
Auf den Pfarrberuf bezogen bedeutet das: Zeit haben soll ein das Pfarramt auszeichnendes Merkmal werden. Zeit, Kasualien sauber und sorgfältig vorzubereiten. Zeit, persönliche Kontakte zu den Menschen und auch die eigene Spiritualität zu pflegen. Zeit, sich im Pfarrteam gegenseitig zu stützen und über die Rolle des Pfarramts zu diskutieren. Pfarrerinnen und Pfarrer müssen nicht alles sein und nicht alles können. Sie müssen vor allem Zeit haben – für andere und für sich.
Bereitgestellt: 19.11.2021    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch