Konsequente Eschatologie

images interpares (Foto: Mark Haltmeier)
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In ihrem Vortrag analysierte Barbara Hallensleben die Bedingungen des modernen Denkens, die schon der Leviathan von Thomas Hobbes bezeugte. Sie etablieren nämlich „einen geschlossenen, deistisch garantierten Welthorizont“:
- das vernünftige, in sich selbst gründende Subjekt
- die determinierte, technisch beherrschbare Natur
- der souveräne Staat, der Sicherheit durch Unterwerfung garantiert
- die auf Eigeninteresse und Konkurrenz beruhende Wirtschaft
Prof. Dr. Barbara Hallensleben
Im zweiten Teil ihres Vortrags kam sie auf Albert Schweitzer zu sprechen, und von Jesu Erwartung des Reiches Gottes, die scheiterte: „Die entscheidende Parusieverzögerung ist diejenige, die Jesus selbst erfahren muss. Die überirdische Größe Jesu liegt darin, dass er nicht resigniert. Ein Entschluss, ein Willensakt, führt die Wende herbei. (…) Jesus entschließt sich, die Drangsale selbst herbeizuführen, indem er seinen eigenen Tod provoziert, sogar so, dass seine Jünger wunderbarerweise verschont bleiben.“
Die Christen haben dann diese radikale Enttäuschung nicht ausgehalten. „Paulus hat einen genialen Kompromiss gefunden: Er hält daran fest, dass das Reich Gottes gekommen ist; nur sein Offenbarwerden stehe noch aus. Das Feuer der Naherwartung und die sittliche Energie bleiben erhalten.“
Wie sind auf diesem Hintergrund aber die starken Aussagen über die Bedeutung Jesu und des Reiches Gottes auch beim späten Schweitzer zu erklären? "Für die Menschheit, wie sie heute ist, handelt es sich darum, das Reich Gottes zu verwirklichen oder unterzugehen" – so schreibt er (Schweitzer) 1953 in der Schweizerischen Theologischen Umschau. Und die Persönlichkeit (nicht Person!) Jesu bleibt der entscheidende Bezugspunkt unseres Glaubens: "Die Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form mit seinem Tod zerstört". Unser Bezug zu Jesus und zum Reich Gottes gründet nicht in der Erkenntnis, sondern im Willen, und dieser Wille ist Lebenswille. Seine Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" beruht auf dem Grundsatz: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will". Folglich gilt: Wir verstehen Jesus nur "von Wille zu Wille".
Der Leviathan und Albert Schweitzer können für uns eine Art Spiegel sein, in dem wir uns selbst und unsere Theologie, unsere Verkündigung, unser kirchliches Handeln betrachten und uns fragen: Wovon lassen wir uns eigentlich bewegen? Woher beziehen wir unsere Hermeneutik? Da erwähnt Hallensleben:

a) Die apologetische Aufgabe: „Hier ist nachzuweisen dass die vier Säulen des modernen Leviathan weniger fest gegründet sind, als Jahrhunderte es meinten: das selbstbezügliche Subjekt, die determinierte, technisch beherrschbare Natur; der souveräne Staat; die auf Fortschritt und Wachstum ausgerichtete Wirtschaft.“

b) Die christologische Aufgabe: „Für Albert Schweitzer ist das Konzil von Chalcedon die große Katastrophe der Christenheitsgeschichte, denn in Chalcedon wurde der "Widerspruch zum Gesetz erhoben", der Widerspruch, dass ein wahrer Mensch zugleich wahrer Gott sein soll. Dieser Widerspruch gründet in dem verborgenen Dogma des geschlossenen Welthorizontes. Und wenn nun dieses Dogma und nicht das von Chalcedon irrig sein sollte?“

c) Die kirchliche Aufgabe: Es gilt zu klären, was kirchliches Handeln zu einem spezifisch kirchlichen macht. „Die große Frage unseres Glaubens lautet: Wie haben Menschen, wie hat die Schöpfung Anteil am Geheimnis Gottes?“ Das Geheimnis Gottes ist dann „das biblische Mysterion, von dem der Epheserbrief spricht: Gott hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat: Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist (Eph 1,9f.). Dieses Mysterion ist das biblische Grundwort, das später im Lateinischen mit sacramentum übersetzt wurde. Und das Sakrament bezeichnet die Gegenwart Gottes, der in der Geschichte handelt, das Leben des Geschaffenen im Leben Gottes. Das Handeln der Kirche in der Wohlstandsgesellschaft steht vor der Einladung, die innige Verbindung mit dem Handeln Gottes in der Geschichte wiederzufinden.“

d) Die ethische Aufgabe als sakramentale Aufgabe: Die Ethisierung des Christentums läuft auf dessen Selbstabschaffung hinaus. „Die Kirche wird ihren Zeugnischarakter in der Wohlstandsgesellschaft nur dann wahren, wenn sie die innere Einheit ihres Handelns mit dem Handeln Gottes in der Geschichte in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, durch seinen Geist, wiederfindet. Das entscheidende Zeugnis besteht nicht in irgendeiner Aktivität, sondern in der Existenz der Kirche selbst, die zeigt, wie sich die Selbstoffenbarung Gottes als Konstitutionsprinzip für das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft erweist. So wird die Kirche zu einer Alternative sowohl zu den Allmachtsphantasien der Moderne als auch zur Resignation der Postmoderne. (…) Paradoxerweise können gerade Christen auf den Unendlichkeitswahn verzichten und sich als Meister des Endlichen erweisen, weil Gott mitten darin unser Leben teilt. (…) Die Dogmatik der Kirche hat eine dogmenkritische Funktion gegenüber der verborgenen Dogmatik des Zeitgeistes.“

e) Die Aufgabe der Verkündigung: Warum ziehen wir aus den Aporien zwischen unserem Weltverständnis und unserer Verkündigung des Evangeliums nicht Gewinn und lassen uns hineinführen in ein immer tieferes Vertrauen des Glaubens, in eine immer wahrhaftigere theologische Reflexion? „Die Botschaft, die wir verkündigen, wird stets unsere Weltanschauung infrage stellen und uns helfen, offen zu bleiben für das Handeln Gottes, der nicht ein anonymer moralischer Weltwille ist, sondern der die Züge Jesu Christi trägt und mit ihm und in ihm und durch seinen Geist die Züge unserer Gesichter, den Namen aus unser aller Namen. Schlussendlich ist es einfacher, das Leben Gottes schon jetzt auf sakramentale Weise mitten in der Geschichte zu teilen, als ein heroischer Übermensch nach dem Modell Albert Schweitzers zu sein. Und doch bleibt Schweitzer für mich ein bewundernswertes, wenn auch tragisches Beispiel der Hoffnung auf ein erlöstes Leben jenseits all unserer menschlichen Fähigkeiten und all unseres Verstehens.“

Prof. Dr. Barbara Hallensleben ist Ordinaria für dogmatische Theologie an der Universität Freiburg i.Ue. Ihr Vortrag «Konsequente Eschatologie. Das unbewältigte Erbe Albert Schweitzers» wurde von der Redaktion zusammengefasst und ist auf www.pfarrverein.ch/tagung wieder zu finden.

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