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Tagung: Paroikia – Unser Amt neu verankern und ausrichten
Das Pfarramt ist geprägt. Wovon? Wohin entwickelt es sich? In der Pfarrtagung trafen sich Pfarrerinnen und Pfarrer aus der Schweiz im Basler Münster. Ein Tagungsbericht von Pfarrerin Andrea Schärer, Fotos Werner Näf. Von Pfrn. Andrea Schärer Am 11. Januar 2010 tagten rund vierzig Pfarrerinnen und Pfarrer unserer reformierten Landeskirchen am Basler Münster.
Das Evangelische Studienhaus Basel und die Stiftung Bruder Klaus luden mit Unterstützung des Schweizerischen Evangelischen Pfarrvereins dazu ein, über die geschichtlichen Wurzeln und Einbindungen unseres reformierten Pfarramtes nachzudenken mit dem Ziel, einem klaren Verständnis des Amtes näher zukommen, um dadurch gestärkt in der Gemeinde zu leben und zu arbeiten.
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Das Pfarramt: Erbe von Israels Freiheit und Ägyptens Sozialstaat?
PD Dr. Markus Zehnder stellte als Alttestamentler in seinem Vortrag die Frage, ob und inwiefern es Verbindungslinien gibt vom historischen Israel und Ägypten zu unserem Pfarramt, die unseren Blick schärfen könnten für die Besonderheit des heutigen kirchlichen Amtes und seinen Bezügen. Zehnder hat das Verhältnis von Priesteramt und Königtum, also von Religion und Staat, im Alten Ägypten und bei den Kanaanäern untersucht. Dass sich sowohl in Ägypten als auch im Alten Orient kein eigener Religionsbereich vom Rest des Lebens abgrenzen lässt, dokumentieren die Quellen breit: Königs- und Oberpriesteramt bekleidete ein und dieselbe Person und eine klare Trennung zwischen Priestern und Laien gab es nicht. Staat und Religion mischten sich. Zu den Merkmalen dieser „religiösen Staatssysteme“ gehören weiter die vollständige Kontrolle des Königs über den Kult und die enormen finanziellen Aufwendungen für den Kultunterhalt; ein Drittel der gesamten Reichssteuer floss in den Kult um Reichsgott Amon. Abgesehen von der priesterlichen Kult blühte eine ausgeprägte Volksfrömmigkeit.
Währenddem Ägypten sich als straff organisierter Religionsstaat präsentiert, steht nach dem kanonischen Geschichtsbild Israels an seinem Anfang gerade seine politische Befreiung daraus! Befreiung vom König zum Dienst an Gott. Ihre Lebensgrundlagen zelebrieren beide Völker in ihren Kulten: So feiert Ägypten regelmässig die Einigung von Ober- und Unterägypten zu einem festen Reich, Israel andererseits seine Befreiung aus Ägypten.
Das heutige Pfarramt schöpft sich aus beiden Konzepten: es muss seine inhaltliche Freiheit wahren den herrschenden Schichten gegenüber und wirkt gleichzeitig mit zur gesellschaftlichen Stabilisierung.
Wer übers Pfarramt nachdenkt vor dem Horizont der alttestamentlichen Schriften, dessen Blick fällt bald auf die darin prominent vertretenen Hirten und Lehrer.
Ein Hirte begleitet seine Herde langjährig mit tiefen Kenntnissen über sie. Ihre Nahrung ist seine Sorge, ebenso ihre Vermehrung. Das Hirtenamt ist kein Vierzigstundenjob, sondern Lebenseinsatz.
Meist ist im Alten Testament von Hirten als von politischen Verantwortungsträger die Rede, aber nicht ausschliesslich.
Im „Lehramt“ stehen alttestamentlich die Priester und die Eltern. Einerseits setzt sich dieser Lehrauftrag in unserem kulturell gewachsenen Pfarramt und seinem Lehrauftrag fort, andererseits sind die Eltern in ihrer unübertragbaren Lehraufgabe vom Pfarramt aus zu ermutigen und zu unterstützen.
Ordination und Bekenntnis als Mittel der Sammlung und als Mittel der politischen Macht
Die Kirchenhistorikerin PD Dr. Christine Stuber nahm uns durch ein Stück Schweizergeschichte mit vom 16. bis ins 20. Jahrhundert.
In den alten Bekenntnissen (Confessio Helvetica prior und posterior) unserer evangelischen Kirchen finden sich neben reformatorischer Lehre zugleich die Kirchenordnung und ethische Richtlinien der Lebensgestaltung im Pfarramt.
Legte ein Pfarrer im 16. Jahrhundert bei seiner Amtseinsetzung den Eid ab, so tat er dies gegenüber seinen Kollegen. Diese Praxis stärkte die pfarrerorientierte Kirche und trug zur inhaltlichen und organisatorischen Einheit der Kirche bei. Das Bekenntnis stärkte und sammelte die Kirche.
Im Laufe des 17. und 18. Jahrhundert wurden Ordination und Bekenntnis zunehmend zu einem Mittel politischer Machtausübung, etwa zur Entlassungen von Pfarrern eingesetzt.
Als seit 1682 waadtländische Theologiekandidaten das Bekenntnis zwar unterschrieben, aber unter der Bedingung, dass es mit der Heiligen Schrift übereinstimme, forderte die Berner Regierung die bedingungslose Unterschrift unter die Konsensformel. Damit setzte die Regierung das Bekenntnis als Instrument ein, um die Loyalität ihrer Geistlichen zum Staat zu kontrollieren.
Augenfällig dabei ist der Unterschied zu den Christusbekenntnissen im Neuen Testament:
Während der Staat Bern im 17. Jahrhundert das Bekenntnis als Machtinstrument gegenüber dem Einzelnen einsetzte, finden wir im Neuen Testament nur Machtlose, die ihr Bekenntnis gegenüber den Mächtigen dieser Welt ablegen.
Im Zuge der Aufklärung und ihrer berechtigten Kritik des politischen Machtanspruches des Bekenntnisses wurde es still um die Konsensusformel. Leider wurde dabei die positive Kraft des Bekenntnisses für die Kirche und die Pfarrer ganz übersehen, und das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Der religiös-neutrale Staat hatte jedes kirchliche Bekenntnis abgeschafft.
In der Mediationszeit führten zwar einige Kantonalkirchen das 2. Helvetische Bekenntnis wieder ein, was den Verlust der Bekenntnisse im Laufe des 19. Jahrhunderts jedoch nicht aufhielt. Damit ist das Bekenntnis in unseren Kirchen nicht nur als Machtmittel verschwunden, sondern offiziell auch als verbindendes Mittel zur Sammlung. Anknüpfungspunkt zu einer Besinnung auf die sammelnde Kraft eines Bekenntnisses könnte die Leuenbergerkonkordie sein, die 1972 auch vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund unterzeichnet worden ist.
Stuber beendete Ihren Vortrag mit einem ermutigenden Anstoss: Ein Bekenntnis der Amtsträger unserer Kirche zu den Grundlagen unseres Glaubens, den biblischen Schriften, Taufe und Abendmahl, könnte einer erneuten Sammlung unserer Kirchen sehr zuträglich sein.
„Gemeindebau“: menschliches Planen und Machen, göttliches Raten und Wirken
Pfr. Dr. Bernhard Rothen stellte „Gemeindebau“-Prinzipien in Bezug zu neutestamentlichen Worten über den Bau des Leibes Christi. Menschlich Unverfügbares und Machbares greifen ineinander in diesem Gemeinde-Bau, der nach den Planen Gottes zusammengefügt wird. Zu diesem grossen Plan gehört die Erwählung Israels, die Zerstörung des Tempels und der Ruf des Apostel Paulus nach Europa. Was für kleine Mitspieler sind wir darin; und doch ist unser Mitspiel wichtig!
Fundament der Gemeinschaft derer, die wir alle Versager sind, ist Petrus mit seinem zerschlagenen Herz. Um uns als lebendige Steine in seinen Bau zu fügen, muss Jesus uns herausrufen, wie Petrus, aus unserer Selbstgerechtigkeit, aus falschen Abhängigkeiten und Loyalitäten zu seiner Ekklesia, der „Herausgerufenen“.
Gemeindebau im biblischen Sinn führt nicht zu sozial stabilen Zuständen, im Sinn einer definierten Gemeinschaft der wahrhaft Berufenen. Wo Menschen zum Glauben finden, werden sie von Christus eingefügt in diesen Bau. Das geschah und geschieht in unterschiedlichsten sozialen Gefässen.
In der Neuzeit gibt es dagegen die Tendenz, das soziale Gefäss des Glaubens auf Freizeitaktivitäten zu reduzieren. Daraus ergibt sich die Versuchung, den Ruf zur Umkehr abzudämpfen zu einer Einladung zum Glauben, der sich als lustvolles stärkendes Angebot präsentiert. Dabei wird der Grundmythos der Moderne akzeptiert, dass Gemeinschaft durch eine Vereinbarung oder einen Vertrag entsteht, also einen partnerschaftlichen Bundesschluss. Jeder entscheidet selbst, und ist also selbst die Grundlage dafür, ob er zur Gemeinde dazu gehören will oder nicht.
Im Hinblick auf die soziale Aufgabe finden wir in der Bibel verschiedene soziale Gefässe zu neutestamentlicher Zeit: Tempel, Synagoge, Symposium und Haus. Sie können uns Denkhilfe sein für unser Mitschaffen am Aufbau der Gemeinde durch Taufe und Abendmahl, durch gottesdienstliche Liturgie, im Bedenken und Auslegen des Bibelwortes, im geselligen Austauschen unterschiedlicher Gaben und im Schützen der geschöpflichen Bindungen in den Häusern als Männer und Frauen mit unseren Grenzen und Gaben.
Aussprache und Ziele
Vor dem gottesdienstlichen Tagungsabschluss im Münster waren ermutigte Stimmen zu hören. Ermutigt, in der eigenen Gemeinde im Talar Christus zu gehorchen, den guten Samen auszusäen im Vertrauen zu dem, der allein das Wachstum schenken kann.
Der Aufruf zu künftigem Sammeln der schweizerischen Pfarrschaft war Ausklang der Tagung.
Andrea Schärer
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