Freiburg (deutsch)
Fribourg (français)
Genève
Ticino
Urschweiz
Valais (français)
Wallis (deutsch)
Besuche:
0 online
56 heute
1582 Monat

Calvin, Ausleger der Bibel

ip-4-2009-vincent-schmid

Seit 1542 hat Calvin die olivetanische Version zur französischen Bibel weiterentwickelt. Unter seinem Einfluss wurde das Prinzip des sukzessiven Überarbeitens durch Expertengruppen angenommen. Er beabsichtigt auch den Nicht-Spezialisten einen Text anzubieten, der so verlässlich wie nur möglich ist. Die französische Bibel stellt einen gut eingegrenzten Text dar. Eine generelle theologische Einführung liefert die Gesamtvision von Calvin. Jedes Buch wird durch ein spezifisches Vorwort eingeleitet. Um den Leser zu leiten, kommen viele weitläufige Lehrnotizen wie auch Querverweise und Worterklärungen dazu.

Von Vincent Schmid

Dieser Umstand betont die Forderung nach einer angeleiteten und kontrollierten Bibellektüre, die das freie Prüfen der Humanisten als subjektiven Illuminismus ablehnt. Studium und Wissen machen den Unterschied.
Trotzdem kommt es vor, dass er in seinen Predigten, die meistens improvisiert sind, die Texte sehr approximativ zitiert. Er erfindet sogar unbekannte Bibelworte! Die so sorgfältig erarbeiteten französischen Versionen verwendet er selber nicht. Er unterrichtet und predigt, den Originaltext in der Hand, und übersetzt frei nach Belieben.


Der Schlüssel zur Schrift

Für Calvin wird die richtige Interpretation durch die umfassende theologische Sicht geprägt, die vor der Interpretation erfolgt. Er versteht die Schrift als Einheit. Mit seiner Sicht der Synthese betont er die Grundabsicht des Autors. Dies erlaubt ihm im entsprechenden Fall «das Ganze wiederherzustellen, was falsch verstanden, verfälscht oder unklar übersetzt worden ist».
Diese Sicht verfeinert sich in den folgenden Ausgaben der Institutio, die Calvin darstellt als «einen Schlüssel und Öffnung, um allen Kindern Gottes Zugang zu gewähren, die Schrift unverfälscht zu vernehmen».


Die Erkenntnis ist eine, die Schrift ist eine

Calvin betont oft die Einheit bei verschiedenen Sequenzen. «Die Übereinstimmung mit den Kirchenvätern in ihrer Substanz und Wahrheitsgehalt ist derart, dass man von Einigkeit sprechen kann. Sie unterscheidet sich nur in der Reihenfolge, wie sie zuteil wurde » (IC). Dem AT und NT liegen die gleichen Offenbarungen ohne Widersprüche zugrunde.
Die Schrift verlangt nach einer einigenden und vereinheitlichten Interpretation. Calvin hasst die Unterschiedlichkeit von Interpretationen: «Wahr ist, dass das Wort Gottes für uns eine solche Referenz darstellen müsste, dass das Mindeste, was uns widerfahren müsste, eine Trennung in Folge von unterschiedlicher Schriftauslegung wäre».
Dies gilt auch für die synoptischen Evangelien. Um sie zu kommentieren, wählt Calvin das System der evangelischen Harmonie. Dieses besteht darin, dass man aus den drei synoptischen Berichten eine einzige Erzählung bildet, weil die Evangelisten per Definition sich nicht widersprechen können…


Interpretieren heisst das Gesetz genau zu prüfen

«Aus welchen Quellen haben UHJC und seine Apostel ihre Doktrin genährt wenn nicht von Moses? Wenn wir alles genau geprüft haben, werden wir feststellen, dass das Evangelium eine einfache Auslegung ist von dem, was Moses vorher angekündigt hatte». Es ist das Gesetz (im Sinne der Torah), das die Erklärungsgrundlage des Evangeliums bildet und nicht umgekehrt. Man muss in Christus alles suchen, das ihm vom Gesetz und den Propheten zugeteilt wurde. Es geht darum, «die Stellen des NT durch die Zeugnisse des Alten zu bestätigen und zu beweisen». Die Schrift zu lesen bedeutet, eine enge Verbindung zwischen dem jüdischen und dem christlichen Teil anzustreben unter Berücksichtigung der Reihenfolge – zuerst das Jüdische, gefolgt vom Griechischen…
Wird im NT das AT in der griechischen Version der Septuaginta zitiert, verwendet Calvin für seine Übersetzung den hebräischen Originaltext. Er hält sich nicht an die Fassung, die von den Autoren des NT für die eine oder andere Schriftstelle des AT als richtig vorgegeben wurde.


Die jüdischen Kommentare

Mit dem Gesetz anzufangen bedeutet, sich mit dessen Kommentatoren zu messen, in erster Linie mit den Rabbinern. Calvin zeigt ein beständiges Interesse an der jüdischen hermeneutischen Tradition, sowohl als Quelle der Inspiration als auch um sie zu widerlegen. Aber er bleibt in einer fortwährenden Diskussion mit ihr.
Mit der Rückkehr zur Schrift als Glaubensregel favorisiert die Reformation die Wiederentdeckung des hebräischen Erbes. Nicht dass Calvin die Zeit gehabt hätte, dieses gründlich zu erforschen, aber er hatte darauf Zugriff durch die Bamberger Bibel, die den hebräischen Text mit den wichtigsten Erklärungen der Rabbiner ergänzt, und durch Kompilationen des Talmuds, die an ein nicht-jüdisches Publikum gerichtet und seit Reuchlin zugänglich waren. Er verfolgte eine doppelte Idee, zum einen respektierte er den speziellen Geist des Hebräischen und zum anderen erfuhr er, wie die jüdische Tradition ihre eigenen Texte interpretiert.
Was den hebräischen Wortschatz angeht, sind es die «hebräischen Doktoren», die für Calvin als Autorität gelten. Es sind diese genialen Sprachkünstler, an die man sich wenden muss, um die spezielle Wortbedeutung bei Moses und den Propheten zu erfahren.
Er ist weder am Midrasch noch an den Allegorien interessiert. Er findet manchmal, dass die Rabbiner in ihren Erfindungen zu kühn sind. Er verspottet die erfundene «Adler-Fabel» im Psalm 103: «Ich gebe ja zu, dass was die hebräischen Doktoren sagen oft wahr ist, aber nicht immer!» Aber Calvin ist kein Mystiker. Er ist von Natur aus nahe einer Denkart, die sehr eng bei den «fantastischen Träumen» ist. Unter allen Umständen bleibt er seiner Linie der Textbedeutung treu, die «klar, einfach und natürlich» sein soll und so der grammatikalischen und philologischen Methode folgt, wie sie von den Humanisten definiert wurde.
Dies ist ohne Zweifel der Grund dafür, dass er die Apokalypse nicht kommentiert hat. Im Vorwort der französischen Bibel zu diesem Buch schreibt er, dass er sich zu wenig auskenne, um es zu kommentieren. Die Apokalypse verlange ein sehr grosses Wissen, das er nicht habe. Eigentlich misstraut er den mystischen und chiliastischen Ausschweifungen, zu welchen dieser Text führen kann. Dies ist eine Konstante dieses bedingungslosen Liebhabers der Ordnung.


Der Bezug zur Tradition

Calvin zeigt eine starke Unabhängigkeit gegenüber den traditionellen Lesarten, besonders derjenigen der Scholastik. Die Reformation hat diesen entscheidenden Beitrag vom Humanismus geerbt. Während man im Mittelalter in der Tradition der Meister denkt, will die neue Schule eigenständig denken. Man ist nicht mehr gezwungen, den Sinn einer Stelle bei diesem oder jenem autorisierten Kommentator zu suchen.
Die Trennung von der Scholastik bedeutet bei weitem nicht, dass man die Lehre der Kirchenväter ignoriert. Calvin folgt in groben Zügen den Schemen der Kirchenväter. Aber der einengende Traditionsbezug muss einem freieren weichen. Und Calvin schöpft nach Belieben in dieser weiten Bibliothek.


Der Zusammenhang Exegese-Predigt

Calvin ist in erster Linie ein Professor-Pfarrer, das heisst ein Bibliker in einer Pfarrerrolle. Er zeigt sich nicht nur besorgt, eine zuverlässige Exegese auszuarbeiten, sondern ebenso viel liegt ihm daran zu „kommunizieren“. Er wiederholt, das vorrangige Ziel der Schriftstudie sei, dass man «den Leuten von Nutzen sei». Durch den biblischen Text und dessen Interpretation kommt der Moment, wo Gott zum Leser redet. Es ist dieser Moment vom «Wort Gottes», das den Gegnern einer magisch-fundamentalistischen Konzeption zeigt, was geschieht, wenn die Schrift im finalen Licht des inneren Zeugnisses des Heiligen Geistes studiert wird.
Die Schrift ist somit sowohl «Spiegel der menschlichen Seele» als auch Spiegel einer gesunden Doktrin.
Dieser Spiegel ist kein Fluchtweg ins Zeitlose. Calvin bleibt ständig empfänglich für die Aktualität seiner Zeit und prüft sie im Lichte der Schrift.
Er hält sich auf dem Laufenden über die wissenschaftliche Forschung seiner Zeit– er liest die letzten Schriften von Bucer, Musculus, Bullinger, Melanchton – und er bezieht sie in sein Denken ein. Er will ja aus «den anderen Schriften Vorteil ziehen».
Unter der Prämisse der Klarheit und der Zugänglichkeit hat Calvin eine gelehrte und kultivierte reformierte Exegese begründet, auch mit dem Ziel der Vertiefung des persönlichen Lebens. Er hat die grosse französische Klarheit in den Dienst am Wort Gottes gestellt.

Dokumente:
 

publiziert am 18.12.2009



zurück
weitere Berichte


Anfang der Seite  -  Verantwortlich für diese Seite: Mark Haltmeier Mail schreiben  -  Pfarrverein