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Lesen die Christen die Bibel noch?

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Es ist offensichtlich und einfach festzustellen, dass die Bibel in den historisch protestantischen Kreisen weniger gelesen wird. Das Bild des Protestanten, der jeden Abend vor dem Zubettgehen seine Bibel liest, ist reichlich naiv. Das schwindende Vertrautsein der Protestanten mit der Bibel, bewirkt eine dramatische Schwächung der biblischen Kultur. Zugleich wurde sie von den unterrichtenden Pfarrern als Chance erkannt: Jugendliche sind interessiert diese neue Literatur zu entdecken, sei es die Bibel oder diesen Unbekannten, der Jesus genannt wird! Ja, es gibt noch Gemeindemitglieder, die die Bibel lesen, aber in einer rückläufigen Anzahl.

Von Daniel Marguerat

Die wachsende Ignoranz gegenüber der Bibel erklärt, warum biblische Themen in den letzten Jahren so viel Erfolg in den Medien hatten. Ich denke an den Beitrag der israelischen Archäologie zur Lektüre des Alten Testamentes (Israël Finkelstein et Neil A. Silberman, Die enthüllte Bibel, 2006) oder an die erfolgreichen Sendungen von Gérard Mordillat und Jérôme Prieur auf dem TV Kanal Arte (Corpus Christi, Der Ursprung der Bibel, Apokalypse). Millionen von Fernsehzuschauern haben bei dieser Gelegenheit entdeckt, wie komplex die Arbeit der Exegeten des Neuen Testamentes trotz ihrem ganzen Fachwissen ist.
Merkwürdigerweise haben diese Medienerfolge in kirchlichen Kreisen Verunsicherungen ausgelöst, insbesondere in der katholischen Kirche von Frankreich. Die Art und Weise, wie die Autoren die Fragen formulierten, kann den Schock erklären. Die Verlässlichkeit des biblischen Textes wurde einer unerbittlichen Untersuchung unterzogen. Man lernt dabei, dass die Ankunft Israels in Kanaan nicht dieses triumphierende Epos war, wie es das Buch Richter berichtet, sondern das gewagte Eindringen zusammengewürfelter Horden. Man erfährt, dass Jesus von Nazareth den Aufschwung des Christentums weder geplant noch organisiert hat.
Oft sind die vorgebrachten Thesen unverhältnismässig oder nicht geprüft. Aber was mich interessiert, ist das beispiellose Interesse, das durch diese spitzfindigen Themen hauptsächlich in nicht praktizierenden Kreisen geweckt wurde. Diese ganz neue Betrachtung der Gründung Israels oder des Christentums bringt die Bibel aus der Sakristei heraus, wo sie für viele verborgen war. Sie erfahren, dass dieses Monument der Weltliteratur ein historisches Dokument ist, das von unzählbaren wissenschaftlichen Arbeiten bearbeitet wurde, die so seriös und gewissenhaft sind wie Forschungen der Molekularbiologie. Dieses Publikum beansprucht das Christentum als Wurzel ihres kulturellen Erbes, aber nicht in einem konfessionellen oder praktizierenden Sinn.


Die Bibel gehört allen

Wir erleben eine Zeit wo man befürchten muss, dass diese zwei Publikumsgruppen sich den Rücken zukehren: auf der einen Seite die engagierten Christen, die ihre Bibel anbeten, und auf der anderen die Leute, die interessiert die Texte mit einer, auf den ersten Blick gotteslästerlichen Wildheit, auseinandernehmen. Nun aber wurde der «Bibelfernkurs» vor 60 Jahre im Kanton Waadt gegründet, um gegen diese dramatische Scheidung zu kämpfen. Dieser Bibellesekurs verfolgte zwei Ziele: einerseits will er zur Bildung der christlichen Bevölkerung durch die Veröffentlichung der Resultate des exegetischen Wissens beitragen; anderseits den Bibelzugang den Lesern und Leserinnen auf dem diskreten Korrespondenzweg eröffnen, die nicht einer Gemeinde oder kirchlichen Institution angehören. Indem die visionären Gründer diese zwei Gruppen anvisierten, brachten sie zum Ausdruck, dass die Bibel allen gehört und, dass ihre Lektüre der Treffpunkt für die Praktizierenden, wie auch für die Nicht-Praktizierenden ist. Ein Treffpunkt wo die einen und anderen ihre Lektüren und ihre Standpunkte austauschen. Die Bibel ist nicht nur Schatz von Spiritualität, sondern auch ein kultureller und religiöser Schatz der Menschheit.
Was steht auf dem Spiel bei dieser Bibellektüre, die für alle zugänglich ist? Ich nenne zwei Punkte.


Die persönliche Lektüre neu situieren

Zuerst einmal ist man gestört, wenn man mit einer anderen Lektüre als der eigenen konfrontiert wird. Niemand liebt es, gedrängt zu werden, vor allem nicht wenn es um sein Innenleben geht. Informiert durch das exegetische Wissen führt hingegen dazu, dass sich die persönliche Lektüre verändert, indem sie sich erneuert. Der Exeget zielt entgegen der Vorstellung nicht zuerst darauf ab, dem Leser zusätzliches Wissen zu vermitteln. Was den biblischen Text tötet, ist nicht unser mangelndes, sondern unser übermässiges Wissen! Welcher Vertrauter des Neuen Testamentes erwartet ungeduldig eine Lektion über die Parabel des Samariters (Lk 10) oder über die Geschichte der Geburt von Jesus (Lk 2)? Die Ungeduld kommt nicht auf, weil man überzeugt ist im Voraus zu wissen, was der Text sagt (man muss ihn schon gar nicht mehr lesen!)
Der Exeget stellt folgende Fragen: Sind Sie sicher, dass der Text das aussagt? Sind Sie sicher, dass er nur dieser Banalitätsbehälter oder Moralvorrat ist, wie Sie es sich vorstellen? Anders gesagt: ob wir praktizierend sind oder nicht, wir kommen an den Text heran mit Eindrücken, Erinnerungen an eine Predigt, gehörten Sachen und malerischen Bildern, die bewirken, dass der Text sich verschliesst. Mit der Arbeit der Exegeten konfrontiert zu sein, kann ätzend sein. Die Verheissung dieser Auseinandersetzung ist, dass man die lebendige Stärke des Wortes wiederentdeckt, indem man die Wissensschichten entfernt, die sich in der Zeit angesammelt haben.


Den Text wieder in seine Geschichte hineinversetzen

Seit den Anfängen im Jahre 1949 wollte der «Bibelfernkurs» die Resultate einer exegetischen Methode den Teilnehmern vermitteln: die der historisch kritischen Analyse. Diese Methode, die in der protestantischen Universitätswelt des XIX Jahrhunderts geboren ist, postuliert, dass der Text nicht unabhängig der Geschichte, in die er geschaffen und für welche er geboren wurde, verstanden werden kann. Man sagt oft, dass diese historischen Umwege langweilig seien, wenn nicht gar unnutz. Aber man versteht nichts vom Buch Jeremiah, wenn man missachtet, mit welcher politischen Welt er sich herumschlägt. Es ist auch notwendig, dass man die Briefe an die Korinther in den Kontext der Vertrauenskrise zwischen dem Apostel und den Christen von Korinth stellt, wenn man etwas davon begreifen will. Ausser man koranisiert die Bibel oder man verpackt sie in zeitlose Urteile, muss man die Inkarnation des Textes in die Dimension der Geschichte beachten und respektieren, ausserhalb derer er nichts zu sagen hat.
Ein Beispiel unter vielen. Wenn man aufhören will, den Apostel Paulus mit der antifeministischen Etikette auszustaffieren, die er nicht verdient, reicht es die Kopftuchangelegenheit der Frauen in Korinth (1 Kor 11, 2-16) in seine Strategie der Rechts- und Verantwortlichkeitsgleichheit von Mann und Frau in der Kirche wieder hineinzuversetzen. Das ist die Art Kirche, die er geschaffen und organisiert hat. In Korinth beten und prophezeien die Frauen wie die Männer während dem Gottesdienst. Man kann sich fragen: wo erlebt man heute solch eine Aufwertung der Frauenrolle in der Gemeinde? Ab und zu, aber nicht mehr. Die Bibel ist wahrhaftig nicht unsere Vergangenheit, sondern unsere Zukunft.

Dokumente:
 

publiziert am 18.12.2009



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